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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 02.05.2012

Ida Gerhardi. Deutsche K├╝nstlerinnen in Paris um 1900. Herausgegeben von Susanne Conzen, Hilke Gesine M├Âller und Eckhard Trox. Bildband und Ausstellung zum Jahrestag am 2. August 2012
Ulrike Wagener

Ihren 150. Geburtstag nahmen Hilke Gesine M├Âller u.a. zum Anlass, einen Band ├╝ber Leben und Werk der beeindruckenden K├╝nstlerin zu gestalten. Im Kontext von Arbeiten ihrer Zeitgenossinnen...



...wirft der Band einen Blick auf weibliche Kunstgeschichtsschreibung zwischen Paris und Deutschland.

Im Jahr 1891 verl├Ąsst die junge Frau das wilhelminische Deutschland, in dem K├╝nstlerinnen als "Malweiber" verlacht werden, und zieht v├Âllig mittellos in die Metropole Paris. Ida Gerhardi ist auf M├ĄzenInnen wie die Unternehmerswitwe Emilie Elbers-Osthaus angewiesen. Sie ist entschlossen, nach Annette von Droste-H├╝lshoff die zweite gro├če Frau Westfalens zu werden. Erst in Paris ist es ihr m├Âglich, ein Studium an der Acad├ęmie Colarossi aufzunehmen, denn in Deutschland war es Frauen bis 1919 verwehrt, ├Âffentliche Hochschulen zu besuchen. In Paris lernt sie die Malerinnen Louise Amans, Henriette de R├Ęge, Ottilie Wilhelmine Roederstein und Augusta Ro├čmann kennen. Wenig sp├Ąter entwickelt sie eine enge Freundschaft zu Jelka Rosen, die neben Adele von Finck 1902 in L├╝denscheid ihre Ausstellungspartnerin ist.

Der vorliegende Band ist begleitend zur Ausstellung erschienen. Er besch├Ąftigt sich, neben Gerhardis Leben und Werk, ausgiebig mit den Beziehungen zu K├╝nstlerfreundinnen und F├Ârderern. Besonderes Augenmerk wird dabei auf ihre unterschiedlichen k├╝nstlerischen Positionen gelegt. So war Gerhardi von Roedersteins Malstil zun├Ąchst beeindruckt, distanziert sich jedoch bald von deren Orientierung am herrschenden konservativ gepr├Ągten Kunstmarkt. Zahlreiche Abbildungen zeigen ihre Entwicklung, sowie Einfl├╝sse und Abgrenzungen der K├╝nstlerinnen untereinander.

Ein spannendes Kapitel des Bandes ist den Netzwerken zwischen Berlin und Paris um 1900 gewidmet.
Kollwitz zieht im gleichen Jahr nach Berlin, in dem Gerhardi sich in Paris niederl├Ąsst. Doch vernachl├Ąssigt sie dabei keineswegs ihre Verbindungen nach Berlin. Sowohl Kollwitz und Gerhardi, als auch Julie Wolfthorn, ebenfalls Studentin der Acad├ęmie Colarossi, beteiligten sich um 1900 an Ausstellungen der Berliner Secession. Dieses 1898 gegr├╝ndete Forum der Moderne-Diskussion trieb den deutsch-franz├Âsischen Kulturaustausch ma├čgeblich an. Doch trotz dieses Austausches gibt es Hindernisse. Gerhardi wird in Paris als Zugezogene angesehen, die nur in kollegialen Kreisen (deutscher) K├╝nstlerinnen verkehrt. Obwohl es zeitweise so schien, als w├╝rde ihr "Schiffchen in Deutschland mehr schwimmen" wird sie in der dortigen Kunstszene mehr als Gast wahrgenommen.

Um 1904 sind Gerhardi und die f├╝nf Jahre j├╝ngere deutsche K├╝nstlerin K├Ąthe Kollwitz Zimmernachbarinnen in Paris. Gerhardi schreibt dazu: "K├Ąthe Kollwitz ist sehr nett u. der Kreis, in dem ich augenblicklich verkehre, au├čergew├Âhnlich intelligent u. begabt." Sie begannen, statt der ├╝blichen Naturmotive, Eindr├╝cke aus Tanz- und Kellerlokalen, Stra├čenszenen und Liebespaare darzustellen. Gerhardi malte zu dieser Zeit ├╝berwiegend Tanzbilder. Um Geld zu verdienen, ├╝bernahm sie, wie die meisten ihrer Kolleginnen, Portraitauftr├Ąge.

Am 4. November 1905 wurde der Lyceum Club Berlin gegr├╝ndet. Gerhardi war ein Mitglied der ersten Stunde und profitierte von dem Konzept seiner Gr├╝nderinnen, als unterst├╝tzendes Organ f├╝r k├╝nstlerisch und wissenschaftlich t├Ątige Frauen zu wirken, und diesen durch Ver├Âffentlichungs- und Ausstellungsm├Âglichkeiten ein Forum zu bieten. Der Lyceum Club ging jedoch ├╝ber eine rein k├╝nstlerische Vereinigung hinaus. Er vereinte die Frauen des Berliner Bildungs- und Wirtschaftsb├╝rgertums mit der weiblichen Intelligentia auf sozialpolitischer sowie frauenrechtlerischer Ebene. Neben Gerhardi und deren Freundin K├Ąthe Kollwitz waren auch Alice Salomon und Bertha von Suttner seit seinen Anf├Ąngen in dem Berliner Club vertreten.

Auch Johanna Arnold, Ehefrau des Unternehmers und bekannten M├Ązens Eduard Arnold, geh├Ârte zu den weiblichen F├Ârderern des Lyceum Clubs. Schon bald begannen sie, unterst├╝tzt von den Berliner Museumsdirektoren Hugo von Tschudi und Wilhelm von Bode, eine Privatsammlung aufzubauen. Tschudi, der Gerhardi w├Ąhrend eines Parisaufenthaltes kennenlernte und bis zu seinem Tod 1911 in regem Kontakt mit ihr stand, vermittelte ihr den Auftrag f├╝r die Arnolds eine Kopie der Olympia von Manet anzufertigen. Diese Arbeit l├Âste im Lyceum eine brennende Diskussion um Gerhardis "k├╝nstlerische Erziehung" aus, ├╝berzeugte jedoch den Auftraggeber und verschaffte ihr damit eine sichere Einkommensquelle.

Ausstellungen "Ida Gerhardi. Deutsche K├╝nstlerinnen in Paris um 1900"

Gezeigt werden die Werke Ida Gerhardis in einer Zusammenschau mit rund 40 Gem├Ąlden und Graphiken von acht weiteren deutschen K├╝nstlerinnen, die ebenfalls um die Jahrhundertwende zum Studium nach Paris gingen. Neben Arbeiten bekannter K├╝nstlerinnen wie K├Ąthe Kollwitz und Paula Modersohn-Becker werden auch Werke einiger bisher wenig ber├╝cksichtigter Malerinnen pr├Ąsentiert: Adele von Finck, Annemarie Kirchner-Kruse, Ottilie Wilhelmine Roederstein, Jelka Rosen-Delius, Maria Slavona und Julie Wolfthorn.
Die vollst├Ąndige Ausstellung wird bis zum 15. Juli 2012 in L├╝denscheid gezeigt. Ein Kernbestand der Ausstellung wird von September bis Dezember 2012 im Landesmuseum f├╝r Kunst- und Kulturgeschichte in Oldenburg zu sehen sein.

AVIVA-Tipp: Mit dem Band "Ida Gerhardi. Deutsche K├╝nstlerinnen in Paris um 1900" ist es den HerausgeberInnen gelungen, eine neue Perspektive auf die Kunstszene aus weiblicher Sicht zu entwerfen: Warum lebten viele deutsche K├╝nstlerinnen der Zeit in Paris? Wie waren ihre Beziehungen untereinander und wie haben sie sich gegenseitig beeinflusst oder unterst├╝tzt? Wie reagierte der Kunstmarkt auf den Versuch weiblicher Malerinnen, sich international durchzusetzen? Diese Fragen und noch mehr beantwortet dieser Band umfassend und sensibel.

Die AutorInnen: Texte von Hilke Gesine M├Âller, Annegret Rittmann, Rainer Stamm, Gora Jain, Barbara R├Âk, Heike Carstensen, Edward E. Rowe, Ulrike Wolff-Thomsen, Kathrin Umbach und Susanne Conzen.

Ida Gerhardi. Deutsche K├╝nstlerinnen in Paris um 1900
Herausgegeben von Susanne Conzen (Kuratorin), Hilke Gesine M├Âller (Initiatorin), Eckhard Trox.
Hirmer Verlag, erschienen M├Ąrz 2012
www.hirmerverlag.de
22,5 ├Ś 28,5 cm Gebunden, 252 Seiten, 68 Tafeln in Farbe, 6 in Schwarz-Wei├č, 38 Abbildungen in Farbe und 29 in Schwarz-Wei├č
Kurzbiographien der K├╝nstlerinnen, Abbildungsverzeichnis und ausgew├Ąhlte Literatur im Anhang
ISBN: 978-3-7774-4791-9
39,90 Euro

Weitere Infos unter:

www.ida-gerhardi.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin

"Paris bezauberte mich". K├Ąthe Kollwitz und die franz├Âsische Moderne von Hannelore Fischer und Alexandra von dem Knesebeck (Hrsg.)

"Die Malweiber" 42 Malerinnen-Portraits von Katja Behling und Anke Manigold

"Und ob es sie gab - Impressionistinnen"

"Paula ModersohnÔÇôBecker"

Literatur Beitrag vom 02.05.2012 AVIVA-Redaktion 





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