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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 19.12.2013

Gespiegeltes Ich ‚Äď Fotografische Selbstbildnisse von K√ľnstlerinnen und Fotografinnen in den 1920er Jahren. Herausgegeben von Gerda Breuer, Elina Knorpp
Lea Albring

In Zeiten von Profilbildern als "Selfie" verunglimpft, war das fotografische Autoportrait in der modernen Avantgarde eine aussagekräftige Reflexion von Selbst- und Fremdzuschreibungen. Zugleich...



... ist es bis heute ein wichtiges Mittel k√ľnstlerischer Auseinandersetzung mit der eigenen Identit√§t. In diesem Sinne untersucht diese Aufsatzsammlung weibliche Selbstportraits vor ihrem soziohistorischen Hintergrund.

Ein "Ich-Dialog mit der Kamera"

Rein auf die lexikalische Bedeutung des Wortes hinuntergebrochen ist die Selbstdarstellung eine Darstellung des Selbst ‚Äď ein Anspruch, der mindestens genauso utopisch wie intim ist. Wer kann ‚Äď und vor allem, wer will ‚Äď schon alle Seiten der eigenen Person in nur einer Darstellung zum Ausdruck bringen? Die vorliegenden Selbstportraits der Fotografinnen und K√ľnstlerinnen sind dennoch eher an diesem, denn am konventionellen, tendenziell negativen Verst√§ndnis des Begriffs orientiert. Herausgeberin Gerda Breuer grenzt die Fotografien des Bandes klar von heute g√§ngigen Klischees ab: "Keine Auftragswerke, offenbaren diese Bilder einen hohen Grad an Intimit√§t. Fast nie dienen sie der Repr√§sentation, der Selbstdarstellung f√ľr andere und der Behauptung einer beruflichen Professionalit√§t nach au√üen, vielmehr treten die Frauen in eine Art Ich-Dialog mit der Kamera."

Neue Geschlechter- und Subjektkonzepte stehen im Fokus der Ver√∂ffentlichung, die neben modernen und k√ľnstlerischen Identit√§tskonstruktionen auch neue technische M√∂glichkeiten und genderspezifische Einsch√§tzungen reflektiert und thematisiert.

√úberblicke und Einzelbetrachtungen

Die dreizehn Aufs√§tze gehen zur√ľck auf ein Symposium der Bergischen Universit√§t Wuppertal, auf dem die TeilnehmerInnen Ende 2012 "Fotografische Selbstbildnisse von Designerinnen, Fotografinnen und K√ľnstlerinnen der 1920er und 1930er Jahre" diskutierten. In den ausgearbeiteten Vortr√§gen verfolgen die AutorInnen unterschiedliche Ans√§tze ‚Äď w√§hrend Avantgarde-Expertin Elina Knorpp und Kulturjournalist Klaus Honnef √úberblicke zu der soziokulturellen Situation der Frau um 1920 und den spezifischen Bedingungen f√ľr Fotografinnen zu jener Zeit geben, konzentrieren sich andere auf einzelne K√ľnstlerinnen und Werke. Die Kunsthistorikerin Hella Nocke-Schrepper beispielsweise setzt sich mit den Autoportraits von Germaine Krull auseinander, in denen sie ein zunehmendes weibliches Selbstbewusstsein widergespiegelt sieht.

Inwiefern die Selbstbildnisse von Designerin Marianne Brandt mit der Bauhaus-Geschichte verwurzelt und somit nicht als Ausdruck einer Geschlechter-, sondern einer "Bauhausidentit√§t" zu begreifen sind, fragt hingegen die New Yorker Professorin Elizabeth Otto. Indem Brandt die eigentlich m√§nnlich konnotierte HandwerkerInnenrolle einer Kunst-Konstrukteurin f√ľr sich beansprucht, schafft sie in ihren Selbstbildnissen und Collagen eine produktive Spannung zwischen neuer K√ľnstlerinnenidentit√§t und altem Rollenbild.

In der Zusammenschau der einzelnen Beitr√§ge treten die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede der K√ľnstlerinnen besonders stark hervor. So definieren Claude Cahuns Arbeiten mit Maskierungen und Verkleidungen den Begriff ¬īSelbstbildnis¬ī sehr weit, w√§hrend serielle Autoportraits, beispielsweise von Lucia Moholy und Florence Henri, den Rahmen wieder enger stecken.
Der weit gefasste Begriff des Selbstportrait verleiht der Aufsatzsammlung einen besonderen multiperspektivischen Reiz.
Neben den genannten werden unter anderem Arbeiten von Ilse Bing, Marianne Breslauer, Lotte Jacobi, Dora Maar, Ré Soupault, Varvara Stepanova, Ljubov Popova, Grete Stern und Ellen Auerbach analysiert.

AVIVA-Tipp: "Gespiegeltes Ich" ist eine Sammlung, die vieles in Frage stellt: Fr√ľhere und heutige Konventionen von Selbstdarstellungen und engstirnige Rollenbilder genauso, wie den verk√ľrzten Blick auf das Werk von K√ľnstlerinnen und Fotografinnen. Nicht nur in den Abbildungen, sondern auch in den Texten r√§umt das Buch seinen Akteurinnen den Platz ein, den es braucht, wenn es um die k√ľnstlerische Auseinandersetzung mit so komplexen Themen wie Identit√§t und Selbstwahrnehmung geht. Mit seiner differenzierten Sicht wird diese Ver√∂ffentlichung beachtenswerten K√ľnstlerinnen ebenso wie einem vielschichtigen Ph√§nomen gerecht.

Zu den Herausgeberinnen:

Die Kunsthistorikerin Gerda Breuer, geboren 1948 in Aachen, ist seit 1995 Professorin an der Bergischen Universität Wuppertal, Schwerpunkte ihrer Arbeit sind die Kunst-, Fotografie- und Designgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie lehrte unter anderem in Ann Arbor, Leiden, Aachen, Bielefeld und Köln. Seit 2005 ist sie Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirates der Stiftung Bauhaus Dessau.

Elina Knorpp ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bergischen Universit√§t Wuppertal. Sie arbeitete als freie Kunsthistorikerin f√ľr verschiedene Ausstellungs- und Publikationsprojekte, von 2009-2010 betreute sie als Redakteurin und Herausgeberin zwei Sammlungskataloge des Museum Ludwig (K√∂ln) zur Russischen Avantgarde.

Gerda Breuer, Elina Knorpp (Hg.)
Gespiegeltes Ich. Fotografische Selbstbildnisse von K√ľnstlerinnen und Fotografinnen in den 1920er Jahren

Nicolai Verlag, erschienen Dezember 2013
Gebunden, 192 Seiten, mit 115 Abbildungen
ISBN 978-3-89479-799-7
29, 90 Euro
www.nicolai-verlag.de

Diesen Titel können Sie online bestellen bei FEMBooks

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Female Trouble - Die Kamera als Spiegel und B√ľhne weiblicher Inszenierungen - Inka Graeve Ingelmann

Drei Fotografinnen. Eine Doku von Antonia Lerch

Patricia Gozalbez Cant√≥ - Fotografische Inszenierung von Weiblichkeit. Massenmediale und k√ľnstlerische Frauenbilder der 1920er und 1930er Jahre in Deutschland und Spanien

Madame Man Ray von Unda Hörner

Ellen Auerbach. Das dritte Auge

Ulrike M√ľller - Bauhaus-Frauen. Meisterinnen in Kunst Handwerk und Design

Happy Birthday, Lotte Jacobi

Marianne Breslauer - Unbeobachtete Momente

Marianne Brandt 1893-1983. Fotografien am Bauhaus

Ré Soupault - Die Fotografin der magischen Sekunde und Frauenportraits

Trude Fleischmann - Der selbstbewusste Blick. A Self-Assured Eye





Literatur Beitrag vom 19.12.2013 Lea Albring 





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