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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.07.2007

Alice Schwarzer ‚Äď Die Antwort
Stefanie Denkert

Mehr als drei Jahrzehnte sind seit Beginn der Neuen Frauenbewegung vergangen, aber welche Ziele des Feminismus sind erreicht? Wo stehen wir heute? Hier kommt das "Alice-Prinzip"



Endlich meldet sich Deutschlands bekannteste Feministin wieder mit einem neuen Buch zu Wort. In "Die Antwort" geht Alice Schwarzer elf Behauptungen rund um Frauen und M√§nner nach, um sie systematisch zu entkr√§ften. Denn, eben diese Behauptungen, die uns als Wahrheiten aufgetischt werden, haben Methode ‚Äď und Schwarzer macht deutlich, wer davon profitiert und wie Frauen trotz juristischer Gleichberechtigung weiterhin diskriminiert werden.

Zun√§chst geht Alice Schwarzer dem Klischee "Frauen sind von Natur aus anders" auf den Grund. Dabei formuliert sie so deutlich, wie es leider in letzter Zeit kaum ein/e andere/r in der Geschlechterdebatte getan hat, dass der Mensch und seine Sexualit√§t zu komplex sind, als dass man die "Entweder/Oder-Schablone" (Natur vs. Erziehung, hetero- vs. homosexuell) anlegen k√∂nnte. Ziel der Frauenbewegung ist es schlie√ülich - und das √ľberrascht immer noch viele - Frauen und M√§nner von den Rollenzw√§ngen zu befreien, damit sie einfach "Mensch" sein k√∂nnen.
Mit "Im Namen des Propheten" widmet sich Schwarzer der Unterdr√ľckung von Frauen im muslimischen Kulturkreis innerhalb und au√üerhalb Deutschlands. Bereits seit drei Jahrzehnten k√§mpft sie f√ľr Frauen, die unter dem fundamentalistischen M√§nnlichkeitswahn ‚Äď vom Kopftuch bis zum Ehrenmord - leiden. Die muslimischen Frauen in Deutschland m√ľssen in ihrer Emanzipation, gleicherma√üen wie die Frauen in den Entwicklungsl√§ndern best√§rkt und unterst√ľtzt werden.

Bereits erreichte Ziele der Frauenbewegung, wie das Recht auf Abtreibung, k√∂nnen uns auch wieder weggenommen werden. Wie versucht wird, uns dieses Recht streitig zu machen, dar√ľber schreibt sie in "Abtreibung ist Mord". Im Gegensatz zu den Behauptungen von AbtreibungsgegnerInnen sind Feministinnen nie Pro-Abtreibung, sondern "pro-choice" - also f√ľr die M√∂glichkeit, legal abzutreiben. Gleichzeitig hat die Frauenbewegung sich nicht gegen Mutterschaft positioniert, sondern f√ľr eine Verbesserung in der Familienpolitik. In "Das Kind braucht die Mutter" fordert Alice Schwarzer, dass V√§ter in die Kindererziehung mehr einbezogen werden und Eltern mehr Unterst√ľtzung vom Staat bekommen sollten, unter anderem durch bessere Betreuungsm√∂glichkeiten. Unter den jungen V√§tern gibt es viele, die sich aktiv an der Kindeserziehung beteiligen wollen, statt nur den "Feierabend-Papi" zu spielen, doch auch ihnen wird es schwer gemacht. So w√§re eine 30/32-Stundenwoche f√ľr berufst√§tige Eltern von kleinen Kindern eine familienfreundliche L√∂sung. Gleichzeitig m√ľssen sich M√ľtter von den hohen Erwartungen befreien, die ihnen in Deutschland (Stichwort: "Rabenmutter") immer noch entgegen gesetzt werden.

Magersucht bzw. Essst√∂rungen ("Ich bin viel zu dick"), Pornographie ("Pornographie ist geil") und Prostitution ("Prostitution wird es immer geben") sind selbstverst√§ndlich Themen, die in "Die Antwort" nicht fehlen d√ľrfen. Auch diese "alten" Themen bekommen ein Update und dabei weist Schwarzer auf den alarmierenden aktuellen Stand - von verhungerten Models, Hardcore-Pornos auf Handys von Jugendlichen, bis zur neuen Salonf√§higkeit des Puff-Besuchs - hin. Die Pornofilmindustrie in den USA macht mittlerweile nicht nur mehr Umsatz als Hollywood, ausgerechnet Deutschland ist der zweitgr√∂√üte Pornomarkt auf dem monatlich √ľber 1000 neue DVDs erscheinen. Von den m√§nnlichen Pornokonsumenten scheuen sich auch nicht wenige f√ľr echten Sex zu bezahlen, so gehen in Deutschland sch√§tzungsweise 70% der M√§nner mindestens einmal in ihrem Leben zu einer Prostituierten. In den USA, wo Prostitution als "wei√üe Sklaverei" gilt, sind es nur ca. 16%. Dass Frauenhandel und Prostitution "unl√∂sbar miteinander verbunden sind", ist vielen Sexk√§ufern nicht bewusst oder es ist ihnen egal, dass von den bis zu 400.000 Prostituierten mindestens zwei Drittel ausl√§ndische Zwangsprostituierte sind. Die UN hat errechnet, dass mit Frauenhandel und Prostitution allein in Deutschland sch√§tzungsweise 15 Millarden Euro umgesetzt werden und weltweit sind es sogar 34 Milliarden Dollar. Wer profitiert? Jedenfalls nicht die Prostituierten, denn die landen laut Studien zu 90% im Alter in der Sozialhilfe. Schwarzer fordert zu Recht einen verst√§rkten gesetzlichen Schutz f√ľr Zwangsprostituierte und auch ein versch√§rftes Unrechtsbewusstsein f√ľr Prostitution. Was sagt es √ľber unsere Gesellschaft aus, wenn M√§nner sich Macht √ľber Frauen erkaufen d√ľrfen und dadurch einen Menschen zur Ware machen?

"Die M√§nner werden sich nie √§ndern" ‚Äď das glaubt Alice Schwarzer nat√ľrlich nicht, denn sie wei√ü, dass mindestens ein Drittel der M√§nner die Emanzipation der Frau begr√ľ√üen. Ein weiteres Drittel k√∂nnte man noch ins Boot holen, die m√ľssen sich aber endlich vom restriktiven M√§nnlichkeitswahn befreien. M√§nner brauchen jedoch "role models", die ihnen zeigen, wie nicht-patriarchalische M√§nnlichkeit aussehen kann und Frauen, die ihre Forderungen an sie deutlich machen.
Abschlie√üend r√§t sie jungen Frauen, sich auf ihre feministischen Vorg√§ngerinnen zu besinnen. Denn die Zeiten m√∂gen sich √§ndern, doch die Ziele des Feminismus bleiben: Gleiche Rechte, Pflichten und Chancen f√ľr m√§nnliche und weibliche Menschen.

AVIVA-Tipp: Das Feedback auf "Die Antwort" war - wie zu erwarten - gemischt. Thea Dorn, Autorin von "Die neue F-Klasse", fand zuviel "lila Rost" und beklagte auf Welt.de, dass Alice Schwarzer seit "mehr als drei√üig Jahren, unver√§ndert" die gleichen Antworten liefert. W√§re nicht eher die Tatsache zu bedauern, dass sich die Situation f√ľr Frauen in vielen Bereichen wenig verbessert (so Vereinbarkeit von Familie und Beruf), sondern sogar verschlechtert hat (Stichwort: Pornographisierung der Gesellschaft)? Alice Schwarzer hat mit "Die Antwort" eines der wichtigsten Werke in der aktuellen Geschlechterdebatte vorgelegt. Auf weniger als 200 Seiten bringt sie die dr√§ngendsten gesellschaftspolitischen Themen auf den Punkt und bezieht dabei junge Frauen, muslimische Frauen, Prostituierte, und M√§nner ein, die von anderen in der Diskussion oft vergessen werden. Geschickt schl√§gt sie immer wieder einen Bogen von den Anf√§ngen der Frauenbewegung bis zur Gegenwart und macht damit "Die Antwort" zu einem gro√üartigen Zeitdokument.

Zur Autorin: Alice Schwarzer (geb. 1942 in Wuppertal) ist Herausgeberin der EMMA, Publizistin und Buchautorin. Seit den Anf√§ngen der neuen Frauenbewegung ist sie aktiv dabei und 1975 ver√∂ffentlichte Schwarzer mit "Der kleine Unterschied und seine gro√üen Folgen", den ersten feministischen Bestseller in Deutschland (√ľbersetzt in 12 Sprachen). 2005 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Alice Schwarzer: "Alice im Männerland"
Thea Dorn: "Die neue F-Klasse"
Mirja St√∂cker (Hrsg.):"Das F-Wort ‚Äď Feminismus ist sexy"
Grethe Nestor: "Die Badgirl-Feministin"
Desiree Nick: "Eva go home - Eine Streitschrift"
Silvana Koch-Mehrin: "Schwestern"
Iris Radisch: "Die Schule der Frauen"

Alice Schwarzer
Die Antwort

Kiepenheuer & Witsch Verlag, erschienen 31. Mai 2007
Gebundene Ausgabe, 208 Seiten
ISBN-10: 3462037730
ISBN-13: 978-3462037739
Euro (D) 16,90, sFr 30,00, Euro (A) 18,40

Weitere Infos finden Sie unter:

Alice Schwarzer:
www.aliceschwarzer.de
EMMA:
www.emma.de
FrauenMediaTurm:
www.frauenmediaturm.de
Kiepenheuer & Witsch Verlag:
www.kiwi-koeln.de

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Literatur Beitrag vom 04.07.2007 AVIVA-Redaktion 





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