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AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 14.07.2013


Hedwig Dohm - Sommerlieben
Julia Lorenz

Verwicklungen zwischen Kurschatten und Kaffeerunden: Nicht aus den Literatursalons Berlins, sondern aus den Strandkörben eines kleinbürgerlichen Badeorts schreibt Frauenrechts-Pionierin Dohm mit ihrer "Freiluftnovelle" gegen die bigotte Gesellschaft...




... und den Antisemitismus des ausklingenden neunzehnten Jahrhunderts an.

Ein Druckfehler rettet Marie Luises Ehre in der Pension, die sie im Seebad Salentin bewohnt. Statt als unverheiratete Frau führt die Kurliste sie als Witwe - zur großen Erleichterung der Hausangestellten Alma: "Almchen hat mich so sehr gebeten, es dabei bewenden zu lassen, sie findet es viel respektierlicher, bei einer Frau als bei einem Fräulein zu dienen", berichtet sie Ferdinand, dem Mann ihrer verstorbenen Schwester, in einem ihrer zahlreichen Schreiben.

Urlaub für ein "spätes Mädchen"

Marie Luise, eine "Frau mittleren Alters", reist zur Kur an die Ostsee. Neben den Kindern ihres Schwagers, die den Sommer bei ihr verbringen, bieten vor allem die BewohnerInnen Salentins und andere Kurgäste viel Stoff für ihre pointierten, bisweilen bissigen Briefe: Ganz stille, kluge Beobachterin, bewegt sich Marie Luise in der Gesellschaft des biederen Seebads als unauffällige Besucherin - und entlarvt die spießbürgerlichen Gepflogenheiten im Schriftverkehr mit Ferdinand umso gnadenloser. Die amourösen Nöte ihrer zwölfjährigen Nichte Hanna, die Annäherungsversuche des kühlen Doktor Garwin, jedoch auch eigene Eitelkeiten und Verfehlungen beleuchtet sie mit subtiler Ironie und wirft gleichzeitig Schlaglichter auf viele gesellschaftliche Missstände um die Jahrhundertwende. "Dass sie Schriftstellerin ist, kann dich nicht schrecken. Welche Frau schriftstellert denn heute nicht? Als Äquivalent wirft sie eine wahrhaft mustergültige Hausfrauentüchtigkeit in die Waagschale", beruhigt sie ihren verwitweten Schwager, als sie diesem die junge, resolute Isolde als potentielle Heiratskandidatin schmackhaft machen möchte.

Dass weibliche Eigenständigkeit alles andere als erwünscht oder gar attraktiv ist, haben jedoch nicht nur die Herren verinnerlicht: "Ein Buch, in dem ein Atheist oder eine Emanzipierte vorkommt, liest keine anständige Frau", stellt "Kusine Bär", die keine Möglichkeit ungenutzt lässt, um Marie Luise als "alte Jungfer" zu belächeln, klar. Mit Seitenhieben auf ihren Status als ewiges "Mädchen", Fragen nach dem Grund für den fehlenden Ehering am Finger und verniedlichenden Spitznamen wie Luischen wird der Protagonistin ein Status als gestandene Frau permanent abgesprochen.

Was bei LeserInnen im einundzwanzigsten Jahrhundert intuitiv für Empörung sorgt, dürfte in modifizierter Form noch immer zu beobachten sein: Obwohl die "Jungfer" mittlerweile in der Mottenkiste antiquierter Boshaftigkeiten zu lagern scheint, dominiert die Wahrnehmung unverheirateter, kinderloser Frauen über Vierzig als "Versagerinnen" noch immer das Weltbild (zu) vieler Menschen.

Einsame Vordenkerin

Wer dies bereits für über hundert Jahren erkannte, der gebührt ein Ehrenplatz in der Ahnengalerie schreibender Feministinnen - sollte mensch zumindest meinen. Doch Publizistin, Literatin und Theoretikerin Hedwig Dohm, geboren 1831, blieb dieses Renommee lange verwehrt: Obwohl die Großmutter von Katia Mann bereits 1873 - und somit mehr als drei Jahrzehnte vor der Geburt der als feministische Vorreiterin gefeierten Simone de Beauvoir - das Wahlrecht für Frauen forderte, galt ihr umfangreiches Werk lange als Rarität in Buchläden. Dabei waren Dohms Forderungen so radikal, dass nicht nur konservative ZeitgenossInnen, sondern auch Anhängerinnen der Frauenbewegung in den Siebziger Jahren des Neunzehnten Jahrhunderts ihr Schaffen mit Argwohn betrachteten. Ihre Kritik an sexistischen Alltagsmythen und biologistischem Halbwissen machte schließlich auch vor prominenten DenkerInnen keinen Halt:

"Es gibt aber auch unter unseren Gegnern Männer ersten Ranges, die den Kuss des Genius empfangen haben und die Welt mit kühnen, neuen Ideen revolutionieren, ergreifen sie aber die Feder zur Frauenfrage (warum tun sie es nur?), so machen sie eine Pause für den Kopf und jonglieren mit Gefühlen, Instinkten, Intuitionen, ewigen Wahrheiten", bemerkt sie im 1898 erschienen Essay "Nietzsche und die Frauen".

Bildung im Alleingang

Mit ihren gesellschaftskritischen, oft humorvollen und typisch ironischen Romanen, Novellen, in vielen Tageszeitungen und Zeitschriften veröffentlichten Feuilletons, Essays, Polemiken und Bühnenstücken konnte sich Dohm als feste Größe in den intellektuellen Berliner Kreisen des neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts etablieren. Dabei waren die Voraussetzungen alles andere als günstig für eine Karriere als brillante Literatin: Als Mädchen blieben ihr die Bildungschancen ihrer Brüder verwehrt. Obwohl sie sich in der Mädchenschule hoffnungslos unterfordert fühlte und nach höherem Wissen strebte, endete ihre Ausbildung - wie typischerweise für bürgerliche Frauen Mitte der neunzehnten Jahrhunderts - mit vierzehn Jahren. Das fehlende Schulwissen empfand Hedwig Dohm zeitlebens als Defizit, was die Autodidaktin jedoch nicht davon abhielt, sich weiterzubilden - und schließlich 1867 eine fundierte wissenschaftliche Abhandlung über die Spanische Literaturgeschichte zu veröffentlichen.

Antisemitismus und Arroganz

"Ist es nicht beinahe hergebracht, dass man den Frevel, den ein Jude oder Sozialdemokrat verübt hat, an die Rockschöße des gesamten Judentums oder der ganzen Partei hängt?", fragt sich Protagonistin Marie Luise in "Sommerlieben".

Neben den feministischen Implikationen der "Freiluftnovelle" und weiterer Werke prangert Hedwig Dohm auch andere gesellschaftliche Zustände an. Ressentiments gegen Jüdinnen und Juden, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts weit verbreitet, sind auch in im Kurort Salentin keine Seltenheit: Bereits Kindern, deren Haarfarbe nicht ins blonde Ideal passen, schlägt im kleinbürgerlichen Seebad Ablehnung entgegen. Ebenso amüsant und feinsinnig, wie sie sexistische Vorurteile ad absurdum führt, kritisiert die Autorin den von Antisemitismus und Standesdünkel dominierten Zeitgeist - beeinflusste dieser schließlich auch ihre eigene Familie: Ihr Vater Gustav Adolph Schlesinger konvertierte bereits 1817 zum Christentum, 1851 ließ die Familie den jüdisch klingenden Nachnamen in "Schleh" ändern. Auch Hedwig Dohms späterer Mann Wilhelm Friedrich Ernst Dohm, leitender Redakteur des Satireblatts "Kladderadatsch", wurde als Elias Levy geboren und konvertierte zum evangelischen Glauben.

Später Sieg

Nach einigen optimistischen Jahren zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts, in denen sie mit Wohlwollen das Erstarken des weiblichen Selbstbewusstseins beobachtete, war der Beginn des Ersten Weltkriegs ein Schock für Hedwig Dohm: Aus zahlreichen Anhängerinnen der Frauenbewegung wurden überzeugte Patriotinnen, und das vorher nicht gekannte Maß an Gewalt, das der Krieg mit sich brachte, erschütterte Dohms tiefen Glauben an die Menschlichkeit. Am 1. Juni 1919 stirbt sie in ihrer Berliner Wohnung an einer Lungenentzündung - wenige Monate nach der Einführung des Frauenwahlrechts, für das sie ein Leben lang gekämpft hatte.

Dies sollte jedoch nicht Hedwig Dohms einziger später Sieg bleiben: Nachdem ihre Schriften jahrzehntelang für ratlose BuchhändlerInnengesichter sorgte, begannen Nikola Müller und Isabel Rohner pünktlich zu Hedwig Dohms 175. Geburtstag im Jahre 2006 mit der Publikation der "Edition Hedwig Dohm". Auch der ihr gewidmete, 2007 eingeweihte Gedenkstein in Berlin-Schöneberg, die "Hedwig-Dohm-Straße", die zum S-Bahnhof Südkreuz führt, sowie eine Gedenktafel an ihrem Geburtshaus in Berlin-Kreuzberg sollen die Literatin und Feministin dahin zurückholen, wo sie hingehört: Ins öffentliche Bewusstsein.

AVIVA-Tipp: Nur auf den ersten Blick eine leichte bis seichte "Freiluftnovelle", schafft Hedwig Dohms "Sommerlieben" unprätentiös den Spagat zwischen amüsanter Urlaubslektüre und messerscharfer Gesellschaftskritik - und hat auch nach über hundert Jahren nicht an Witz, Verve und analytischer Brillanz verloren.

Zur Autorin: Hedwig Dohm wurde am 20. September 1831 - und nicht wie oft angenommen 1833 - in Berlin als Marianne Adelaide Hedwig Jülich geboren. Hedwig Dohms Eltern, Tabakfabrikant Gustav Adolph Schlesinger und Wilhelmine Henriette Jülich, heirateten erst nach der Geburt des zehnten von insgesamt achtzehn Kindern.

Nach ihrer Schulzeit und ihrer Ausbildung in einem "Lehrerinnenseminar" heiratet sie 1853 Wilhelm Friedrich Ernst Dohm, mit dem sie fünf Kinder hatte: Hans Ernst, der bereits früh an Scharlach starb, Gertrud Hedwig Anna, die Mutter von Katia Mann, Ida Marie Elsbeth, Marie Pauline Adelheid und Eva. 1872 erscheint ihr erster feministischer Essayband "Was die Pastoren von den Frauen denken", jedoch erst nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1883 nimmt sie intensiveren Kontakt zu Persönlichkeiten der Frauenbewegung auf und schließt sich ihnen an. Das Erstarken der feministischen Bewegung beschert auch Hedwig Dohms literarischem Schaffen Aufwind: Über neunzig Essays, Feuilletons und Artikel veröffentlicht sie in Neugründungen wie den radikalen Zeitschriften "Die Zukunft" und "Die Frauenbewegung".

Seit 2005 informiert eine eigene Website über Hedwig Dohms Biographie und Werk: www.hedwigdohm.de. Weitere Infos zur Autorin auch unter www.fembio.org

Hedwig Dohm
Sommerlieben

Blue Notes 33, ebersbach & simon, Berlin, erschienen am 24. Juni 2013
128 Seiten. Fadenheftung, Halbleinen
19,90 Euro / eBook 15,80 Euro
ISBN 978-3-938740-25-5

Weitere Infos unter www.edition-ebersbach.de

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Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

2011 war Hedwig-Dohm-Jahr, auch 2013 wird sie mit Veranstaltungen geehrt

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Literatur

Beitrag vom 14.07.2013

Julia Lorenz 






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