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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 21.03.2011

Im Himmel, unter der Erde ÔÇô Der j├╝dische Friedhof Wei├čensee. Ein Film von Britta Wauer
Ayala Goldmann

Lebendig, spritzig, humorvoll und ber├╝hrend: Der Berliner Regisseurin Britta Wauer ist mit ihrer Dokumentation ├╝ber den j├╝dischen Friedhof in Berlin-Wei├čensee ein Film gelungen, ...



... der nicht Tod und Trauer, sondern das Leben in den Mittelpunkt stellt.

Der idyllisch gelegene Friedhof in Berlin-Wei├čensee (Bezirk Pankow) wurde 1880 angelegt. Mit 115. 000 Grabstellen ist er der gr├Â├čte noch aktive j├╝dische Friedhof Europas. Das Gr├Ąberfeld ist Dreh- und Angelpunkt der 90min├╝tigen Dokumentation von Britta Wauer: Mit originellen Kameraeinstellungen zeigt sie zu verschiedenen Jahreszeiten die Natur auf dem Friedhof, der wie ein gro├čer Wald wirkt, und die teilweise von Wind und Wetter angegriffenen Grabsteine. Doch im Mittelpunkt von Wauers Film stehen nicht Steine, sondern Menschen.

Viele, die in ihrem Alltag mit dem Friedhof zu tun haben, kommen zu Wort ÔÇô zum Beispiel eine Familie, die mit einem Kleinkind auf dem Gel├Ąnde des Friedhofs lebt und dort "ein Leben fast wie im Wald" f├╝hrt, mit Vogelgesang am Tag und Fuchsgeheul in der Nacht. Aber auch Sch├╝lerInnen aus Berlin-Pankow, die das Gr├Ąberfeld als Inspiration f├╝r ihren Kunst-Leistungskurs nutzen, geraten ins Blickfeld der Kamera. Sp├Ąter begleitet Wauer die jungen Menschen in ihr Klassenzimmer. Dort entwerfen die GymnasiastInnen eigene Grabinschriften am Rei├čbrett - ein spielerischer, kreativer Umgang mit der eigenen Verg├Ąnglichkeit.

Nat├╝rlich hat die Regisseurin auch auf Interviews mit ZeitzeugInnen nicht verzichtet. W├Ąhrend der Besuch einer j├╝dischen Familie aus den USA auf dem Friedhof viele Tr├Ąnen weckt, ist ein Interview mit dem 1927 geborenen Harry Kindermann, der heute in Ludwigshafen lebt und sich eher beherrscht gibt, das eigentliche Herzst├╝ck des Films. Als Sohn eines auf dem Friedhof angestellten Fundamentenmaurers wuchs der junge Mann praktisch auf dem Gr├Ąberfeld auf. Wie andere j├╝dische Kinder aus Berlin fand er dort w├Ąhrend der NS-Zeit Zuflucht vor der feindlichen Au├čenwelt und erlebte in Wei├čensee als 16j├Ąhriger seine erste Liebe (das junge M├Ądchen wurde 1942 in ein Konzentrationslager deportiert). Die Geschichte der jungen Marion Ehrlich hat den Mann sein Leben lang begleitet ÔÇô seiner einzigen Tochter gab er den Namen der ermordeten Jugendfreundin.

Sie wollte nicht nur tragische Geschichten finden, sondern auch sch├Âne, die vom Verlieben erz├Ąhlen, sagt Regisseurin Britta Wauer. Es ist ihr gelungen. Das bedeutet nicht, dass furchtbare Kapitel des Friedhofs ausgelassen werden ÔÇô wie die Gr├Ąber der vielen Menschen, die den Freitod der Deportation vorzogen. Auch die Geschichte w├Ąhrend der DDR-Zeit wird ausf├╝hrlich erz├Ąhlt ÔÇô zum Beispiel, wie der Friedhof jahrzehntelang vernachl├Ąssigt und dann Ende der 80er Jahre unter anderem durch FDJ-Eins├Ątze wieder minimal hergerichtet wurde. Oder wie die SED-F├╝hrung auf den geplanten Bau einer sechsspurigen Autobahn durch eine zentrale Achse des Friedhofs dann doch lieber verzichtete, nachdem unter anderem die West-Berliner J├╝dische Gemeinde dagegen protestiert hatte.

AVIVA-Tipp: "Im Himmel, unter der Erde ÔÇô der j├╝dische Friedhof Wei├čensee" versteht es trefflich, mit dem Thema Tod und Verg├Ąnglichkeit auf eine Weise umzugehen, die nicht deprimiert, sondern sogar erheitert. Interviews mit William Wolff, dem Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern, geben Hintergr├╝nde ├╝ber die j├╝dische Bestattungskultur - auch dies geschieht mit einem leicht ironischen Unterton. Sch├Ân sind auch die Interviews mit Angestellten des Friedhofs und der j├╝dischen Gemeinde ÔÇô nach einigen Anl├Ąufen gelang es der Regisseurin, die zum Teil spr├Âden M├Ąnner aus der Reserve zu locken.

Zur Regisseurin: Britta Wauer, geboren 1974, absolvierte ihre Ausbildung an der Berliner Journalisten-Schule und arbeitete zun├Ąchst in der Redaktion von "Spiegel TV Reportage" in Hamburg. 1997 begann sie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin "dffb" ihr Regie-Studium. W├Ąhrenddessen drehte sie mehrere Kurzspielfilme und arbeitete als Regie- und Produktionsassistentin f├╝r Jutta Br├╝ckner, Tom Zenker und Helmut Dietl. F├╝r ihren Vordiplomsfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie "Heldentod - Der Tunnel und die L├╝ge" erhielt sie den Deutschen Fernsehpreis und f├╝r den Abschlussfilm "Die Rapoports" (zusammen mit Sissi H├╝etlin) den Grimme-Preis. Mit "Gerdas Schweigen" hat Britta Wauer 2008 die Familiengeschichte des RBB-Moderators Knut Elstermann verfilmt. Die Dokumentation "Im Himmel, unter der Erde ÔÇô der j├╝dische Friedhof Wei├čensee" drehte sie gemeinsam mit ihrem Lebensgef├Ąhrten, dem Kameramann Kaspar K├Âpke.

Awards

"Im Himmel, unter der Erde" erhielt 2011 den Panorama-Publikumspreis der Berlinale f├╝r den Bereich Dokumentation

Im Himmel, unter der Erde ÔÇô Der j├╝dische Friedhof Wei├čensee
Deutschland, 2010
Drehbuch und Regie: Britta Wauer
Verleih: Edition Salzgeber
FSK: ab 6 Jahren
Laufl├Ąnge: 90 Minuten
Sprachen: DF
Kinostart: 07. April 2011

Der Soundtrack zum Film ist erschienen bei Alhambra Records

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Der J├╝dische Friedhof Wei├čensee. The Jewish Cemetery Weissensee. Momente der Geschichte. Moments in History von Am├ęlie Losier und Britta Wauer

"Gerdas Schweigen" , der Film von Britta Wauer nach dem Buch von Knut Elstermann

"J├╝dische Friedh├Âfe in Berlin" von Johanna von Koppenfels.

"J├╝disches Berlin - Photos aus Kaiserreich und Weimarer Republik", erschienen im Jaron Verlag, 2008

"Berliner Juden 1941 - Namen und Schicksale", herausgegeben von Hartmut J├Ąckel und Hermann Simon.

"J├╝disches im Gr├╝nen. Ausflugziele im Berliner Umland" herausgegeben von Judith Kessler und Lara D├Ąmmig.

"Deutsche j├╝dische Architekten vor und nach 1933" von Myra Warhaftig.

"Juden. B├╝rger. Berliner. Das Ged├Ąchtnis der Familie Beer - Meyerbeer ÔÇô Richter".

"Juden in Berlin ÔÇô Biografien" herausgegeben von Elke-Vera Kotowski.

"Geschichte des j├╝dischen Alltags in Deutschland", herausgegeben von Marion Kaplan.

Das j├╝dische Berlin. 1. Teil (aus 2004).




Kultur > Kino Beitrag vom 21.03.2011 AVIVA-Redaktion 





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