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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 01.09.2010

Die Friseuse - Ein Film von Doris Dörrie. Verlosung
Evelyn Gaida

Hauptdarstellerin Gabriela Maria Schmeide ist mit sofortiger Wirkung voll da, wirbelt resolut und wortgewaltig eine ... AVIVA verlost 3 DVDs und 3 Blu-rays



... etwas hilflose, später dankbare Kundin herum, zelebriert ihr Metier und erzählt derweil ihr extrem bewegtes Leben, beim Färben hat sie ja genug Zeit.

Das Changieren der Schauspielerin zwischen Unersch√ľtterlichkeit und Traurigkeit ist beeindruckend. "Die Friseuse" l√§sst sich definitiv nicht unterkriegen, das wird schnell klar, und wer k√∂nnte einer so entschlossenen und authentischen Berliner Schnauze widersprechen? Fazit: "Ick f√ľhl ma jut!" Das ist ihrer sprudelnden Redelust zufolge alles andere als selbstverst√§ndlich, Multiple Sklerose wird als unerwarteter Schocker erw√§hnt, au√üerdem habe sie eigentlich alles verloren ... Der Hauptinhalt des Films zeigt schlie√ülich r√ľckblickend das erz√§hlte Auf und Ab ihrer Geschichte bis zu eben diesem Punkt im Friseursalon. Schmeide brilliert als Friseuse Kathi K√∂nig durchgehend, ihr (Ost-)Berliner Sprachwitz ist unwiderstehlich, ansonsten hat der Film selbst seine H√∂hen und Tiefen.

F√ľr Kathi K√∂nig kommt es ganz dicke. Sie ist nicht nur so √ľbergewichtig, dass sie sich morgens √§chzend mit Hilfe eines Seils aus dem Bett ziehen muss, sondern auch noch arbeitslosund von ihrem Mann f√ľr ihre (ehemalige) beste Freundin verlassen worden. Zu ihrer pubertierenden Tochter, mit der sie gerade frisch nach Berlin-Marzahn in die Plattenbausiedlung gezogen ist, hat sie ein gespanntes Verh√§ltnis, dann kommt ‚Äď unter anderem ‚Äď auch noch die niederschmetternde MS-Diagnose hinzu. Nicht nur als Kom√∂die und Satire, sondern auch als Sozialdrama hat sich D√∂rries Film mit so viel Schicksalsschl√§gen den Mund ziemlich voll genommen.

Geradezu "halsbrecherisch" tritt K√∂nig einen schwer gebeutelten, aber unumst√∂√ülich schlagfertigen Marsch gegen die Unbilden der B√ľrokratie, des Finanzwesens, der Gesellschaft an. "Mit Klauen und Z√§hnen" will sie um die "FriseurInnen"-Stelle im "Eastgate" k√§mpfen, einem Marzahner Einkaufszentrum nach amerikanischem Vorbild. (O-Ton: "Ja, ich wei√ü, ich soll nicht mehr Friseuse sagen, sondern Friseurin, aber ich bin nun mal Friseuse.") Von der Chefin wird sie jedoch als "nicht √§sthetisch" abgewiesen. Beim Anblick eines leer stehenden China-Restaurants setzt sich die Friseuse im tr√§umerischen Delirium daraufhin einen aberwitzigen Plan in den Kopf: Ihren eigenen Konkurrenz-Salon zu er√∂ffnen, gleich gegen√ľber vom Ort des ungl√ľckseligen Vorstellungsgespr√§chs.

Dazu braucht sie neben ihrem Durchhalteverm√∂gen vor allem eines: Geld. Anl√§sslich der folgenden Odyssee zu Beh√∂rden, Banken und Beratern gelingt D√∂rrie ein am√ľsanter und anr√ľhrender Wechsel zwischen fahlen Gesichtern im Schauhauslicht der B√ľros und Amtsstuben, papierenem Paragraphendeutsch, Absurdit√§t, Satire und Menschlichkeit. Die Puste geht der Handlung etwas aus, als die streitbare Ostberlinerin zur Komplizin eines halbseidenen Schleusers wird, die "geschleusten" illegalen VietnamesInnen jedoch in ihrer Wohnung stranden und es nicht mehr so recht vorangehen will mit der Glaubw√ľrdigkeit und den Pointen. Bei Kathis Ausflug als "Friseuse auf R√§dern" ins Altersheim erreichen letztere ihren absoluten Tiefschlag unter die, √§h, G√ľrtellinie: Ein Senior tut sich durch regelm√§√üiges Masturbieren beim Glatzewaschen hervor.

Abgesehen von solchen Schwachstellen ist der Film vor allem durch zweierlei interessant. Zum einen durch die lebensechte und detailreiche Sprachfreude. Der imponierenden Schlagfertigkeit K√∂nigs werden kleine und feine Nebenbemerkungen beigemischt, die sowohl dem Milieu als auch den Charakteren ihren Realit√§tscharakter verleihen. Von den VietnamesInnen wird Kathi trotz ihrer desolaten Lage irrt√ľmlicherweise st√§ndig "Frau K√∂nigin" genannt. Mit Redewendungen nimmt sie es selbst nicht so genau und muss die "Karotten aus dem Feuer" holen oder die "L√§use" ertragen, die ihr Ex-Mann der gemeinsamen Tochter ins Ohr setzt. Kleinigkeiten, die in den Dialogen eine gro√üe Wirkung entfalten.

Zum anderen ist die Darstellung der Protagonistin hervorzuheben. Klischees werden gekonnt und unterhaltsam ausgespielt, aber nicht instrumentalisiert, um allzu platte Botschaften an die B√ľrgerInnen zu bringen. Kathi K√∂nig ist eine √ľberaus widerspr√ľchliche Figur, ihre eigenen √Ąu√üerungen auch nicht "politisch korrekt": "Blo√ü weil ick dick bin, muss ick ja nich och auf Dicke stehn." Gerade deshalb ist ihre Weigerung, ungl√ľcklich zu sein, bewundernswert, die sonst vielleicht als konstruierter "Hollywood"-Heroismus durchgefallen w√§re. Ihre Durchsetzungsf√§higkeit wirkt glaubhaft und stark, ihr Mangel an kritischer Selbstwahrnehmung wird jedoch ebenfalls gezeigt. Wohlmeinend, aber gnadenlos nervt√∂tend versucht sie ihrer Tochter Kleidung und Konzertbegleitung aufzuschwatzen und ist √ľberhaupt verbal nicht zu stoppen, mal im guten, mal im nervigen Sinne.

Das k√∂rperliche √úbergewicht wird filmisch weder zum heimlichen Lebensideal stilisiert, noch als "un√§sthetisch" disqualifiziert. D√∂rrie widersetzt sich dem Kaschieren von Fett wie die Faust dem Auge. Der Film verschreibt sich der Nahsicht auf volumin√∂se K√∂rperlichkeit. Einerseits befreit diese das Dicksein im Beth-Ditto-Trend mit unkonventioneller √Ąsthetik aus der Verh√ľllung, schie√üt andererseits aber oft √ľber das Ziel hinaus. In die Spanner-Position versetzt, sehen die ZuschauerInnen wie Gabriela Maria Schmeides Body Double morgens in den Schl√ľpfer steigt oder die Br√ľste zum Eincremen ihrer Unterseite anhebt. Bedenklich schnaufende Beschwerlichkeit und heldinnenhafter Glaube an sich selbst, allen R√ľckschl√§gen zum Trotz, stehen in die "Die Friseuse" nebeneinander.

AVIVA-Tipp: In Doris D√∂rries erstmaliger Verfilmung eines nicht von ihr stammenden Drehbuches trifft die erstklassige Hauptdarstellerin Gabriela Maria Schmeide auf eine Handlung mit Schwachstellen, die h√§ufig zu "dick" auftr√§gt. Widerspr√ľche anstelle allzu plakativer Botschaften sind ansonsten der Vorzug dieses oft sehr am√ľsanten und anr√ľhrenden Films. Eine √ľbergewichtige Friseuse k√§mpft sich wortstark durch die (Plattenbau-)Schluchten Berlin-Marzahns, des Jobcenters, der B√ľrokratie und Intoleranz. Ihr Berliner Mundwerk ist dabei unschlagbar ‚Äď ihm k√∂nnen sich auch die ZuschauerInnen gerne ergeben!


AVIVA-Berlin verlost 3 DVDs und 3 Blu-rays. Bitte schreiben Sie uns, welcher nationalen Minderheit die Eltern der Hauptdarstellerin Gabriela Maria Schmeide angehören und senden Sie uns bis zum 01.10. 2010 eine Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de



Die Friseuse
Label: Constantin Film
Bildformate: 2.35:1 in 16:9
Tonformate: DD 5.1, DTS, Deutsche Untertitel f√ľr H√∂rgesch√§digte m√∂glich
Sprache: Deutsch
Anzahl Disks: 2
V√Ė: 12. August 2010
Gesamtspieldauer: ca. 102 Minuten
Extras: Interviews (ca. 14 Min.), Blick hinter die Kulissen (ca. 3 Min.), Darsteller-Infos

Blu Ray
Bildformat: 2.35:1, 16:9
Tonformat: Deutsch DTS-HD High Resolution 5.1, Deutsche Untertitel f√ľr H√∂rgesch√§digte m√∂glich
V√Ė: 12. August 2010
Länge: ca. 106 Min.
Extras: Interviews (ca. 14 Min.), Blick hinter die Kulissen (ca. 3 Min.), DarstellerInnen-Infos

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.friseuse.film.de

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Gewinnspiele Beitrag vom 01.09.2010 Evelyn Gaida 





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