Hedwig Dohm - Sommerlieben - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD
AVIVA-Berlin > Literatur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J├╝disches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   J├╝disches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.07.2013

Hedwig Dohm - Sommerlieben
Julia Lorenz

Verwicklungen zwischen Kurschatten und Kaffeerunden: Nicht aus den Literatursalons Berlins, sondern aus den Strandk├Ârben eines kleinb├╝rgerlichen Badeorts schreibt Frauenrechts-Pionierin Dohm mit ihrer "Freiluftnovelle" gegen die bigotte Gesellschaft...



... des ausklingenden neunzehnten Jahrhunderts an.

Ein Druckfehler rettet Marie Luises Ehre in der Pension, die sie im Seebad Salentin bewohnt. Statt als unverheiratete Frau f├╝hrt die Kurliste sie als Witwe - zur gro├čen Erleichterung der Hausangestellten Alma: "Almchen hat mich so sehr gebeten, es dabei bewenden zu lassen, sie findet es viel respektierlicher, bei einer Frau als bei einem Fr├Ąulein zu dienen", berichtet sie Ferdinand, dem Mann ihrer verstorbenen Schwester, in einem ihrer zahlreichen Schreiben.

Urlaub f├╝r ein "sp├Ątes M├Ądchen"

Marie Luise, eine "Frau mittleren Alters", reist zur Kur an die Ostsee. Neben den Kindern ihres Schwagers, die den Sommer bei ihr verbringen, bieten vor allem die BewohnerInnen Salentins und andere Kurg├Ąste viel Stoff f├╝r ihre pointierten, bisweilen bissigen Briefe: Ganz stille, kluge Beobachterin, bewegt sich Marie Luise in der Gesellschaft des biederen Seebads als unauff├Ąllige Besucherin - und entlarvt die spie├čb├╝rgerlichen Gepflogenheiten im Schriftverkehr mit Ferdinand umso gnadenloser. Die amour├Âsen N├Âte ihrer zw├Âlfj├Ąhrigen Nichte Hanna, die Ann├Ąherungsversuche des k├╝hlen Doktor Garwin, jedoch auch eigene Eitelkeiten und Verfehlungen beleuchtet sie mit subtiler Ironie und wirft gleichzeitig Schlaglichter auf viele gesellschaftliche Missst├Ąnde um die Jahrhundertwende. "Dass sie Schriftstellerin ist, kann dich nicht schrecken. Welche Frau schriftstellert denn heute nicht? Als ├äquivalent wirft sie eine wahrhaft musterg├╝ltige Hausfrauent├╝chtigkeit in die Waagschale", beruhigt sie ihren verwitweten Schwager, als sie diesem die junge, resolute Isolde als potentielle Heiratskandidatin schmackhaft machen m├Âchte.

Dass weibliche Eigenst├Ąndigkeit alles andere als erw├╝nscht oder gar attraktiv ist, haben jedoch nicht nur die Herren verinnerlicht: "Ein Buch, in dem ein Atheist oder eine Emanzipierte vorkommt, liest keine anst├Ąndige Frau", stellt "Kusine B├Ąr", die keine M├Âglichkeit ungenutzt l├Ąsst, um Marie Luise als "alte Jungfer" zu bel├Ącheln, klar. Mit Seitenhieben auf ihren Status als ewiges "M├Ądchen", Fragen nach dem Grund f├╝r den fehlenden Ehering am Finger und verniedlichenden Spitznamen wie Luischen wird der Protagonistin ein Status als gestandene Frau permanent abgesprochen.

Was bei LeserInnen im einundzwanzigsten Jahrhundert intuitiv f├╝r Emp├Ârung sorgt, d├╝rfte in modifizierter Form noch immer zu beobachten sein: Obwohl die "Jungfer" mittlerweile in der Mottenkiste antiquierter Boshaftigkeiten zu lagern scheint, dominiert die Wahrnehmung unverheirateter, kinderloser Frauen ├╝ber Vierzig als "Versagerinnen" noch immer das Weltbild (zu) vieler Menschen.

Einsame Vordenkerin

Wer dies bereits f├╝r ├╝ber hundert Jahren erkannte, der geb├╝hrt ein Ehrenplatz in der Ahnengalerie schreibender Feministinnen - sollte mensch zumindest meinen. Doch Publizistin, Literatin und Theoretikerin Hedwig Dohm, geboren 1831, blieb dieses Renommee lange verwehrt: Obwohl die Gro├čmutter von Katia Mann bereits 1873 - und somit mehr als drei Jahrzehnte vor der Geburt der als feministische Vorreiterin gefeierten Simone de Beauvoir - das Wahlrecht f├╝r Frauen forderte, galt ihr umfangreiches Werk lange als Rarit├Ąt in Buchl├Ąden. Dabei waren Dohms Forderungen so radikal, dass nicht nur konservative ZeitgenossInnen, sondern auch Anh├Ąngerinnen der Frauenbewegung in den Siebziger Jahren des Neunzehnten Jahrhunderts ihr Schaffen mit Argwohn betrachteten. Ihre Kritik an sexistischen Alltagsmythen und biologistischem Halbwissen machte schlie├člich auch vor prominenten DenkerInnen keinen Halt:

"Es gibt aber auch unter unseren Gegnern M├Ąnner ersten Ranges, die den Kuss des Genius empfangen haben und die Welt mit k├╝hnen, neuen Ideen revolutionieren, ergreifen sie aber die Feder zur Frauenfrage (warum tun sie es nur?), so machen sie eine Pause f├╝r den Kopf und jonglieren mit Gef├╝hlen, Instinkten, Intuitionen, ewigen Wahrheiten", bemerkt sie im 1898 erschienen Essay "Nietzsche und die Frauen".

Bildung im Alleingang

Mit ihren gesellschaftskritischen, oft humorvollen und typisch ironischen Romanen, Novellen, in vielen Tageszeitungen und Zeitschriften ver├Âffentlichten Feuilletons, Essays, Polemiken und B├╝hnenst├╝cken konnte sich Dohm als feste Gr├Â├če in den intellektuellen Berliner Kreisen des neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts etablieren. Dabei waren die Voraussetzungen alles andere als g├╝nstig f├╝r eine Karriere als brillante Literatin: Als M├Ądchen blieben ihr die Bildungschancen ihrer Br├╝der verwehrt. Obwohl sie sich in der M├Ądchenschule hoffnungslos unterfordert f├╝hlte und nach h├Âherem Wissen strebte, endete ihre Ausbildung - wie typischerweise f├╝r b├╝rgerliche Frauen Mitte der neunzehnten Jahrhunderts - mit vierzehn Jahren. Das fehlende Schulwissen empfand Hedwig Dohm zeitlebens als Defizit, was die Autodidaktin jedoch nicht davon abhielt, sich weiterzubilden - und schlie├člich 1867 eine fundierte wissenschaftliche Abhandlung ├╝ber die Spanische Literaturgeschichte zu ver├Âffentlichen.

Antisemitismus und Arroganz

"Ist es nicht beinahe hergebracht, dass man den Frevel, den ein Jude oder Sozialdemokrat ver├╝bt hat, an die Rocksch├Â├če des gesamten Judentums oder der ganzen Partei h├Ąngt?", fragt sich Protagonistin Marie Luise in "Sommerlieben".

Neben den feministischen Implikationen der "Freiluftnovelle" und weiterer Werke prangert Hedwig Dohm auch andere gesellschaftliche Zust├Ąnde an. Ressentiments gegen J├╝dinnen und Juden, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts weit verbreitet, sind auch in im Kurort Salentin keine Seltenheit: Bereits Kindern, deren Haarfarbe nicht ins blonde Ideal passen, schl├Ągt im kleinb├╝rgerlichen Seebad Ablehnung entgegen. Ebenso am├╝sant und feinsinnig, wie sie sexistische Vorurteile ad absurdum f├╝hrt, kritisiert die Autorin den von Antisemitismus und Standesd├╝nkel dominierten Zeitgeist - beeinflusste dieser schlie├člich auch ihre eigene Familie: Ihr Vater Gustav Adolph Schlesinger konvertierte bereits 1817 zum Christentum, 1851 lie├č die Familie den j├╝disch klingenden Nachnamen in "Schleh" ├Ąndern. Auch Hedwig Dohms sp├Ąterer Mann Wilhelm Friedrich Ernst Dohm, leitender Redakteur des Satireblatts "Kladderadatsch", wurde als Elias Levy geboren und konvertierte zum evangelischen Glauben.

Sp├Ąter Sieg

Nach einigen optimistischen Jahren zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts, in denen sie mit Wohlwollen das Erstarken des weiblichen Selbstbewusstseins beobachtete, war der Beginn des Ersten Weltkriegs ein Schock f├╝r Hedwig Dohm: Aus zahlreichen Anh├Ąngerinnen der Frauenbewegung wurden ├╝berzeugte Patriotinnen, und das vorher nicht gekannte Ma├č an Gewalt, das der Krieg mit sich brachte, ersch├╝tterte Dohms tiefen Glauben an die Menschlichkeit. Am 1. Juni 1919 stirbt sie in ihrer Berliner Wohnung an einer Lungenentz├╝ndung - wenige Monate nach der Einf├╝hrung des Frauenwahlrechts, f├╝r das sie ein Leben lang gek├Ąmpft hatte.

Dies sollte jedoch nicht Hedwig Dohms einziger sp├Ąter Sieg bleiben: Nachdem ihre Schriften jahrzehntelang f├╝r ratlose Buchh├ĄndlerInnengesichter sorgte, begannen Nikola M├╝ller und Isabel Rohner p├╝nktlich zu Hedwig Dohms 175. Geburtstag im Jahre 2006 mit der Publikation der "Edition Hedwig Dohm". Auch der ihr gewidmete, 2007 eingeweihte Gedenkstein in Berlin-Sch├Âneberg, die "Hedwig-Dohm-Stra├če", die zum S-Bahnhof S├╝dkreuz f├╝hrt, sowie eine Gedenktafel an ihrem Geburtshaus in Berlin-Kreuzberg sollen die Literatin und Feministin dahin zur├╝ckholen, wo sie hingeh├Ârt: Ins ├Âffentliche Bewusstsein.

AVIVA-Tipp: Nur auf den ersten Blick eine leichte bis seichte "Freiluftnovelle", schafft Hedwig Dohms "Sommerlieben" unpr├Ątenti├Âs den Spagat zwischen am├╝santer Urlaubslekt├╝re und messerscharfer Gesellschaftskritik - und hat auch nach ├╝ber hundert Jahren nicht an Witz, Verve und analytischer Brillanz verloren.

Zur Autorin: Hedwig Dohm wurde am 20. September 1831 - und nicht wie oft angenommen 1833 - in Berlin als Marianne Adelaide Hedwig J├╝lich geboren. Hedwig Dohms Eltern, Tabakfabrikant Gustav Adolph Schlesinger und Wilhelmine Henriette J├╝lich, heirateten erst nach der Geburt des zehnten von insgesamt achtzehn Kindern.

Nach ihrer Schulzeit und ihrer Ausbildung in einem "Lehrerinnenseminar" heiratet sie 1853 Wilhelm Friedrich Ernst Dohm, mit dem sie f├╝nf Kinder hatte: Hans Ernst, der bereits fr├╝h an Scharlach starb, Gertrud Hedwig Anna, die Mutter von Katia Mann, Ida Marie Elsbeth, Marie Pauline Adelheid und Eva. 1872 erscheint ihr erster feministischer Essayband "Was die Pastoren von den Frauen denken", jedoch erst nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1883 nimmt sie intensiveren Kontakt zu Pers├Ânlichkeiten der Frauenbewegung auf und schlie├čt sich ihnen an. Das Erstarken der feministischen Bewegung beschert auch Hedwig Dohms literarischem Schaffen Aufwind: ├ťber neunzig Essays, Feuilletons und Artikel ver├Âffentlicht sie in Neugr├╝ndungen wie den radikalen Zeitschriften "Die Zukunft" und "Die Frauenbewegung".

Seit 2005 informiert eine eigene Website ├╝ber Hedwig Dohms Biographie und Werk: www.hedwigdohm.de. Weitere Infos zur Autorin auch unter www.fembio.org

Hedwig Dohm
Sommerlieben

Blue Notes 33, ebersbach & simon, Berlin, erschienen am 24. Juni 2013
128 Seiten. Fadenheftung, Halbleinen
19,90 Euro / eBook 15,80 Euro
ISBN 978-3-938740-25-5

Weitere Infos unter www.edition-ebersbach.de

Diesen Titel k├Ânnen Sie online bestellen bei FEMBooks

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

2011 war Hedwig-Dohm-Jahr, auch 2013 wird sie mit Veranstaltungen geehrt

Mehr Stolz ihr Frauen - Berliner Gedenktafel zu Ehren von Hedwig Dohm (2013)

Spuren ins Jetzt. Hedwig Dohm - Eine Biografie von Isabel Rohner (2010)

Auch 2008 ist Hedwig-Dohm-Jahr

1.000 Frauen der Gegenwart ehren 1.000 Frauen der Vergangenheit (2008)

Ganz im Zeichen von Hedwig Dohm (2007)

Gedanken zum Gedenken. Von Erica Fischer (2007)

Ausgew├Ąhlte Texte - herausgegeben von Nikola M├╝ller und Isabel Rohner (2006)

Hedwig Dohm im Gespr├Ąch (2006)

Hedwig Dohm goes online (2005)


Literatur Beitrag vom 14.07.2013 Julia Lorenz 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken