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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 15.07.2011

Selim ├ľzdogan - Heimstra├če 52. Verlosung
Jana Muschick

Die Teenagerin aus "Die Tochter des Schmieds" ist erwachsen geworden. Die junge Frau versteht es, zu tr├Ąumen, sich nach dem Vergangenen..., AVIVA verlost 3 B├╝cher



... zu sehnen eine Sehnsucht, die sie niemals verlassen wird.

"Die Tochter des Schmieds" (2005)

In Selim ├ľzdogans erstem Roman um G├╝l, die Tocher des Schmieds Timur, lernt die Leserin ein kleines M├Ądchen kennen und begleitet es bis zum Teenageralter in Anatolien.
"Glanz meiner Augen", kurz "G├╝l", ÔÇô nennt der liebevolle Vater sie in Erinnerung an seine fr├╝h verstorbene Frau, die aussah "wie ein St├╝ck vom Mond". Um den Lebensunterhalt des M├Ądchens zu sichern, wird die junge G├╝l mit dem Friseur Fuat verheiratet. Der ist zwar eher gro├čspurig, doch er kann den Vater schnell von seinen ernsten Absichten ├╝berzeugen. Da der Bildung f├╝r M├Ądchen in den 1950er Jahren in der T├╝rkei keine gro├če Rolle beigemessen wurde, brachte man sie schnell in die Ehe, um sie versorgt zu wissen.

Am Ende dieses ersten Romans zieht Fuat nach Deutschland. G├╝l wird ihm folgen und ein v├Âllig neues Leben in der Fremde mit ihm verbringen. Dass sie daf├╝r in einer gro├čen Firma am Flie├čband stehen muss und dass sie sich wiederholt um ihren alkoholkranken Mann k├╝mmern wird, wei├č G├╝l hier noch nicht.

Weit, weit weg ÔÇŽ

Der zweite Roman um G├╝l mit dem Titel"Heimstra├če 52" beginnt mit ihrer Ankunft in Deutschland. Ohne Sprachkenntnisse, ohne ihre T├Âchter Ceren und Ceyda, zieht sie aus dem kleinen Dorf in Anatolien nach Bremen, um dort mit ihrem Mann Geld zu verdienen und den Kindern ein besseres Leben zu erm├Âglichen. Doch die Hoffnungen, die sie in ein Leben in Deutschland setzte, werden schnell von der Wirklichkeit eingeholt. Zwar verdienen G├╝l und Fuat sehr gut, so dass sie sich alles kaufen k├Ânnen, was sie sich w├╝nschen, doch G├╝ls Mann trinkt und verspielt zuviel Geld in den Caf├ęs der Stadt. Erst in Deutschland lernt G├╝l, was Sehnsucht bedeutet ÔÇô ein Gef├╝hl, das sie nie mehr verlassen wird.

"Lang war die Reise, lang wie die Reisen in M├Ąrchen ÔÇŽ"

Ein Jahr sp├Ąter kommen ihre T├Âchter in die Bundesrepublik. Nach einem Sommer in der Heimat voller Auberginen, Baklavas und hei├čer Sonne werden sie in Deutschland "sozialisiert". Mit ihnen lernen auch die Eltern ein neues Land kennen, das sie ohne den Schulunterricht der Kinder so nie wahrgenommen h├Ątten.

Doch G├╝l sehnt sich zur├╝ck nach Anatolien, nach ihrem Vater und dem elterlichen Obstgarten ÔÇô auch wenn ihr Mann diese Sehnsucht nicht teilt. Fuat distanziert sich immer st├Ąrker von einer R├╝ckkehr in die T├╝rkei. Zwar baut er seiner Frau ein Haus in der N├Ąhe der Schmiedschen Wohnung, G├╝l und ihre T├Âchter ziehen dort auch ein, doch er schiebt seine R├╝ckkehr weiter auf und wird, was G├╝l noch nicht wei├č, nie wieder in der T├╝rkei wohnen. Die Eheleute begreifen bald, dass sie, bis auf den Versuch eines gemeinsamen Lebens, nichts gemeinsam haben. Was bleibt, als die T├Âchter das Haus verlassen haben, ist die Frage nach dem Danach, nach einer Zukunft f├╝r G├╝l, der die Regeln ihrer Gegenwart stets von M├Ąnnern aufoktroyiert wurden.

Ein Leben zwischen den Welten

Die Einwanderin der ersten Generation, die so viel aus ihrem Land vermisste, sich einer v├Âllig neuen Gesellschaft anpassen sollte und schlie├člich ÔÇô mit fast 40 Jahren ÔÇô weder in der T├╝rkei noch in Deutschland zu Hause zu sein scheint, wei├č, dass die Ankunft in der T├╝rkei nicht ihr letztes Ziel ist. Das Leben von Selim ├ľzdogans Figur ist eines von vielen Einwanderinnen, die ihren M├Ąnnern folgten, gelockt von den Versprechen des Reichtums und des Gl├╝cks. Obwohl ihre Heimat f├╝r sie nie an Bedeutung verlor, wurde sie mit den Jahren zu einem Traum, der mit der Wirklichkeit nicht mehr viel gemein hatte.

Selim ├ľzdogans Roman zeichnet einen Kreis der Ankunft und des Abschieds. Eine Erz├Ąhlung, fast ein modernes M├Ąrchen, ├╝ber ein fremdbestimmtes Leben mit einem Mann, den G├╝l erst verlassen kann, nachdem alle famili├Ąren Pflichten erf├╝llt sind.

AVIVA-Tipp: Selim ├ľzdogan hat nach dem ersten G├╝l-Roman erneut ein Buch geschrieben, das ber├╝hrt und nach dem Lesen der letzten Seite noch lange nachhallt. Frau kann gar nicht anders, als diese naive und zugleich weise Frau zu bewundern, die mit so viel St├Ąrke durch das ihr vorgeschriebene Leben geht. Ein Blick aus tiefstem Herzen auf das Sein zwischen den Nationen und auf die Hoffnung, doch irgendwann irgendwo anzukommen.

Zum Autor: Selim ├ľzdogan, 1971 in Adana/T├╝rkei geboren, ist ein deutsch-t├╝rkischer Schriftsteller, der mit seinen scheinbaren Adoleszenzromanen nicht nur die die Emotionen von Jugendlichen zum Klingen bringt. Sein erster Roman "Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist" (1995) wird als Kultbuch gehandelt. Er schreibt vielf├Ąltig, denkt offen und ist ÔÇô auch in Lesungen ÔÇô ein echter Lese- und Ohrenschmaus.


AVIVA-Berlin verlost 3 B├╝cher. Bitte senden Sie uns den AVIVA-Tipp aus unserer Rezension zu Oksan Svastics - J├╝disches Istanbulper E-Mail bis zum 20.08.2011 an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de



Selim ├ľzdogan
Heimstra├če 52

Aufbau Verlag, erschienen: Februar 2011
Gebunden, 302 Seiten
ISBN-13: 978-3-351-├č3337-8
19,95 Euro


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