Barbara Beuys - Die neuen Frauen. Revolution im Kaiserreich 1900-1914 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im April 2021 - Beitrag vom 07.08.2014


Barbara Beuys - Die neuen Frauen. Revolution im Kaiserreich 1900-1914
Julia Lorenz

Während Kaiser Wilhelm Deutschland auf den Weltkrieg einschwor, probten Frauen den Aufstand gegen Sexismus und Unterdrückung. Historikerin Barbara Beuys zeichnet nun die Geschichte der ersten...




...Welle des Feminismus nach.

Mit dem neunzehnten Jahrhundert, so schien es, verabschiedete sich auch ein Teil der alten Weltordnung. Die Industrialisierung hatte Städte zu Metropolen werden lassen, die Eisenbahn überbrückte räumliche Distanzen und neue Strömungen und Denkschulen stellten die Deutungshoheit der Kirche in Frage. Das Europa der Männerbünde war in die Jahre gekommen. Schon seit der Märzrevolution 1848 hatten Frauen begonnen, immer vehementer ihre Rechte einzufordern, doch erst mit dem Jahrhundertwechsel schien der gesellschaftliche Aufbruch in Gang zu kommen: Frauen wie Alice Salomon und die Publizistin Hedwig Dohm hievten Missstände von der Privatsphäre ins öffentliche Bewusstsein.

Die Historikerin Barbara Beuys portraitiert in ihrem Werk "Die neuen Frauen - Revolution im Kaiserreich 1900-1914" nun die Protagonistinnen der frühen Frauenbewegung. Schon mit Biografien über Sophie Scholl, die Malerin Paula Modersohn-Becker und Annette von Droste-Hülshoff hat sich Beuys als Chronistin der Frauengeschichte verdient gemacht.

Der Titel ihres neuen Werks scheint zunächst irreführend: Nicht 1900, sondern bereits 1849 setzt Beuys an, und zwar mit der Gründung der ersten gesamtdeutschen Frauenzeitung durch Louise Otto. "Dem Reich der Freiheit werb´ ich Bürgerinnen!" verkündete die sächsische Schriftstellerin selbstbewusst - und stieß damit auf heftigsten Widerstand. Obwohl die Zensurbehörde ihre Publikation mit Hausdurchsuchungen und Druckverboten torpedierte und 1853 schließlich ganz verbot, folgte Otto kampflustig ihrem Credo, "wenigstens mit den Ketten zu klirren, die man nicht lösen kann": Nach dem Ende ihrer Frauen-Zeitung setzte sie sich als Schriftstellerin weiterhin für Emanzipation und Gleichberechtigung ein.

Ottos Nachfolgerinnen und den Entwicklungen ab der Jahrhundertwende gilt Beuys´ Hauptaugenmerk. Nicht nur Ikonen gewordenen Frauen wie Else Lasker-Schüler und Clara Zetkin, sondern auch den Leistungen unbekannterer Feministinnen wie Karen Horney und Franziska Tiburtius zollt Beuys Tribut. Dabei verschweigt sie nicht, dass auch so manch subversive Denkerin an den gesellschaftlichen Umständen scheiterte. So zeigt der Werdegang von Clara Immerwahr, der ersten Doktorin der Chemie im "Deutschen Reich", dass die Universitäten ein Männerkosmos blieben, obwohl im Jahre 1900 die ersten deutschen Länder das Frauenstudium eingeführt hatten. Trotz ihrer akademischen Errungenschaften sollte Immerwahr schließlich Hausfrau werden. Auch beleuchtet Beuys dunkle Kapitel der Emanzipationsgeschichte - wie die fatale Begeisterung einiger Frauenrechtlerinnen für die menschenverachtende "Rassenhygiene", von der sich ausgerechnet die Pazifistin Helene Stöcker die Gesundung der Menschheit versprach.

Dass talentierten Künstlerinnen ihr Platz in der Kultur- und Kunstgeschichte aufgrund von fixen Rollenbildern und der strikten Sexualmoral verwehrt blieb, demonstriert eine Szene aus dem Leben von Elisabeth Macke, der Frau des Expressionisten August Macke. Die Einladung zur feierlichen Eröffnung von Herwarth Waldens "Erstem Deutschem Herbstsalon", eine der bis heute wichtigsten Kunstausstellung der Avantgarde, sagte sie auf Anraten ihres Kinderarztes ab, weil sie ihr Baby noch nicht abgestillt hatte. Die Vorstellung, dass sich eine junge Frau auf einem Festbankett in einer ruhigen Minute zum Stillen zurückzieht, passte offenbar nicht ins Weltbild des Doktors.

Dieses und viele andere Beispiele beweisen, dass das Zusammenspiel von Zeitgeschichte und Einzelschicksalen hervorragend funktioniert: "Die neuen Frauen... " ist Einführungs- und Vertiefungslektüre zugleich. Anhand der Biographien starker Frauen aus dem bürgerlichen wie sozialistischem Lager wird deutlich, wie hellsichtig sich Frauen bereits vor über hundert Jahren an Themen des heutigen Feminismus abarbeiteten - und wie viele Debatten aus der damaligen Zeit erschreckend aktuell geblieben sind.

AVIVA-Tipp: Barbara Beuys glückt das Kunststück, die Errungenschaften und Protagonistinnen der ersten Frauenrechts-Welle im Kaiserreich weder zu glorifizieren, noch nachträglich ihre Bedeutung abzuwerten, wie es in der Literatur über die "Neuen Frauen" der Moderne oft der Fall ist. Unterhaltsam und kritisch beschreibt und kommentiert sie, wie mutige Publizistinnen und Psychologinnen, verkannte Künstlergattinnen und Ärztinnen dem Feminismus Kontur verliehen.

Zur Autorin: Barbara Beuys wurde 1943 in Wernigerode geboren. Nach dem Studium der Geschichte, Philosophie und Soziologie schrieb sie für den Stern, die ZEIT und den Merian und veröffentlichte Sachbücher, so beispielsweise zum Widerstand im Nationalsozialismus. Sie ist eine Großnichte von Joseph Beuys.
Weitere Infos zur Autorin unter www.hanser-literaturverlage.de/autoren

Barbara Beuys
Die neuen Frauen - Revolution im Kaiserreich 1900-1914

Hanser Literaturverlage, München, erschienen im Februar 2014
384 Seiten. Fester Einband
24,90 Euro
ISBN 978-3-446-24491-7

Weitere Infos unter www.hanser-literaturverlage.de

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Literatur

Beitrag vom 07.08.2014

Julia Lorenz 






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