Sasha Marianna Salzmann - Au├čer sich - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD VOM BAUEN DER ZUKUNFT ÔÇô 100 JAHRE BAUHAUS
AVIVA-Berlin > Literatur > Jüdisches Leben AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J├╝disches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   J├╝disches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 12.04.2018

Sasha Marianna Salzmann - Au├čer sich
Anke Gimbal

Der Debutroman von Sasha Marianna Salzmann, Theaterautorin, Essayistin und Dramaturgin, gefeierte Hausautorin des Berliner Maxim-Gorki Theaters, hat autobiographische Z├╝ge. Ihre Hauptfigur Ali/Alissa/Anton sucht nach ihrer Identit├Ąt auf allen Ebenen, u.a. Herkunft, Heimat, Geschlecht.



"Ich wei├č nicht, wohin es geht, alle anderen wissen es" ÔÇô so lautet der erste Satz in Salzmanns Buch. Es ist Alis Gedanke anl├Ąsslich der ersten Fahrt "nach Hause". Gemeint ist damit eine Reise nach Moskau, einige Zeit nach der Immigration der Familie aus Russland nach Deutschland. Valja, Alis Mutter, hatte entschieden, dass die Kinder ein besseres Leben haben sollten und die Auswanderung in die Wege geleitet. "Ali und ihren Bruder Anton hatte man nicht gefragt." Das "nach Hause" geht dann auch gr├╝ndlich schief, denn wie die Kinder bald von ihren fr├╝heren Freundinnen und Freunden erfahren, geh├Âren sie nicht (mehr) dazu ÔÇô sie haben die falsche Religion und die falschen Turnschuhe.

"Zu Hause"

Wo ist also f├╝r Migrant*innen "nach Hause" oder auch "zu Hause"? Wo sind sie bei sich oder "au├čer sich"? Salzmann setzt die Begriffe in ihren Kapitel├╝berschriften folgerichtig in Anf├╝hrungszeichen. Die Familienmitglieder ihres Buches kommen wie auch die Autorin selbst als sogenannte j├╝dische Kontingentfl├╝chtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Kontingentfl├╝chtlinge sind Fl├╝chtlinge aus Krisenregionen, die im Rahmen internationaler humanit├Ąrer Hilfsaktionen aufgenommen werden. Die Aufnahme j├╝discher Zuwanderer*innen aus der ehemaligen Sowjetunion erfolgte aufgrund des Beschlusses der Regierungschefs des Bundes und der L├Ąnder von Anfang 1991 in entsprechender Anwendung. Die Regelung galt bis zum Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes 2005. In den ca. 25 Jahren wanderten ca. 225.000 Juden/J├╝dinnen bzw. deren Angeh├Ârige nach Deutschland ein. ├ľkonomische Gr├╝nde sowie die Unsicherheit angesichts der instabilen politischen und wirtschaftlichen Situation in der ehemaligen Sowjetunion waren ÔÇô wie auch bei Alis Familie ÔÇô der h├Ąufigste Grund f├╝r die Entscheidung pro Auswanderung. Antisemitismus spielte zwar auch eine Rolle, war aber meist nicht entscheidend.

Leute mit t├╝rkischem, russischem oder sonstigem famili├Ąren Hintergrund werden von ihren deutschen Bekannten gerne gefragt, ob oder wann sie mal wieder "nach Hause" fahren. Und das v├Âllig unabh├Ąngig von der Staatsangeh├Ârigkeit, davon, ob sie seit ihrer Geburt, dem 6. Lebensjahr oder erst seit Kurzem in Deutschland leben und welche Sprache sie haupts├Ąchlich oder vielleicht einzig sprechen. Gleichzeitig wird aber Integration, Verfassungspatriotismus, Aufgeben der anderen Staatsangeh├Ârigkeit (der "heimatlichen"?) und Anpassung verlangt. In Deutschland befinden sie sich "zwischen Integration und Isolation", so ein AVIVA-Beitrag ├╝ber Lena Gorelik, die 1992 als Kontingentfl├╝chtling aus St. Petersburg nach Deutschland kam.
Die Elterngeneration hat Probleme mit der Sprache (die wenigsten sprechen Deutsch, Kostja z.B. kann es kaum), dem Arbeitsleben (fehlende Anerkennung von Berufsabschl├╝ssen), der Rente (niedrig). Die Kinder haben einen schweren Start, werden wiederum mit Antisemitismus und au├čerdem Rassismus konfrontiert, lernen aber wie Ali und Anton in Salzmanns Roman die neue Sprache und haben eine Chance, anzukommen.

"Ich wei├č nicht, wohin es geht, alle anderen wissen es"

Ali, die als Alissa zur Welt kam, wei├č nicht, wohin es geht. Das zieht sich durch das ganze Buch und betrifft nicht nur ihren Aufenthaltsort, sondern u.a. auch ihre Geschlechtszugeh├Ârigkeit. ├ähnlich geht es vielen der Romanfiguren, denen sie begegnet. Inzwischen erwachsen, sucht sie in der T├╝rkei nach ihrem Zwillingsbruder Anton, der verschwand und schlie├člich eine Postkarte aus Istanbul schickt. In die Suche nach dem Bruder bettet Salzmann die Biographien von Alis Gro├čeltern und Eltern, in diese wiederum in die Geschichte russischer Juden/J├╝dinnen, die Geschichte der Juden/J├╝dinnen in der Sowjetunion und auch die aktuelle t├╝rkische Geschichte. Wobei es mit der Erinnerung im Buch und auch tats├Ąchlich so eine Sache ist. "So oder auch anders wird es gewesen sein", schreibt Salzmann.

Die Protagonist*innen des Buches haben viele Facetten, Geschlechter, Beziehungen, die h├Ąufig undurchschaubar und in der Zeit verschoben sind. Sie ÔÇô er ÔÇô ich gehen ineinander ├╝ber. Auch ob Anton existiert oder am Ende Ali/Alissa und Anton dieselbe Person sind, bleibt unklar. Die Gro├čeltern v├Ąterlicherseits sind namenlos, existieren nur in Bezug auf den Sohn Kostja, Alis "sowas wie" Vater, der als gewaltt├Ątiger Alkoholiker, vor dem die Kinder Angst haben, insgesamt nicht gut wegkommt. Er selbst sieht sich aber ganz anders und liebt seine Kinder.

Die Familiengeschichte zeigt stark autobiographische Z├╝ge. Salzmann bezeichnet sich in einem Interview mit dem taz-Journalisten Ulrich Gutmair vom 9.10.2017 als "genderfluid" und tr├Ągt wie Ali am liebsten wei├če Hemden. Ihr Roman entstand im Wesentlichen in der T├╝rkei, wo Salzmann immer wieder viel Zeit verbringt und schildert hochaktuell die politische Lage wie die Demonstrationen im Taksim Gezi Park und den Putschversuch in der Nacht auf den 16. Juli 2017.

AVIVA-Tipp: "Au├čer sich" ist komplex, die Sprache nicht einfach, die vielen Perspektivwechsel erleichtern das Lesen nicht. Aber zum einen wird die Lekt├╝re nach den ersten Seiten und etwas Gew├Âhnung einfacher und zum anderen lohnt sich das Lesen dieses Buches unbedingt. Die Themen sind aktuell: Demokratie, Antisemitismus, Migration, Integration, die Parallelen zwischen gestern und heute. Die offene Zukunft, denn die anderen wissen auch nicht, wohin es geht. Wie die Autorin selbst sagt, dient ihr Roman wie ihre wei├čen Hemden als Projektionsfl├Ąche ÔÇô die Leser*innen interpretieren ihre eigenen Erfahrungen hinein, verstehen den Inhalt vor ihrem eigenen Leben und den eigenen Fragen. Daher l├Ąsst "Au├čer sich" die Leserin lange nicht los.

Zur Autorin: Sasha Marianna Salzmann, 1985 in Wolgograd geboren, aufgewachsen in Moskau, 1995 Emigration als j├╝discher Kontingentfl├╝chtling nach Deutschland, nach diversen Fl├╝chtlingsunterk├╝nften erste eigene Wohnung in Bad Nenndorf, Studium der Literatur, Theater und Medien an der Universit├Ąt Hildesheim und Szenisches Schreiben an der Universit├Ąt der K├╝nste Berlin. 12 Jahre Redakteurin von freitext, 2012/13 w├Ąhrend ihres Aufenthaltes in Istanbul als Stipendiatin der Kulturakademie Tarabya, seit 2013 Hausautorin des Maxim-Gorki-Theaters Berlin (bis 2015 K├╝nstlerische Leiterin des Studio đ»), 2014 Gr├╝ndung des Neuen Instituts f├╝r Dramatisches Schreiben in Berlin (mit Maxi Obexer). Sie unterrichtet politisches Schreiben, initiiert Werkst├Ątten und Lesungen. leitet aktuell die Literaturwerkstatt "Flucht, die mich bedingt". 2016 war sie die Mitinitiatorin von "Desintegration, Ein Kongress zeitgen├Âssischer j├╝discher Positionen".
Ihr Theaterst├╝ck Wei├čbrotmusik gewann 2009 den Exil-Dramatiker*innenpreis der Wiener Wortstaetten und 2012 den IKARUS als bestes Jugendst├╝ck, eine Auszeichnung f├╝r herausragende Theaterinszenierungen f├╝r Kinder und Jugendliche. 2012 wurde sie f├╝r Muttermale Fenster Blau mit dem 17. Kleist-F├Ârderpreis f├╝r junge Dramatiker*innen ausgezeichnet. Ihr Abschlussst├╝ck an der Universit├Ąt der K├╝nste Muttersprache Mameloschn wurde 2013 als bestes St├╝ck des Jahres mit dem Publikumspreis bei den M├╝lheimer Theatertagen geehrt. Au├čer sich landete auf der Shortlist f├╝r den Deutschen Buchpreis 2017 und auf der Shortlist f├╝r den ZDF-"aspekteÔÇŁ-Literaturpreis 2017, es gewann den Literaturpreis der J├╝rgen Ponto-Stiftung 2017 und den Mara-Cassens-Preis 2017 des Literaturhauses Hamburg.
Mehr Infos zu Sasha Marianna Salzmann unter: sashamariannasalzmann.com

Sasha Marianna Salzmann
AUSSER SICH

Suhrkamp Verlag Berlin, erschienen 2017
Hardcover, 366 Seiten
ISBN 978-3-518-42762-0
22,00 Euro
Auch als eBook erh├Ąltlich
Mehr Infos zum Buch sowie eine H├Ârprobe von "Au├čer sich" von Sasha Marianna Salzmann unter. www.suhrkamp.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Lana Lux ÔÇô Kukolka
Ein Buch der Schauspielerin und Autorin, die auf ihrem Blog "52 SCHABBATOT" literarische Texte, "J├╝dische und Unj├╝dische" Geschichten erz├Ąhlt. Ein Buch, das sprachlos macht. Wegen der sachlich-k├╝hlen - bisweilen naiven - Darstellung von Gewalt an M├Ądchen, und was dennoch kaum aus der Hand zu legen ist. Weil die Geschichte der kleinen Kukolka ans Herz geht und weil es der Autorin durch die sprachliche N├╝chternheit gelingt, einen gesunden Abstand zu der Geschichte zu wahren. Ohne diesen Abstand w├Ąre die Lekt├╝re nahezu unertr├Ąglich. (2017)

Abigail Ulman. Jetzt - Alles ÔÇô Sofort
Eine der besten jungen AutorInnen Australiens richtet in ihrem ersten Erz├Ąhlband den Fokus auf die Erwartungen und Entt├Ąuschungen junger Frauen und Teenagerinnen. Zuviel Sex and the City, aber anspruchsvolle offene Enden. (2016)

Alexandra Friedmann - Besserland
Die in Wei├črussland geborene Journalistin und ├ťbersetzerin kam 1989 ├╝ber Umwege mit ihrer Familie nach Krefeld und lebt heute in Berlin. In ihrem temporeichen Deb├╝troman schildert sie mit j├╝dischem Humor die abenteuerliche Reise der Familie Friedmann von Wei├črussland in den Westen. (2015)

Alina Gromova - Generation koscher light. Urbane R├Ąume und Praxen junger russischsprachiger Juden in Berlin
Eine Untersuchung der postmodernen Generation junger Berliner J├╝dinnen und Juden, deren Identit├Ąt durch den urbanen Raum gepr├Ągt wird. Die dem Buch zugrunde liegende Dissertation wurde 2013 mit dem "Humboldt-Preis" - Sonderpreis "Judentum und Antisemitismus" ausgezeichnet. (2014)

Olga Grjasnowa - Die juristische Unsch├Ąrfe einer Ehe
Das Spr├Âde und Sperrige des Titels t├Ąuscht: Erz├Ąhlt wird eine rasante Dreiecksgeschichte, die scheinbar m├╝helos alle Grenzen hinter sich l├Ąsst, darunter auch die zwischen hetero-, homo- und bisexuell. (2014)

Michael Kerstgens - NEUES LEBEN. RUSSEN - JUDEN ÔÇô DEUTSCHE
Bilder und Stimmen der Menschen, die als "Kontingentfl├╝chtlinge" seit der ├ľffnung des eisernen Vorhangs in den Jahren 1989/90 aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen, finden sich in diesem Bildband des Fotografen und Professors f├╝r Dokumentarfotografie Michael Kerstgens, der das gesellschaftliche Leben der j├╝dischen Gemeinden in Deutschland seit der Wiedervereinigung in seinen unterschiedlichsten Stationen portr├Ątiert hat. (2012)

Lena Gorelik - Verliebt in Sankt Petersburg. Meine russische Reise
Die Autorin von "Meine wei├čen N├Ąchte" und "Hochzeit in Jerusalem" legt nach. Mit dem intimen Reisebuch ├╝ber Stadt, Land, Fluss und Menschen wirft sie einen ironisch-liebevollen Blick auf Klischees. (2008)

Lena Gorelik - Meine wei├čen N├Ąchte und Hochzeit in Jerusalem
Lena Gorelik, russisch-j├╝dische Schriftstellerin, kam 1992 mit ihrer Familie als "Kontingentfl├╝chtling" nach Deutschland. In ihren Romanen beschreibt sie plastisch, emotional und ├Ąu├čerst komisch ihre Erinnerungen an ihre russische Kindheit, wo Kartoffeln mit Hering zum Fr├╝hst├╝ck der Inbegriff von Gl├╝ck bedeutete, und sp├Ąter ihre Erfahrungen im deutschen Wohnheim, wo die hei├čersehnte Tiefk├╝hlpizza in Ermangelung eines Ofens auf dem Herd aufgew├Ąrmt wurde. (2007)

Literatur > Jüdisches Leben Beitrag vom 12.04.2018 AVIVA-Redaktion 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken