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AVIVA-BERLIN.de im Februar 2021 - Beitrag vom 08.06.2011


Ruth Winkelmann - Plötzlich hieß ich Sara
Marie-Luise Wache

Die Erinnerungen einer jüdischen Berlinerin von 1933 bis 1945 entstanden in Zusammenarbeit mit der Leiterin der "Erinnerungswerkstatt Reinickendorf", Claudia Johanna Bauer. Dieser bewegende,...




... exemplarische Bericht beschreibt das Überleben während des NS-Regimes und stellt ein Einzelschicksal in den Mittelpunkt, das für die vielen spricht, die einst zum Schweigen gebracht worden sind.


In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule bietet das Heimatmuseum Reinickendorf ein Gesprächsforum für ZeitzeugInnen – die "Erinnerungswerkstatt Reinickendorf". Durch dieses Forum entstand der Kontakt und die Idee, die Lebensgeschichte einer der wenigen heute noch lebenden ZeitzeugInnen in einem Erzählband zu veröffentlichen.

Grundlage für diesen Band waren private und intensive Gespräche zwischen der Autorin Claudia Johanna Bauer und der Jüdin Ruth Winkelmann. Das Protokoll dieser Begegnungen wird in 15 Episoden verarbeitet. Den Kapiteln stehen kurze Auszüge aus den Gesprächen in kursiver Schrift voran, außerdem unterstreichen Fotos und persönliche Dokumente aus der Zeit der NS-Herrschaft die Texte.

Im Jahr 1928 wird Ruth Winkelmann als Tochter eines jüdischen Vaters, Hermann Jacks, und einer christlichen Mutter, Elly Jacks, in Berlin geboren. Aus Liebe zu Hermann Jacks und um die Bedenken der Schwiegereltern an einer Verbindung zwischen zwei Verschiedengläubigen zu zertreuen, konvertiert Ruths Mutter Elly noch vor der Hochzeit zum jüdischen Glauben. Da sie aber "arischer" Abstammung ist und ihre Kinder durch die Heirat mit Hermann Jacks sogenannte "Geltungsjuden" geworden sind, beginnt weniger für sie als für ihre beiden Töchter ein Kampf ums Überleben während des NS-Regimes.

In Ruth Winkelmanns Erinnerung findet die erste Konfrontation mit "Braunhemden" im Jahr 1934 bei einem der jährlichen Ostsee-Sommerurlaube der Familie statt. Als Sechsjährige spürt Ruth eine Anspannung und Angst seitens ihres Vaters und der Familie, die ihr bisher fremd gewesen ist. Ein Jahr später wird sie an der "Privaten Mädchen-Volksschule der Jüdischen Gemeinde" in Berlin Mitte eingeschult. Dieses ist der Ort, an dem sie die ersten Übergriffe der Berliner Nationalsozialisten auf jüdische BürgerInnen miterlebt.

Es ist der Morgen nach der Pogromnacht im November 1938. Alle Ausgänge der Schule werden durch Feuerbarrikaden versperrt und nur durch die Besonnenheit des Direktors und der Lehrerinnen gelingt es allen, über die Dachböden der umliegenden Häuser zu entkommen. Bereits am nächsten Morgen erscheinen weniger Schülerinnen in den Klassenräumen.

Zwei Monate später wird eine Verordnung eingeführt, die Jüdinnen und Juden verpflichtet, sich mit den Beinamen "Sara" und "Israel" zu kennzeichnen. Von diesem Zeitpunkt an muss sich die Elfjährige als Ruth Sara Jacks ausweisen.

1942, als Ruth die sechste Klasse besucht, wird die Mädchenschule der Jüdischen Gemeinde geschlossen und alle Schülerinnen mit einem Abschlusszeugnis verabschiedet. Fortan war es jüdischen Kindern verboten, eine Schule zu besuchen.

Mit knapp vierzehn Jahren wird das Mädchen von den Nationalsozialisten zur Zwangsarbeit in der Uniformfabrik Michalski verpflichtet. Die Nürnberger Gesetze und Verordnungen, die nach und nach durchgesetzt werden, machen das Leben in Berlin unerträglich und gefährlich für die Kinder und Erwachsenen. Wenige Zeit, nachdem die Eltern Jacks sich zum Schutz der Kinder haben scheiden lassen und Elly mit ihren Töchtern in eine kleinere Wohnung in die Pappelallee zieht, werden alle drei zum Sammellager in der Großen Hamburger Straße geführt. Nur durch einen glücklichen Zufall können die Kinder Ruth und Esther der Deportation entkommen. Um das Schicksal nicht noch einmal herauszufordern, versteckt sich Elly Jacks mit ihren Kindern in einer Schrebergartenkolonie. Für die Mutter und Kinder beginnt ein risikoreiches Leben der Halblegalität, bis der Krieg und somit der Terror der Nationalsozialisten endet.

Mehrmals kann Ruth Winkelmann einem Abtransport in ein Vernichtungslager entkommen. Manchmal hilft ihr das Glück, oft aber sind es die Begegnungen und die Hilfe jüdischer und nicht-jüdischer BerlinerInnen, die sie vor einer Deportation bewahren.

Für die Verarbeitung der Erinnerungen und Erlebnisse hat die Überlebende Jahrzehnte gebraucht, den Mut, darüber sprechen zu können, hat sie erst vor einigen Jahren gefunden. Heute sieht es Ruth Winkelmann als große Aufgabe an, aufzuklären, um zu verhindern, dass die folgenden Generationen in Unwissenheit aufwachsen und sich die Geschichte wiederholt.
Claudia Johanna Bauer ist es gelungen die Gespräche authentisch und in einem kindlichen aber sehr reflektierten Erzählstil, der auch jugendliche LeserInnen ansprechen soll, zusammenzufassen.

AVIVA-Tipp: "Plötzlich hieß ich Sara" bringt der Leserin die Gefühle und Eindrücke der Grausamkeit und des Todes aber auch der Hoffnung und des Überlebenswillens während der Shoa eindrücklich näher.

Zur Autorin: Claudia Johanna Bauer wurde 1965 geboren und veröffentlichte bereits mit 17 ihren ersten Roman. Seit 2000 lebt sie in Berlin, wo sie als Dozentin für literarisches Schreiben tätig ist. Als freie Autorin befasst sie sich schwerpunktmäßig mit der Verarbeitung geschichtlicher Themen im Bereich der "Oral History". Claudia Johanna Bauer leitet die Erinnerungswerkstatt und führt ZeitzeugInnengespräche.

Ruth Winkelmann
Plötzlich hieß ich Sara

Erinnerungen einer jüdischen Berlinerin 1933 – 1945
Aufgeschrieben und zusammengestellt von Claudia Johanna Bauer
Broschur, 144 Seiten, 32 Abbildungen
Jaron Verlag, erschienen März 2011
ISBN: 978-3-89773-664-1
8 Euro

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Literatur > Jüdisches Leben

Beitrag vom 08.06.2011

AVIVA-Redaktion 






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