Helen Wolff – Hintergrund für Liebe. Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Biographien



AVIVA-BERLIN.de im September 2021 - Beitrag vom 22.12.2020


Helen Wolff – Hintergrund für Liebe. Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Doris Hermanns

Als legendäre Verlegerin und Vermittlerin europäischer AutorInnen in die USA ist Helen Wolff (1906-1994) bereits seit langem bekannt. Jetzt kann sie durch einen Fund in ihrem Nachlass – dank sei ihrer Großnichte Marion Detjen – mit ihrem Roman "Hintergrund für Liebe" auch als Schriftstellerin entdeckt werden.




Es ist nicht das erste Mal, dass in einem Nachlass bislang unbekannte Texte einer Schriftstellerin gefunden werden, auch nicht das erste Mal, dass eine Autorin darum bat, diese nach ihrem Tod zu verbrennen. Auch Virginia Woolf hatte in ihrem Abschiedsbrief Leonard Woolf darum gebeten, all ihre Papiere zu vernichten. Und welch Glück, dass er sich nicht daran hielt!

In ihrem umfangreichen Nachwort zu dem Roman erklärt die Großnichte der Autorin, Marion Detjen, wie sie zu diesem Manuskript kam und warum es eine bewusste Entscheidung war, dass Wolff die Werke, die sie als junge Frau geschrieben hat, nicht veröffentlicht hat: Für sie war es nicht zu vereinbaren, gleichzeitig Autorin und Verlegerin zu sein. Außerdem hatte Wolff zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Texte noch nicht ihren "endgültigen Stil" gefunden, aber auch waren sie zu autobiografisch, wie Detjen deutlich macht, und "Helen Wolff hatte selbst immer wieder Literatur, die nicht erfinde oder verwandle, die nicht "schöpferisch" sei, sondern Erlebtes und Vorgefundenes darstelle, als typisch weiblich, als sekundär und auf vertrackte Weise als literarisch minderwertig erklärt, auch wenn sie andere Qualitäten an ihr lobte."

Umso erfreulicher ist es, dass Marion Detjen sich nicht an die Anweisung "At my death, burn or throw away unread!" gehalten hat, die auf dem prallgefüllten Umschlag stand, der Manuskripte ihrer Großtante enthielt. Wie sie in ihrem ausführlichen Nachwort schreibt, fanden sich darin zwei fertige Theaterstücke, die jetzt vorliegende Erzählung "Hintergrund für Liebe", handschriftliche Notizen für ein größeres Romanprojekt und mindestens ein Dutzend essayistischer Betrachtungen und dokumentarischer Aufzeichnungen.

In dem um 1932 entstandenen autobiografischen Roman, eigentlich ist es eher eine lange Erzählung, erzählt Helen Wolff die Geschichte zweier Liebenden während eines Sommers, die auf ihren Reisen mit Kurt Wolff nach Südfrankreich basiert. Es ist ein Aufbruch aus alten Gewohnheiten in neue, eine zeitlich begrenzte Flucht. "Wir vergessen die heimatlichen Gewitterwolken. (…) Hitler und Hindenburg sind weit."

"Landschaft, hat mal eine gesagt – es war eine sehr reizende Frau –, ist doch nur Hintergrund für Liebe."

Wo erst noch der Mann (im Roman immer nur als Du benannt) als "der große Zauberer" beschrieben wird, der die Träume der Ich-Erzählerin verwirklicht, und die Frau ihn versorgt, so ändert sich ihre Beziehung in diesen Sommermonaten grundlegend. Schnell meint die junge Frau zu wissen, dass das, was ihr Geliebter will – sie glaubt, sich amüsieren in einem teuren Hotel – nicht das ist, was sie will: Bäume und frische Luft. Dazu kommt das Gefühl, dass er fremdgeht.

So zieht sie für sich den Schluss, dass sie weg muss, Frankreich auf schnellstem Weg verlassen muss. Weiter als Saint-Tropez kommt sie jedoch nicht, denn sie verliebt sich in den Ort: "Das ist Liebe, denke ich, Liebe auf den ersten Blick". In der Nähe findet sie ein Häuschen auf einer großen Wiese, wo es ihr gefällt, und wo sie bleiben möchte. Schnell kommt sie auch in Kontakt mit anderen Menschen, die dort leben. Sie meint, ihr "Traumglück" gefunden zu haben, ist glücklich und beginnt, das Leben leichter zu nehmen. Wie ein Freund ihr erklärt: "Wer schwimmt, der schwimmt. Und wer untergeht, geht unter. Aber man soll während des Schwimmens nicht ans Untergehen denken. Das Leben ist unsicher und großartig. Wenn Sie das einmal begriffen haben, werden Sie sich auch nicht mehr fürchten."

Als sie ihren Geliebten auf einem Fest wiedersieht, möchte sie am liebsten weglaufen. Aber ein Freund steht ihr zur Seite und rät ihr, sich nicht ins Unglücklichsein fallen zu lassen.
Und letztendlich merkt sie: "Es ist alles nicht so wichtig. Das Liebesspiel mit seinen zwei Polen, Unglück und Glück, wird weitergespielt, denn die Landschaft verlangt nach Liebe. (…) Und es ist ganz gleich, wer mit wem danach tanzt, solange getanzt wird." Es ist keine Gleichgültigkeit sondern Gelassenheit, die sie im Alleinleben findet – bis ihr Geliebter sie findet. Anders als zahlreiche Frauen in der Literatur dieser Zeit passt sich die Ich-Erzählerin nicht an, sondern kümmert sich erst einmal um ihre eigenen Bedürfnisse, bevor sie sich auf den deutlich älteren Mann einlassen kann. Und manches kommt dann auch anders, als sie gedacht hatte.

In ihrem Nachwort stellt Detjen den Hintergrund des Romans in den Vordergrund: Ausführlich erzählt sie die Lebensgeschichte ihrer Großtante, berichtet auch von der Ambivalenz ihrer Haltung und der ihres Mannes zu der Frage, wie sie sich aufgrund der politischen Lage zu Deutschland verhalten sollten. "Beide fühlten sich noch in der Defensive, wenn sie sich mit dem Vorwurf konfrontiert glaubten, Deutschland in seinen schweren Stunden im Stich zu lassen, sich aus angeblich egoistischen Motiven der deutschen Schicksalsgemeinschaft entzogen zu haben." Kurz waren sie noch in Berlin, sie hatten beide Aussicht auf neue Arbeiten, als Hitler an die Macht kam. Im März 1933 verließen sie Deutschland jedoch endgültig, lebten erst in Italien, später in Frankreich, wo sie beide 1940 interniert wurden, Helen Wolff in Gurs, Kurt Wolff im ZwangsarbeiterInnenlager Chambaraud, aber beiden gelang die Flucht. Mit Hilfe des Emergency Rescue Commitees war es ihnen 1941 möglich, in die USA ins Exil zu fliehen.

AVIVA-Tipp: Ein Buch, das mit einer wunderbaren Leichtigkeit geschrieben ist, ein wahres Sommerbuch, gerade noch aus der Zeit, bevor Südfrankreich zum Zufluchtsort der ExilantInnen aus Deutschland und Österreich wurde, die angeblich "Freie Zone", von der aus es nur noch wenigen – zu denen auch Helene Wolff und Kurt Wolff gehörten – gelang, nach der Besatzung des Großteils von Frankreich nach Übersee zu fliehen. Wir dürfen gespannt sein, ob sich in dem Umschlag noch mehr findet, was auf eine Veröffentlichung wartet.

Zur Autorin: Helen Wolff (1906 – 1994), die als Helene Mosel im Osmanischen Reich geboren wurde, ist vor allem als legendäre Verlegerin bekannt. Ihre eigenen Theaterstücke und Romane, die in den frühen 1930er Jahren entstanden, hielt sie unter Verschluss. In München arbeitete sie seit 1928 für den Kurt Wolff Verlag. 1933 heiratete sie Kurt Wolff und emigrierte mit ihm nach Frankreich. Im New Yorker Exil bauten sie 1942 gemeinsam den Verlag Pantheon Books auf. Als Verlegerin eroberte sie nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreichen deutschen und europäischen SchriftstellerInnen (so Zoé Oldenburg, Günter Grass, Max Frisch, Uwe Johnson, Italo Calvino) den US-amerikanischen Buchmarkt, sowie umgekehrt für AutorInnen wie Anne Morrow Lindberg den europäischen Markt. Ab 1962 veröffentlichte sie die Werke von AutorInnen wie beispielsweise Virginia Woolf, George Orwell und Sinclair Lewis in der Reihe "Helen und Kurt Wolff Books" bei Harcourt, Brace & World, für die sie – Kurt Wolff starb 1963 – bis 1981 verantwortlich war. Das Manuskript des Romans Hintergrund für Liebe aus ihrem Nachlass wird nun zum ersten Mal veröffentlicht.

Zur Herausgeberin: Marion Detjen studierte Geschichte und Germanistik und promovierte 2005 über FluchthelferInnen nach dem Bau der Berliner Mauer. Sie unterrichtete an der Humboldt-Universität zu Berlin und forschte am Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam. Sie ist Teil des Redaktionskollektivs 10nach8 bei ZEIT Online und Mitgründerin des Aktionsbündnisses WIR MACHEN DAS. Zurzeit lehrt sie Migrationsgeschichte am Bard College Berlin. Sie arbeitet seit 1994 biografisch und kulturgeschichtlich zu Helen Wolff, die ihre Großtante war.

Helen Wolff
Hintergrund für Liebe. Das Buch eines Sommers

Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen:
"At my death, burn or throw away unread!"
Zum Hintergrund des Hintergrunds"
Weidle Verlag, erschienen März 2020
Einbandillustration: Kat Menschik
216 Seiten. Fadengeheftete Broschur
ISBN 978-3-938803-96-7
Euro 20,00
Zum Buch: www.weidleverlag.de

Eine Biographie von Helen Wolff auf Fembio www.fembio.org
Literatur von und über Helen Wolff im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek portal.dnb.de

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Beitrag vom 22.12.2020

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