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AVIVA-BERLIN.de im August 2020 - Beitrag vom 08.06.2020


Dagmar von Gersdorff – Julia Mann. Die Mutter von Heinrich und Thomas Mann. Eine Biographie. Lesung voraussichtlich am 14.10.2020 in Chemnitz
Silvy Pommerenke

Längst überfällig ist eine Biographie über Julia da Silva-Bruhns, verheiratete Mann und Mutter von Heinrich und Thomas. Dagmar von Gersdorff schließt damit eine Lücke im Literaturbetrieb und verdeutlicht, wie wichtig der Einfluss von Julia auf das literarische Schaffen ihrer Söhne war.



Die vorliegende Biographie erschien bereits im Oktober 2018 als gebundenes Buch und wurde im Frühjahr 2020 als Taschenbuch erneut herausgegeben. An Aktualität hat der Inhalt indes nichts eingebüßt. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin Dagmar von Gersdorff widmet sich in diesem Buch einer ungewöhnlichen Frau und enthüllt neue Seiten einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller*innendynastie.

Julia Mann wird als Julia da Silva-Bruhns 1851 im brasilianischen Dschungel geboren. Ihr Vater Ludwig Bruhns entstammt ursprünglich einer Lübecker Kaufmannsfamilie, hat in Brasilien mit dem Anbau von Kaffee und Zuckerrohr ein Vermögen erwirtschaftet und ist mit der ebenso vermögenden Portugiesin Maria Luiza da Silva verheiratet. Diese stirbt bei der Geburt des sechsten Kindes, und der Witwer schickt seine fünf Kinder 1857 nach Lübeck zu seinen Verwandten.

Nach ihrer Jugendzeit in Lübeck, dem Internatsbesuch unter der Leitung von Therese Bousset und der frühen Heirat mit dem Konsul und späteren Senator Heinrich Mann – sie ist gerade einmal 18 Jahre alt - steigt Julia gesellschaftlich in das vornehme Lübecker Patriziat auf. 1871 bringt die den ersten Sohn zur Welt, Heinrich Mann Junior. Vier Jahre später erblickt Thomas das Licht der Welt und es folgen Julia, Carla und der Nachzügler Viktor.

Die Mann´schen Kinder werden früh durch die Mutter mit der Weltliteratur bekannt gemacht, die ihnen täglich vorliest und abenteuerliche Geschichten aus ihrer brasilianischen Heimat erzählt. Thomas Mann wird später sagen, dass diese Lese- und Erzählstunden prägend für sein eigenes literarisches Schaffen waren und dass er die künstlerische Ader und die Lust zu fabulieren von der Mutter habe, die selbst Erzählungen verfasst. Neben der literarischen Affinität beeindruckt Julia ihre Kinder auch mit ihrer Musikalität und dem nahezu professionellen Klavierspiel.

Nach dem vorzeitigen Tod des Senators und der brodelnden Lübecker Gerüchteküche (angebliche Liebschaften von Julia, ihre Leidenschaft für die Kunst und nicht zuletzt die aufmüpfigen Kinder), zieht sie mit ihren Sprösslingen nach München, um dort ein neues Leben anzufangen. Schnell wird sie mit ihrem Salon zu einer kulturellen Größe in München. Künstler*innen, Maler*innen, Literat*innen und Musiker*innen gehen bei ihr ein und aus. Die mütterliche Wohnung wird aber nicht nur zum gesellschaftlichen Treffpunkt der Münchener Bohème, sondern auch die Freund*innen der Kinder verkehren gerne und häufig bei Frau Senatorin Mann. Bis spät in die Nacht wird musiziert und deklamiert.

Im Laufe der Jahre schrumpft Julias einstiges Vermögen immer mehr zusammen, und sie hat ernsthafte Geldsorgen. Nichtsdestotrotz reist sie viel, fast schon ruhelos. Das wirkt sich auf ihr gesellschaftliches Leben aus. Ihre legendären Hauskonzerte und Zusammenkünfte sind Vergangenheit, sie wird zur Nomadin, die niemals mehr irgendwo heimisch wird. Diese Unrast findet sich sowohl bei ihren Söhnen als auch bei ihren Enkel*innen wieder. Ihr Urenkel Frido wird später von einer lebenslangen Zerrissenheit zwischen den Kulturen und Kontinenten sprechen.

Julia liest alle Romane und Schriften ihrer Söhne, verfolgt jede Kritik und Rezension und schreibt Heinrichs Manuskripte ab. Sie beginnt ihre brasilianische Kindheit abzufassen und Heinrich verwendet ganze Passagen von ihr für einen Roman. Während sich die Söhne erfolgreich als Schriftsteller etablieren, erfährt Julia ein traumatisches Erlebnis. Ihre jüngste Tochter Carla begeht 1910 im Haus Julias Selbstmord. Sie steht durch den Suizid ihrer Tochter unter Schock. In einem Brief an einen Freund schreibt sie: "Mein Sein ist wie in beständigem bösem Traum. Mir fehlt ein Stück meines Herzens, und es ist ihm gewaltsam abgerissen". Es dauert Jahre, bis sie dieses Trauma halbwegs verarbeitet.

Auch die älteste Tochter Lula gibt Anlass zur Sorge, die private Probleme mit Tabletten und Drogen zu bekämpfen versucht. Ebenso belastet ist Julia vom Bruderzwist zwischen Heinrich und Thomas, der sich über Jahre hinzieht. Den Freitod von Lula im Jahr 1927 erlebt Julia nicht mehr. Sie stirbt im März 1923 verarmt und mittellos – aber umgeben von ihren Kindern – in einem billigen Hotelzimmer bei München.

Julia Mann hat ein ungewöhnliches Leben geführt. Angefangen von der Geburt im brasilianischen Dschungel über den Aufstieg ins Lübecker Patriziat bis hin zu den fünf Kindern, von denen zwei zu Weltruhm gekommen sind und zwei sich das Leben genommen haben. Vater Mann verkommt in der Biographie zu einer Fußnote, außer den finanziellen Rahmen zu bieten, hat er scheinbar kaum Einfluss auf Frau und Kinder. Er hat Julia ihrer Schönheit wegen geheiratet, mit ihren künstlerischen und kulturellen Interessen hatte er nichts gemein. Dafür hat Julia ihre kreative Ader an die Kinder weitergegeben. Die Liebe zur Literatur, zur Musik und zur darstellenden Kunst wurde von den Töchtern und Söhnen regelrecht aufgesogen und sie genossen die Hauskonzerte und literarischen Salons in ihrem Haus, die Julia regelmäßig veranstaltete. Das Leben Julias veränderte sich massiv, als alle Kinder ein selbständiges Leben führten und sie mit Geldsorgen zu kämpfen hatte. Leider hat sie nicht die Möglichkeit gehabt, ihre eigene schriftstellerische Ader auszubauen oder ihre Klavierkünste professionell anzuwenden. Zwar schrieb sie kleinere Erzählungen und verfasste ihre Autobiographie, aber ihr Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten war nicht besonders groß. Stattdessen las sie die Romane ihrer Söhne, kopierte Manuskripte und sammelte alle Rezensionen und Buchkritiken.

AVIVA-Tipp: Dagmar von Gersdorff hat Pionierinnenarbeit geleistet, indem sie dem Lebenslauf von Julia Mann nachgezeichnet hat. Auch wenn der Fokus auf den berühmten Söhnen Heinrich und Thomas liegt, was der Quellenlage geschuldet ist, so hat sie es doch vollbracht, ein detailreiches Bild von Julia da Silva-Bruhns und deren Familie wiederzugeben. Es wird deutlich, wie sehr sie Einfluss auf das literarische Schaffen ihrer beiden ältesten Söhne hatte, wie sehr sie ihre Kinder bei Sorgen und Nöten unterstützte und nicht zuletzt, wie sie selbstlos ihren eignen Weg zugunsten der Kinder vernachlässigte.

Zur Autorin: Dagmar von Gersdorff, geb. von Forell, stammt aus Trier/Mosel. Sie lebt heute als Literaturwissenschaftlerin und Biographin in Berlin. Verheiratet, drei Kinder. Studium der Germanistik und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin. Ihre Promotion schrieb sie über den Einfluss der deutschen Romantik auf Thomas Mann. Für die Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz verfasste sie drei Text-Bild-Bände.
Bekannt wurde sie durch ihre Biographien über bedeutende literarische und historische Persönlichkeiten: Marie Luise Kaschnitz, Bettina und Achim von Arnim, Goethes Mutter, Caroline von Günderrode, Goethes Enkel, Prinz Wilhelm von Preußen und Elisa Radziwill, Caroline von Humboldt. Ihr Werk wurde mit Preisen ausgezeichnet. Sie ist Mitglied des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller sowie Mitglied des internationalen PEN. Im August 2019 erschien ihr Buch "Vaters Tochter - Theodor Fontane und seine Tochter Mete".

Dagmar von Gersdorff
Julia Mann
Die Mutter von Heinrich und Thomas Mann. Eine Biographie

Insel Taschenbuch Verlag, Erscheinungstermin 02/2020
Taschenbuch, 336 Seiten
ISBN 978-3458364597
Euro 12,00

Insel Verlag, Erscheinungstermin 10/2018
Gebunden, 335 Seiten
ISBN 978-3-458-17770-8
Euro 24,00

Mehr zum Buch unter: www.suhrkamp.de

Lesung voraussichtlich am
14.10.2020 um 19:00 Uhr in Chemnitz (Podium Villa Esche: Portraits & Zeitgeschichte)


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Literatur > Biographien Beitrag vom 08.06.2020 Silvy Pommerenke 





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