Nadja Tolokonnikowa - Anleitung für eine Revolution - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 16.03.2016


Nadja Tolokonnikowa - Anleitung für eine Revolution
Dorothee Robrecht

Die Aktionskünstlerin und Frontfrau der Moskauer Frauen-Punkband Pussy Riot stellte am 14. März 2016 im Maxim Gorki Theater ihr Buch "Anleitung zu einer Revolution" vor. Dorothee Robrecht war für AVIVA da.




Nadja Tolokonnikowa ist eine sehr schöne Frau, eine Frau mit vielen Gesichtern. Auf Verlagsfotos wirkt sie damenhaft, heute allerdings kommt sie als Punk: schwarz geschminkte Lippen zu Leggins mit Totenkopf-Print und schicken Sneakers. Die Bühne betritt sie wie eine, die weiß, dass sie verehrt wird - nicht nur für ihre Schönheit, sondern auch für ihren Mut. Sie hat das System Putin kritisiert und zwei Jahre lang dafür gesessen, in einem Frauengefängnis in der russischen Provinz. Seit 2014 ist sie wieder frei, und sie ist viel unterwegs. Gerade erst war sie in Los Angeles, um neue Musik zu produzieren, und jetzt ist sie in Berlin, um ihr Buch vorzustellen.

"Anleitung zu einer Revolution" heißt es, und es ist eine Mischung aus politischem Manifest und Autobiographie: kein Fließtext, sondern eine Aneinanderreihung kurzer Szenen, dazwischen Aufrufe wie "Lebe so, dass dein Leben ein Film sein könnte", "Tue das Unmögliche" oder "Mach Wasser zu Wein. Sei ein Superheld". Größenwahnsinnig klänge das, wäre da nicht die tatsächlich heroische Biographie der Autorin:
1989 in Sibirien geboren, wird Tolokonnikowa mit 10 zur Feministin. Mit 16 geht sie nach Moskau, um Philosophie zu studieren, und mit 21 fordert sie Putin heraus: in einer spektakulären Aktion, die weltweites Aufsehen erregt und ihr Fans einbringt wie Madonna oder Hillary Clinton. Mit 22 sitzt im Gefängnis, und so menschenverachtend die Umstände dort auch sind – besonders beeindruckt zeigt Tolokonnikowa sich nicht. Ihr Buch beschreibt diese Strafkolonie für Frauen, als wäre es die russische Version von "Orange is the new Black":
"Die Sorokina pisst, als hätte sie einen Schwanz", raunen die Näherinnen der mordwinischen Strafkolonie einander bei der Arbeit zu.
Ich wusste von Sorokina nur, dass sie sich durch die halbe Kolonie gefickt hat. In mir ruft so etwas eine Flut übermenschlicher Zärtlichkeit hervor.

Und weiter:
"Lena sitzt in der Kantine allein am Tisch. Sie isst nicht. Alle im Lager kennen sie, viele lieben sie, und viele beneiden sie. Schön. Vollbusig. Sie hat ordentlich gesessen, schon an die sieben Jahre. … ´Weißt du, weswegen sie sitzt?´, fragt man mich über Lena, als sie nicht dabei ist. ´Weswegen denn?´ ´Sie hat während ihres Orgasmus ihren Mann erstochen.´ ´Schön." Lena enttäuscht mich nie. Solche Sachen. Solche Freunde. Solche Verbrechen."

Tolokonnikowa spricht kein Deutsch, deshalb ist der Abend im Maxim Gorki Theater so arrangiert, dass die Schauspielerin Cynthia Micas Auszüge aus ihrem Buch liest und sie dann befragt wird von einem Landsmann, dem russischen Philosophen Mikhail Ryklin. Das Gespräch misslingt völlig, obwohl Ryklin von den Voraussetzungen her das perfekte Gegenüber ist: Auch er ist Putin-Gegner, und mehr noch: Er war mit einer Künstlerin verheiratet, die ähnliches erlebte wie Tolokonnikowa, mit Anna Altschuk. Auch Altschuk nutzte Kunst für Protest, auch ihr wurde in Russland der Prozess gemacht. Aber: Ryklin ist Jahrgang 1948, und Tolokonnikowa, die fast 40 Jahre Jüngere, lässt ihn gnadenlos spüren, dass er alt ist.

Als Ryklin versucht, ihr Wirken einzureihen in die heldenhafte Geschichte russischen Widerstands gegen Stalin, gegen Putin, lauscht Tolokonnikowa mit geduldigem Desinteresse, um dann einen wirklich widerständigen Künstler zu loben - einen, der sich vor kurzem erst seine Hoden festgenagelt hatte auf dem Roten Platz. Die Frage, warum sie dieses Buch geschrieben habe, ob sie aufrufen wolle zu zivilem Ungehorsam, kontert sie fast lasziv-kokett mit dem Seufzer, sie vergesse immer alles so leicht, sie habe das vor allem für sich geschrieben, einfach, um Sachen behalten zu können. Tolokonnikowa lässt Ryklin auflaufen, immer wieder, und während sie das tut, legt sie ihre Füße auf den kleinen Mikrotisch vor ihrem Sessel, ganz entspannt.

Eine faszinierende Inszenierung von Selbstliebe, die an diesem Abend fast brutal wirkt in ihrer Unbekümmertheit. Und doch ist auch sie ein letztlich politischer Akt, gehört Selbstliebe doch zu den Dingen, die Frauen in patriarchalen Kontexten eher abtrainiert werden. Tolokonnikowa, so ist zu vermuten, liebt sich, sie inszeniert es nicht nur. Und das allein schon hat etwas sehr erfrischendes - nicht nur, aber auch, weil Tolokonnikowa Russin ist, Bürgerin eines Landes, das sexistisch ist bis auf die Knochen. Tolokonnikowa bekämpft Sexismus mit Witz und Spaß, und wie ernst es ihr damit ist, hat sie bewiesen. Girls just wanna have fun, diese Maxime gibt es ja auch hier, aber sich selbst im Gulag noch zu amüsieren, das kann wohl nur die Tolokonnikowa.

AVIVA-Tipp: Lesenswert weniger als politisches Manifest, denn als Selbstdarstellung einer mutigen und verdammt coolen Frau.

Zur Autorin: Nadja Tolokonnikowa (geboren 1989) wuchs in Norilsk auf, einem der am schlimmsten umweltbelasteten Orte der Welt. Mit sechzehn Jahren begann sie ihr Philosophiestudium in Moskau, wo sie sich der künstlerischen Avantgardeszene anschloss und die Bewegung Pussy Riot mitbegründete. Nach dem "Punk-Gebet", mit dem Pussy Riot die enge Verflechtung von Kirche und Staat in Russland kritisierten, wurde sie 2012 zu zwei Jahren Haft im Straflager verurteilt. Seit ihrer Freilassung engagiert sich die Politaktivistin für menschlichere Bedingungen im russischen Strafvollzug. Nadeschda lebt mit ihrem Mann und ihrer siebenjährigen Tochter in Moskau.
(Verlagsinformation)

Nadja Tolokonnikowa
Anleitung für eine Revolution

Übersetzt von Friederike Meltendorf und Jennie Seitz
Flexibler Einband, 224 Seiten
Hanser Berlin, erschienen 22.2.2016
ISBN 978-3-446-24774-1
17,90 Euro
www.hanser-literaturverlage.de

Weitere Infos unter:

Twitter account von Nadja Tolokonnikowa, mit Ausschnitten von der Lesung

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Literatur

Beitrag vom 16.03.2016

AVIVA-Redaktion 






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