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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 26.09.2010

Shahada - Glaubensbekenntnis und -konflikte
Evelyn Gaida

Wer bist du? Wen liebst du? Woran glaubst du? Der afghanischstĂ€mmige Nachwuchsregisseur Burhan Qurbani stellt in seinem Diplomfilm große Fragen in der Auseinandersetzung mit dem Islam und liefert...



... einen Episodenfilm, der um existenzielle Konflikte kreist. Die drei in Berlin lebenden Hauptcharaktere Maryam, Samir und Ismail werden durch einschneidende Ereignisse aus der Bahn geworfen und mĂŒssen einen völlig neuen Zugang zu sich selbst, ihrem kulturell gespaltenen Dasein, ihrer Umwelt und ihrem Glauben finden.

"Shahada" ist das islamische Glaubensbekenntnis und die erste der fĂŒnf SĂ€ulen des Islam. Die anderen vier SĂ€ulen bilden als KapitelĂŒberschriften den Subtext zur Handlung des Films, die somit in einen spirituellen Zusammenhang gestellt wird und das GegenwĂ€rtige als aktuelle Ausgestaltung des Zeitlosen betrachtet. Die kunstvollen Überschneidungen des Vorspanns werden von einer Musik begleitet, die von weit her zu kommen scheint: Ist hier der Meeresgrund zu sehen oder sind es die ineinanderfließenden Farben eines Aquarells?

Qurbani nĂ€hert sich den aufgewĂŒhlten Emotionen seiner ProtagonistInnen durch eine skizzenhafte, ausdrucksstarke Bildsprache und eine teils elementare Metaphorik. Das kulturelle Grenzland, in dem sich diese MuslimInnen bewegen, drĂŒckt sich auch im vorherrschenden grĂŒnlich-blĂ€ulichen Licht aus, das die Szenen einhĂŒllt, als spiele sich die Handlung in der "blauen Stunde" zwischen Tag und Nacht ab. Trotz erzĂ€hlerischer SchwĂ€chen findet der Regisseur so zu einer expressiven und oft ergreifenden Herangehensweise. Der Film enthĂ€lt weder eine (integrations-)politische Botschaft, noch eine ideologische, sondern findet kraft seiner Bilder und des intensiven Spiels der HauptdarstellerInnen einen sehr persönlichen Zugang zur Problematik seiner Figuren, die dennoch keine rein individuelle bleibt.

Die Story klingt konstruiert, erhĂ€lt auf diese Weise aber emotionales Gewicht und Vielschichtigkeit: Maryam (Maryam Zaree) ist die Tochter des toleranten und aufgeklĂ€rten Berliner Geistlichen Vedat (Vedat Erincin), der eine muslimische Gemeinde leitet. Das Leben der unternehmungslustigen und freizĂŒgigen jungen Frau gerĂ€t völlig aus den Fugen, als sie ungewollt schwanger wird und das Kind mit einer illegalen Pille abtreibt. Ausgerechnet in einem Nachtclub setzt die Wirkung ein und fĂŒhrt zu einem Drama auf der Toilette, das die ohnehin extreme Situation an dieser Stelle unnötig ins Überzogene schraubt. Die andauernden starken Blutungen hĂ€lt Maryam in ihrer Verzweiflung fĂŒr eine Strafe Gottes und wendet sich daraufhin einem radikalen GlaubensverstĂ€ndnis zu.

Der Nigerianer Samir (Jeremias Acheampong) ist Sohn einer streng glĂ€ubigen, alleinerziehenden Mutter (Yolette Thomas) und KoranschĂŒler in Vedats Moschee. Im Großmarkt arbeitet er mit Daniel (Sergej Moya) zusammen, der aufgrund seiner HomosexualitĂ€t von Sinan (Burak Yigit), einem MitschĂŒler Samirs aus dem Koranunterricht, stĂ€ndig auf das Übelste beschimpft und drangsaliert wird. Samir stĂŒrzt in eine heftige, glaubensbedingte Krise, als Daniel sich in ihn verliebt und er dessen GefĂŒhle erwidert. Er legt Daniel gegenĂŒber eine wĂŒtende Abwehrhaltung an den Tag, die nur von kurzen Momenten zaghafter und sehnsĂŒchtiger AnnĂ€herung durchbrochen wird.

Ismail (Carlo Ljubek) ist ein tĂŒrkischstĂ€mmiger Polizist, der mit einer deutschen Ärztin (Anne Ratte-Polle) verheiratet ist und mit ihr ein Kind hat. Der Islam spielt fĂŒr ihn keine bedeutende Rolle, doch auch er sieht sich einer lebensentscheidenden Situation ausgesetzt. WĂ€hrend einer Razzia begegnet er Leyla (Marija Ć karicic) wieder, deren Sohn er bei einem Dienstunfall versehentlich erschossen hatte. Der innere Drang, Leyla helfen zu mĂŒssen, entfernt ihn immer mehr von seiner Familie.

Neben der einfĂŒhlsamen Darstellungsweise liegt die besondere QualitĂ€t des Films darin, dass alternative DenkanstĂ¶ĂŸe, aber keine Antworten gegeben werden. Qurbani zeigt seine Hauptfiguren als Fische auf dem Trockenen, die angesichts existenzieller Fragen gerade in dogmatischen Regelwerken keine tragbaren Lösungen finden. Er schreitet eine Grenze menschlichen Begreifens ab, die sich auch durch Religion nicht ĂŒberwinden lĂ€sst. Der Koran wolle "uns anleiten und Trost spenden, aber er kann uns nicht sagen, wer wir sind und wie wir zu uns stehen", so Vedat. Die Kommunikation des Geistlichen mit seiner Tochter misslingt jedoch – sie bleibt mit ihrem Gewissenskonflikt allein. Den emotionalen ZĂŒndstoff dieser Glaubens- und IdentitĂ€tskrisen hinterlegt Qurbani dennoch mit einer SpiritualitĂ€t, die sich sowohl der regulierenden Fremdbestimmung als auch der Beliebigkeit entzieht, aber in der Bildlichkeit, dem Soundtrack und der verzweifelten Suche der Hauptfiguren ihren Ausdruck findet. FĂŒr welchen Weg die ProtagonistInnen sich letztlich entscheiden werden, bleibt offen.

AVIVA-Tipp: "Shahada" ("Glaubensbekenntnis") eröffnet brachliegendes Terrain: Der Episodenfilm betrachtet die Glaubens- und IdentitĂ€tskonflikte seiner Hauptfiguren, drei junge Menschen in Berlin mit muslimischem Hintergrund, nicht aus einer (integrations-)politischen oder ideologischen Perspektive, sondern als intime und oft sehr berĂŒhrende Auseinandersetzung mit Islam und SpiritualitĂ€t. Die starke Bildsprache und das intensive Spiel der HauptdarstellerInnen wird zudem mit einem gefĂŒhlvollen Einblick in den Alltag von MuslimInnen in Deutschland verbunden.

Zum Regisseur: Burhan Qurbanis Eltern mussten 1979, einen Tag vor dem Einmarsch der Roten Armee, aus Afghanistan nach Deutschland fliehen und erhielten dort politisches Asyl. Nach seinem Abitur 2000 in Stuttgart sammelte er Erfahrungen am Theater. 2002 trat er sein Studium der Spielfilm-Regie an der Filmakademie Baden-WĂŒrttemberg an. Burhan Qurbanis Kurzfilme wurden unter anderem mit dem Preis der Deutschen Filmkritik 2008 fĂŒr "Illusion" ausgezeichnet sowie der "Black Pearl" als "Best Upcoming Filmmaker Of The Year" im selben Jahr.
"Shahada", Burhan Qurbanis erster abendfĂŒllender Spielfilm, gewann im Rahmen der 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin den Preis der Gilde deutscher Filmkunsttheater und im August 2010 den First Steps Award in der Kategorie "Sonderpreis Kamera". Es folgten der Hessische Filmpreis als "Bester Spielfilm", der "Gold Hugo" als bester Nachwuchsregisseur beim Chicago Film Festival und "Best Leading Performance" beim Monterrey Film Festival in Mexiko fĂŒr Maryam Zaree, die beim Internationalen Filmfestival in Gent/Belgien auch eine "Besondere ErwĂ€hnung als beste Schauspielerin" erhielt.

Shahada
Deutschland 2009
Buch und Regie: Burhan Qurbani
DarstellerInnen: Carlo Ljubek, Maryam Zaree, Jeremias Acheampong, Marija Ć karicic, Vedat Erincin, Sergej Moya, Anne Ratte-Polle u.a.
Verleih: 3Rosen
LauflÀnge: 90 Minuten
Kinostart: 30. September 2010

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.shahada-der-film.de

www.facebook.com/shahadafilm

www.3rosen.com

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Kultur Beitrag vom 26.09.2010 Evelyn Gaida 





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