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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 25.11.2012

In ihrem Haus - Ein Film von Francois Ozon mit Kristin Scott Thomas. Ab 29. November 2012 im Kino
Martina Wittneben

Ein SchĂŒler erschleicht sich das Vertrauen eines MitschĂŒlers. In voyeuristischen Texten liefert er seinem Lehrer literarische Beobachtungen, die diesen immer mehr faszinieren bis ihm schließlich...



... die Kontrolle ĂŒber die Ereignisse entgleitet.

Der Literaturlehrer Germain (Fabrice Luchini), Typ zerbeulte Cordhose und Hemd unter dem Strickpullover, kehrt nach den großen Ferien an das LycĂ©e Gustave Flaubert und damit an den Hort des Durchschleusens immer austauschbarer und desinteressierter werdender SchĂŒlerInnen zurĂŒck. WĂ€hrend er sich den Sommer mit Schopenhauer-LektĂŒre versĂŒĂŸen konnte, blickt er nun leicht verwirrt und ein wenig lebensfremd hinter seiner Woody-Allen-Brille hervor und sagt SĂ€tze wie "Wir machen uns Gedanken ĂŒber das UnglĂŒck in der Welt, die wahren Barbaren sitzen in unseren Klassen." Die geistige EntrĂŒcktheit der Figur Germains, die sich in einer Mischung aus Unbeholfenheit und Überheblichkeit niederschlĂ€gt, scheint dabei wie maßgeschneidert fĂŒr Luchini, einer der zurzeit gefragtesten Schauspieler Frankreichs.

Als Germain der Klasse die Aufgabe gibt, einen Essay ĂŒber ihr vergangenes Wochenende zu schreiben, droht er bei der Korrektur abermals an den banalen ErgĂŒssen seiner SchĂŒtzlinge zu verzweifeln, bis er auf die Geschichte von Claude (Ernst Umhauer) stĂ¶ĂŸt. Minutiös und bis ins intime Detail beschreibt der eher schĂŒchterne SchĂŒler aus der letzten Reihe, wie er sich mit seinem MitschĂŒler angefreundet hat, um dessen "ganz normale Familie" zu beobachten.

Fasziniert von dem literarischen Talent seines SchĂŒlers erliegt Germain nach anfĂ€nglichem Zögern dem androgynen Charme des intelligenten Jungen, ermutigt ihn, sich seinen ProtagonistInnen stĂ€rker zu nĂ€hern und die Geschichte spannender zu gestalten. In einer Mischung aus beinahe verliebter Bewunderung und Lust am Korrigieren versorgt Germain Claude mit Literatur und dramaturgischen Tipps. Claudes Stimme aus dem Off lĂ€sst die ZuschauerInnen derweil gleich Hitchcocks "Fenster zum Hof" den filmisch in Szene gesetzten Fortsetzungen seiner ErzĂ€hlung beiwohnen.

Germains Frau Jeanne (Kristin Scott Thomas), die eine Galerie moderner Kunst betreibt (von ihrem Mann als "Kunst fĂŒr Bescheuerte" bezeichnet) wird zur einzigen Mitwisserin dieser ErzĂ€hlung. Schnell erkennt sie, dass der Junge ihn manipuliert. Dennoch gerĂ€t auch Jeanne immer mehr in den Bann von Claudes Geschichte. Zu sehr verfließt der Blick Claudes auf das Leben in dem Haus seines Freundes mit ihrem eigenen, scheint der Geruch, die Stimme und der Körper "der Frauen der Mittelschicht" auf unheimliche Art auch sie zu meinen.
Die britische Schauspielerin Kristin Scott Thomas versteht es grandios, die beherrschte Strenge und kĂŒhle Eleganz von Jeanne zugleich mit der Aura einer domestizierten Leidenschaft zu umgeben. Und ebenso wie Germain immer tiefer in den gefĂ€hrlichen Sog von Claudes Phantasien gerĂ€t, kommt es auch bei ihr zur schleichenden Erosion ihrer wohligen bĂŒrgerlichen StabilitĂ€t.

Wunderbar prÀzise spielt der 22-jÀhrige Ernst Umhauer die unterschwellige Bedrohung, die sein leises LÀcheln zunehmend beunruhigender werden lassen und die ZuschauerInnen gleichzeitig zu eingeweihten Vertrauten machen.
Geschickt wirbelt Filmemacher Ozon die Perspektive von ErzĂ€hlerIn und ErzĂ€hltem durcheinander und durchzieht seine Filmgeschichte ironisch mit Zitaten der Weltliteratur, insbesondere des französischen Romanciers Gustave Flaubert, nach dem nicht zufĂ€llig die Schule Germains benannt ist. So erinnert die frustrierte Mutter des MitschĂŒlers, die nach Höherem strebt an "Madame Bovary" oder Claude selbst an die "Erziehung der GefĂŒhle", die er gewissermaßen selbst durchlebt.

Ozons Lust an dramaturgischer Übertreibung lĂ€sst ihn dabei einige Szenen bis zur Groteske ĂŒberspitzen und den Film insgesamt auch als Parodie auf die Macht der Manipulation erscheinen. Einmal lĂ€sst er Germain und Jeanne ins Kino gehen und beendet die Einstellung mit einem Zoom in den Scheinwerfer des Projektors, was die Vermutung nahe legt, dass das "Haus" auch eine Metapher sein könnte. Eine Metapher fĂŒr die Werkstatt des Filmemachers als BrutstĂ€tte der Geschichten, die das Leben und die Phantasie auf die Leinwand schreiben. Dass er in dem beobachteten Haus acht Puppen auftauchen lĂ€sst und damit seinen eigenen Film "8 Frauen" zitiert, unterstreicht diesen selbstironischen Aspekt des Films.

Francois Ozon lĂ€sst auch nach dem dramatischen Finale offen, was von der Geschichte Claudes imaginiert und was real ist oder ob gar alles nur der Phantasie eines frustrierten Literaturlehrers entspringt. "In ihrem Haus" ist ein virtuoses Spiel mit der Phantasie und letztendlich auch eines, das der Regisseur mit den ZuschauerInnen treibt. Der Spannung, die diesen temporeichen und in vielen Momenten auch sehr komischen Film trĂ€gt, tut das keinen Abbruch. Nur eine Gewissheit steht am Ende, die letztendlich der NĂ€hrboden fĂŒr alle Geschichten ist: "Irgendeinen TĂŒröffner gibt es immer, um in das Haus einzutreten."

Zu den HauptdarstellerInnen:

Fabrice Luchini
wurde 1951 in Paris geboren und zĂ€hlt zu den wichtigsten französischen Theater- und Filmschauspielern. Er arbeitete bereits 2010 mit Francois Ozon zusammen als er in "Das SchmuckstĂŒck"(Potiche) neben Catherine Deneuve und GĂ©rard DĂ©pardieu einen tyrannischen Fabrikbesitzer spielte.

Kristin Scott Thomas wurde 1960 in Redruth, Cornwall geboren. 1996 wurde sie fĂŒr ihre Rolle in "Der englische Patient" mit dem Oscar nominiert und spielte danach Hauptrollen in Filmen, wie "Der PferdeflĂŒsterer" oder "So viele Jahre liebe ich Dich". FĂŒr letzteren gewann sie 2008 den EuropĂ€ischen Filmpreis als Beste Darstellerin und war zudem fĂŒr den Golden Globe Award nominiert.

Zum Regisseur und Drehbuchautor: Francois Ozon wurde 1967 in Paris geboren. Er war sowohl mit Komödien, wie "Das SchmuckstĂŒck" (2010) und "8 Frauen" (2002), als auch mit tiefgrĂŒndigen Charakterstudien wie "Unter dem Sand" erfolgreich. FĂŒr "In ihrem Haus" (Originaltitel: "Dans la Maison")wurde er beim Internationalen Filmfestival in Toronto mit dem FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritiker- und Filmjournalistenvereinigung ausgezeichnet. Beim Internationalen Filmfestival in San SebastiĂĄn erhielt "In ihrem Haus" den Hauptpreis der Goldenen Muschel fĂŒr den besten Film und wurde gleichzeitig fĂŒr das beste Drehbuch ausgezeichnet.

AVIVA-Tipp: Dieser wie ein Thriller anmutende Film mit komödiantischen bis teilweise grotesken ZĂŒgen lĂ€sst die ZuschauerInnen ein virtuoses Spiegelkabinett der Phantasie mit brillanten DarstellerInnen betreten. "In ihrem Haus" ist eine gelungene Hommage an die Welt der Imagination und ein wahres Feuerwerk an ĂŒberraschenden Wendungen, das bis zum Schluss in Atem hĂ€lt.

In ihrem Haus
Originaltitel: Dans la maison
Frankreich, 2012
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon nach dem StĂŒck von Juan Mayorga
DarstellerInnen: Fabrice Luchini, Ernst Umhauer, Kristin Scott Thomas, Emmanuelle Seigner, Bastien Ughetto, Denis MĂ©nochet, Yolande Moreau.
Laufzeit: 105 Minuten
FSK: 12 Jahre
Verleih: Concorde
Kinostart: 29. November 2012
www.inihremhaus-derfilm.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Swimming Pool von Francois Ozon

Das SchmuckstĂŒck. (Potiche)

Sarahs SchlĂŒssel

So viele Jahre liebe ich Dich

Die Schwester der Königin

Kultur Beitrag vom 25.11.2012 AVIVA-Redaktion 





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