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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2020 - Beitrag vom 20.05.2019


Sibylle Berg - GRM. Brainfuck.
Saskia Balser

Gewalt, Sex, Verzweiflung – Sibylle Bergs neuer Roman wird von Seite zu Seite drastischer und ist dennoch, oder gerade deshalb, ein unverzichtbarer Kommentar zum Gegenwartsgeschehen und ein starkes literarisches Manifest.




Die Geschichte von Don, Peter, Karen und Hannah, die wohl hoffnungsloser nicht sein könnte, beginnt in einer englischen Stadt namens Rochdale.
"Fucking Rochdale. Ein Ort, den man ausstopfen und als Warnung vor unmotivierter Bautätigkeit in ein Museum stellen müsste. Messingschild: ´So leben Menschen im neuen Jahrtausend, wenn sie sich nicht an die Gegebenheiten der Märkte anpassen.´"

Die Kinder entstammen der gesellschaftlichen Unterschicht und sind zudem durch Autismus, ADHS und unterschiedliche traumatische Erlebnisse von einer behüteten Kindheit weit entfernt. Was sie miteinander verbindet ist die Musik, genauer gesagt Grime (zu Deutsch: Schmutz), eine Spielart des Hip Hops. Der Soundtrack des Romans schlägt sich auch auf Bergs Stil nieder, der abgehackt und voll von wiederkehrenden Motiven und Formulierungen ist – genauso wie Rap.

Sibylle Bergs Lesung GRM
© Saskia Balser, AVIVA-Berlin. Impressionen aus dem Festsaal Kreuzberg: Sibylle Bergs Lesung & Konzert "GRM" am 16. April 2019


Auf ihrer Tour, bei der sie unter anderem am 16. April 2019 im Festsaal Kreuzberg auftrat, hat Sibylle Berg gemeinsam mit dem erst 13 jährigen Rapper T.Roadz und ausgewählten Schauspieler*innen die Elemente Text, Video und Musik miteinander bei einer düsteren Performance verbunden. In einer Show, die bassgeladenes Grime-Konzert und von schnellen Videos begleitete Lesung zugleich war, inszenierte Berg ihr neuestes Werk. Dass sie seit fast 20 Jahren als Dramatikerin tätig ist und bereits zwölf Stücke von ihr auf den Bühnen in Bochum, Mülheim, Zürich, Wien, Stuttgart und Berlin aufgeführt wurden, zeigte sich auch an diesem Abend.

Motiviert durch Grime und den Wunsch, dem Elend ihrer Heimatstadt zu entfliehen, beschließen die Kinder, nach London zu gehen – nicht weil sie glauben, dass dort alles besser ist, aber wenigstens anders vielleicht. Als sie dort ankommen, wird gerade ein neuer Regierungsbeschluss verkündet: Ab sofort werden alle britischen Bürger*innen ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten.
Diese Mitteilung entfacht binnen Sekunden einen Aufstand:
"Als ob das Geld, das der Staat an die Bürger verschenkte, nur an die Schnellsten verteilt würde, waren alle am Durchdrehen vor Gier. Taxis wurden gestoppt. Menschen rannten, fielen, stolperten über Gefallene, und überall lagen diese dubiosen vereinzelten Schuhe auf der Straße."

Nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass das Geld doch an eine Bedingung geknüpft ist: Nur wer sich einen Chip einsetzen lässt, der zur vollständigen Überwachung durch den Staat verhilft und sämtliche gesellschaftlichen Regeln befolgt, bekommt die Finanzierung. Dieses Sozialkreditsystem nach chinesischem Vorbild funktioniert mit Belohnung und Strafen (die Todesstrafe ist übrigens wieder eingeführt worden) – damit ist die Dystopie à la Orwells "1984" und Huxleys "Schöne neue Welt" komplett. Die Kinder, die wissen dass sie sich diesen Regeln niemals beugen wollen, versuchen von nun an, dem System zu entkommen.

"GRM" ist keine angenehme Lektüre, es ist – wie der Untertitel des Buchs bereits ankündigt – ein "Brainfuck", der Themen wie "Flüchtlingskrise", Digitalisierung, Rechtsruck und "Islamisierung" miteinander verknüpft Präsentiert werden die schlimmsten Gedanken und Taten der Menschen und viele Missstände der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts in einer solchen Verdichtung, dass sich die Leser*innen wohl des Öfteren fragen werden, warum sie sich das selbst antun. Sibylle Bergs Roman prangert an, attackiert und fragt aber auch nach Auswegen, nach Handlungsoptionen.
Zwischen den vielen fragmentarisch arrangierten und brutalen Szenen blitzt außerdem immer wieder Sibylle Bergs trockener, makabrer Humor durch, der ihre 640 Seiten starke Streitschrift schon fast wieder erträglich macht.

AVIVA-Tipp: Nicht umsonst heißt die 2016 gedrehte Dokumentation über die Autorin "Wer hat Angst vor Sibylle Berg?". Frau Berg legt menschliche und gesellschaftliche Abgründe fulminant offen und zeichnet auf diese Weise ein schonungsloses Bild unserer Zeit, das erschreckt und wachrüttelt.

Zur Autorin: Sibylle Berg, geboren in Weimar, lebt als Dramatikerin und Autorin in Zürich und Tel Aviv. Sie ist ausgebildete Puppenspielerin und schreibt heute Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für die "NZZ" und für die "ZEIT"). Bisher veröffentlichte sie 15 Romane und 25 Theaterstücke. Ihre Werke wurden in 34 Sprachen übersetzt. Ihr Debütroman "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" erschien 1997. Seither hat sie sich als satirische Stimme und genaue Beobachterin unserer Zeit einen Namen gemacht. Zuletzt erschienen u.a. "Wunderbare Jahre. Als wir noch die Welt bereisten (2016), "Der Tag, als meine Frau einen Mann fand" (2016) "Wie halte ich das nur alles aus?" (2013), "Vielen Dank für das Leben" (2012), "Die Fahrt" (2007), "Der Mann schläft" (2009), "Und ich dachte, es sei Liebe – Liebesbriefe von Frauen" (2006), "Ende gut" (2004), "Das Unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten" (2001). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis ausgezeichnet, 2016 gewann sie den Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis und im März 2019 den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor.
Weitere Infos unter: www.fraubergtour.de und www.sibylleberg.ch

Sibylle Berg
GRM – Brainfuck

Kiepenheuer&Witsch, erschienen am: 11. April 2019
ISBN: 978-3-462-05143-8
640 Seiten, Pappband
25 Euro
Mehr zum Buch: www.kiwi-verlag.de

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Beitrag vom 20.05.2019

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