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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 09.08.2016

Kathrin Umbach - Die Malweiber von Paris. Deutsche K√ľnstlerinnen im Aufbruch
Yvonne de Andrés

Im erzkonservativen deutschen Kaiserreich wurden K√ľnstlerinnen ver√§chtlich als "Malweiber" abgetan. Ihr Mekka der Kunst und der Ort, an dem ihnen ein selbstbestimmtes k√ľnstlerisches Leben m√∂glich war, war Paris.



In die Welt hinaus - in die Selbstbestimmung

"So kurz und eng die Rue de la Grande Chaumi√®re auch ist, so war sie doch damals so etwas wie ein Weltzentrum. Hier lagen die Akademien Colarossi und Grande Chaumi√®re, zu denen t√§glich zahllose Kunststudierende aus aller Welt pilgerten, und sie m√ľndete auf den Boulevard Montparnasse gerade gegen√ľber dem Caf√© du D√īme, wo die wichtigsten Kunstfragen von den bedeutendsten K√ľnstlern diskutiert wurden." Das Ziel um 1900 f√ľr die zehn vorgestellten Malerinnen Martha Bernstein, Ida Gerhardi, Annemarie Kirchner-Kruse, K√§the Kollwitz, Sabine Lepsius, Paula Modersohn-Becker, Marg Moll, Clara Rilke-Westhoff, Maria Slavona und Mathilde Vollmoeller-Purrmann hie√ü Paris. Im "Mekka der Kunst" wehte der Duft der Liberalit√§t und der pers√∂nlichen und k√ľnstlerischen Freiheiten, hier konnten sie an den angesagten Kunstakademien uneingeschr√§nkt studieren.

1914 blieb den Frauen in Deutschland das Studium noch verwehrt. Ihre Kunst hatten sie in privatem Unterricht erlernt. Im Kaiserreich galt es als unanst√§ndig, wenn Frauen k√ľnstlerischen Ehrgeiz entwickelten, Kreativit√§t war nur im h√§uslichen Bereich gern gesehen. Zwar gab es an der Stuttgarter Kunstakademie auch "Damenklassen", doch hierf√ľr ben√∂tigten sie die schriftliche Erlaubnis der Eltern. Au√üerdem war f√ľr Malerinnen das Studium verk√ľrzter, eingeschr√§nkter, und finanziell √ľberteuerter als das ihrer m√§nnlichen Kollegen. Aus dem Unterricht der Aktmodelle waren Malerinnen ausgeschlossen. So erkl√§rt sich, warum das Sujet des Stilllebens so h√§ufig verwendet wurde. Die Ausbildungssituation von K√ľnstlerinnen um 1900 setzte einen starken Willen, viel Energie und Unbeirrbarkeit voraus, um den Lebenstraum und Berufswunsch, "Malerin" zu werden, umzusetzen.

Der Begriff "Malweiber" klingt in unserem heutigen Verständnis dynamisch und positiv, das Schimpfwort von Damals hat eine Umdeutung zu einem sympathischen Ehrentitel erfahren.
Vorurteile und Karikaturen, wie die im "Simplicissimus" abgebildeten, geben Auskunft √ľber die Engstirnigkeit der Atmosph√§re im Kaiserreich. Die Malerinnen wurden als verbiestert, h√§sslich und talentlos dargestellt, dazu sagte man ihnen "ein wildes Leben in der Boh√®me nach".
Martha Bernstein (1874-1955) setzte diesem Klischeebild ironische Schwarz-Wei√ü-Tuschezeichnungen entgegen: "Und da sagt man, dass Malerinnen nicht gut aussehen!" Die Malerin, Karikaturistin, Buchautorin, Vortragsrednerin und Journalistin wuchs in einem musischen Umfeld auf und entschloss sich schon im Alter von 16 Jahren, Kunst zu studieren. Sie √ľberlebte den Holocaust, indem ihr 1941 die Flucht in die Schweiz gelang.

Die Wege der im Katalog "Die Malweiber von Paris. Deutsche K√ľnstlerinnen im Aufbruch" vorgestellten Malerinnen haben sich in Paris mehrfach gekreuzt, in den Akademien oder im kosmopolitischen Montparnasse-Viertel, wo alle gewohnt haben.

Ida Gerhardi (1862-1927) war wie K√§the Kollwitz und Maria Slavona zun√§chst an der Damenakademie in M√ľnchen ausgebildet worden, bevor sie 1891 nach Paris ging, um an der Acad√®mie Colarossi zu studieren. Es war eine beliebte Privatschule, vor allem bei jungen Frauen und ausl√§ndischen Studierenden. Sie malt Tanzbilder, weibliche Akte und Selbstbildnisse. Ida Gerhardi ist nicht nur eine hervorragende Malerin, sie wei√ü sich auch zu vermarkten. Sie nimmt Kontakt auf zum M√§zen und Museumsgr√ľnder Karl Ernst Osthaus, der die Er√∂ffnung seines Folkwang-Museums plant. So √∂ffnet sie ihm die Ateliers von Auguste Rodin, Aristide Maillol, Henri Matisse und Maurice Denis und vermittelt so Ank√§ufe f√ľr dessen Museum. Sie pflegte Freundschaften mit K√§the Kollwitz und mit Maria Slavona. Eine gro√üe Hilfsbereitschaft zeichnet sie aus. K√§the Kollwitz, die zeitweilig ihre Nachbarin war, sch√§tzte sich gl√ľcklich, sie zu kennen: "Sie war in Paris zuhause, das ihr nicht verschlossen war, √ľberall stand sie gut mit den Menschen und fand sie Eingang."

Sabine Lepsius (1864‚Äď 1942) war die Tochter des Historienmalers Gustav Graef und dessen Sch√ľlerin. Zwei Leidenschaften bewegten sie: Malerei und Musik. Da sie trotz gro√üer Musikalit√§t an der K√∂niglichen Akademischen Musikhochschule in der Komponistenklasse als Frau abgewiesen wurde, wandte sie sich der Malerei zu. Sabine Lepsius und Maria Slavona zog es bereits in den1890er Jahren nach Paris. Sabine Lepsius studierte wie auch K√§the Kollwitz an der Privatakademie von Rodolphe Julian. Sabine Lepsius schreibt: "Wir wurden ernst genommen! Jede Sch√ľlerin wurde in ihrer Eigenart best√§rkt." In einem Brief an ihren sp√§teren Mann Reinhold Lepsius schreibt sie: "Ich bin ganz gl√ľcklich √ľber meinen versp√§teten Fr√ľhling und lebe ihn so gern, dass ich wirklich nicht mehr an andere Jahreszeiten denke. ‚Äď Ich tanze." Sie hat sich in Paris als erfolgreiche Portr√§tmalerin bewiesen. 1892 heiratet sie den Maler Reinhold Lepsius und zieht mit ihm nach M√ľnchen und sp√§ter nach Berlin. Ohne ihre Zusage, mit ihren Portr√§ts zum Familieneinkommen beizutragen, w√§re die Ehe wom√∂glich nicht geschlossen worden. In ihren Briefen beklagt sie die Doppelbelastung als K√ľnstlerin und Mutter von vier Kindern: "Ich war nur zum Geldverdienen auf der Welt. Schade um die Gaben." 1900 portr√§tiert sie ihre Sch√ľlerin Mathilde Vollmoeller. 1908 l√§dt diese sie nach Paris ein. Sabine Lepsius in ihrem Brief an Mathilde Vollmoeller: "Was Sie da schreiben, ist f√ľr mich eine absolute Versuchung, der ich sicher nicht widerstehen werde. [...] ‚Äď Wie lieb, wie reizend, dass Sie so an mich denken! Ich bin es gar nicht mehr gew√∂hnt. ‚Äď Bin vielmehr nur noch gew√∂hnt, dass man mich aufgibt, weil ich zu sehr von meinen Kindern und sonstigen Pflichten in Anspruch genommen bin." 1908 wird eines ihrer Gem√§lde aus der Berliner Secessions-Ausstellung ausgeschlossen. Sabine Lepsius war wie K√§the Kollwitz und Martha Bernstein Mitglied des Berliner Lyceums-Club. Die Aufgabe bestand darin, k√ľnstlerisch und wissenschaftlich t√§tigen Frauen durch Ver√∂ffentlichungs- und Ausstellungsm√∂glichkeiten ein Forum zu bieten. Nach dem Tod ihres Mannes 1922 erlebt sie noch eine intensive Schaffensperiode.

Mathilde Vollmoeller-Purrmann (1876‚Äď 1943) stammte aus einem reichen, b√ľrgerlichen Elternhaus. Der Vater besa√ü das gr√∂√üte Textilunternehmen seiner Zeit. Mit 21 Jahren zog sie 1897 nach Berlin. Sie wird Sch√ľlerin und Vertraute von Sabine Lepsius. In deren Salon begegnet sie der geistigen und k√ľnstlerischen Avantgarde. 1906 zog es die junge Frau nach Paris, wo sie ein Atelier mietet und ihre Studien an der Acad√©mie de la Grande Chaumi√®re fortsetzt. Ihr Wunsch war es, sich die Existenz als selbst√§ndige Malerin aufzubauen. 1907 folgten mehrere erfolgreiche Ausstellungen. Ihre intensive Besch√§ftigung mit der Malerei von C√©zanne macht sich in ihren Arbeiten bemerkbar, dann folgt Matisse, in dessen Malschule sie studiert. Hans Purrmann, ihr sp√§terer Mann, schreibt in einem Brief √ľber sie: "Ihre technisch bereits entwickelte Malerei gewinnt an Ausdruckskraft. [...] Die Kompositionen werden immer k√ľhner. Von Matisse lernte sie, den Bildhintergrund als Fl√§che zu begreifen und durchzustrukturieren. Dekorative Elemente wie textile Muster und andere Ornamente tauchen auf." 1912 findet die Malerin Gefallen daran, mit der Eheschlie√üung ihr freies selbstbestimmtes K√ľnstlerinleben aufzugeben. Sie entscheidet sich, anders als Sabine Lepsius und Marg Moll, gegen Personal und wechselt von der Rolle der Malerin zu der einer Ehefrau und Mutter. Ab 1935 leitet das Ehepaar ein Refugium f√ľr vom Nationalsozialismus verfolgte K√ľnstlerinnen und K√ľnstler in Florenz, die Villa Romana.

AVIVA-Tipp: Der gut komponierte Katalog stellt zehn "Malweiber" vor, die ganz unterschiedliche k√ľnstlerische als auch pers√∂nliche Wege eingeschlagen haben. Mit zahlreichen Fotos, Textdokumenten und Werkabbildungen werden die Lebens-, Liebes- und Schaffenswege der zehn K√ľnstlerinnen nachgezeichnet und das jeweils Charakteristische ihres Werkes erl√§utert. Paris und das K√ľnstlerInnenviertel Montparnasse als die zentralen Orte im k√ľnstlerischen Leben aller Portraitierten kommen ebenfalls zur Sprache, denn hier haben sie wesentliche Impulse f√ľr ihre Arbeiten erfahren. Eine sch√∂ne, dichte Lekt√ľre, die Lust macht, sich mit den K√ľnstlerinnen noch intensiver zu besch√§ftigen.

Zur Autorin: Kathrin Umbach, Kunsthistorikerin, hat die aufwendige Ausstellung ("Die Malweiber von Paris. Deutsche K√ľnstlerinnen im Aufbruch", 10.6.‚Äď11.9.2016, Stiftung Kunstst√§tte Johann und Jutta Bossard) drei Jahre lang vorbereitet und kuratiert. Sie fragte daf√ľr bei privaten LeihgeberInnen zahlreiche Werke der K√ľnstlerinnen an, die zum Teil noch nie √∂ffentlich gezeigt wurden. Als Autorin hat Kathrin Umbach an dem Band "Ida Gerhardi. Deutsche K√ľnstlerinnen in Paris um 1900" mitgearbeitet.

Kathrin Umbach
Die Malweiber von Paris
Deutsche K√ľnstlerinnen im Aufbruch

Hrsg. von Helga Gutbrod, Leiterin des Edwin Scharff Museums Neu-Ulm
Gebr√ľder Mann Verlag, erschienen im September 2015
Hardcover, 136 Seiten mit 84 Farbabbildungen
19,80 Euro [D] 25,30 Euro [A]
ISBN: 978-3-7861-2749-9
www.reimer-mann-verlag.de

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Annegret Erhard - Anita R√©e. Der Zeit voraus. Eine Hamburger K√ľnstlerin der 20er Jahre
Die Biographie der Kultur- und Kunstmarktjournalistin rekonstruiert Leben und Werk der Malerin Anita Rée (1885 - 1933), einer wichtigen Protagonistin der Avantgarde in der Weimarer Republik. (2014)

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Ida Gerhardi. Deutsche K√ľnstlerinnen in Paris um 1900
Herausgegeben von Susanne Conzen, Hilke Gesine Möller und Eckhard Trox
Ihren 150. Geburtstag nahmen Hilke Gesine M√∂ller u.a. zum Anlass, einen Band √ľber Leben und Werk der beeindruckenden K√ľnstlerin zu gestalten. Im Kontext von Arbeiten ihrer Zeitgenossinnen wirft der Band einen Blick auf weibliche Kunstgeschichtsschreibung zwischen Paris und Deutschland. (2012)

"Paris bezauberte mich". Käthe Kollwitz und die französische Moderne von Hannelore Fischer und Alexandra von dem Knesebeck (Hrsg.)
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