Esther Lehnert und Heike Radvan - Rechtsextreme Frauen. Analysen und Handlungsempfehlungen für soziale Arbeit und Pädagogik - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Sachbuch



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2020 - Beitrag vom 12.12.2016


Esther Lehnert und Heike Radvan - Rechtsextreme Frauen. Analysen und Handlungsempfehlungen für soziale Arbeit und Pädagogik
Hannah Hanemann

Die Autorinnen Lehnert und Radvan, beide tätig in der Fachstelle für Gender und Rechtsextremismus der Amadeu-Antonio-Stiftung, beleuchten ein unterschätztes Phänomen und plädieren für eine genderreflektierte Haltung...




...gegenüber Rechtsextremismus, nicht nur im Bereich der sozialen Arbeit und Pädagogik.

Rechtsextremismus durch Frauen wird oft übersehen. So die zentrale These des Buches, welches im November 2016 von den Autorinnen als Reaktion auf ihre jahrelange Berufserfahrung im Bereich "Gender und Rechtsextremismus" und in der Beratungs- und Weiterbildungsarbeit von Fachkräften Sozialer Arbeit veröffentlicht wurde.
Gerichtet ist es vor allem an PädagogInnen, Fachkräfte im Bereich Soziale Arbeit, sowie Studierende und Lehrende im Bereich Geschlechterforschung, Soziale Arbeit und Erziehungswissenschaft. Diesen soll die Lektüre dabei helfen, die diversen Erscheinungsformen von Rechtsextremismus – ob latent oder offen – erkennen und darauf reagieren zu können.
Anhand eingehender Analysen sowie verschiedener Fallbeispiele wird außerdem auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Thematik verstärkt ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Analyse historischer und aktueller Aspekte

Das Buch ist in zwei Themenblöcke unterteilt, die zum einen den historischen Blick auf Rechtsextremismus durch Frauen und zum anderen die Wahrnehmung von rechtsextremen Frauen in der Gegenwart thematisieren.
In ihrer Einleitung analysieren Lehnert und Radvan mögliche Gründe für das verzerrte Bild der Frauen als grundsätzlich friedfertig und unpolitisch, das sie unter anderem anhand eines philosophischen Diskurses von der Antike bis ins 20. Jahrhundert nachverfolgen: Die Vorstellung von der Frau als unmündigem und defizitärem Wesen wandelt sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem Bild der liebevollen und gütigen Mutter, das zunächst genetisch und dann gesellschaftlich erklärt und gefestigt wird.
In den vier Unterkapiteln des ersten Themenblocks wird der Bereich der sozialen Arbeit als größtenteils mit weiblichen Attributen assoziiertes Feld vorgestellt, sowie die Rolle von Frauen im Nationalsozialismus und nach 1945, sowohl im sozialen als auch politischen Bereich, beleuchtet.
Im zweiten Themenblock verdeutlichen verschiedene Fallbeispiele den praktischen Umgang mit Rechtsextremismus im Arbeitsalltag. Speziell gehen die Autorinnen auf die Bereiche der Frühkindlichen Pädagogik, Jugendarbeit, Familienunterstützenden Hilfe, Pflege und des Schutzes vor häuslicher Gewalt ein. Zu jedem dieser Punkte werden Fallbeispiele präsentiert und Handlungsmöglichkeiten vorgestellt, sowie Erkennungsmerkmale für eine mögliche rechte Gesinnung.
Verhaltenstipps, die sich universal anwenden lassen, sind jedoch auf Grund der Komplexität des Themas jedoch schwer fest zu machen.

Rechtsextremität durch Frauen ist wenig untersucht, jedoch nicht erst seit den NSU Morden eine reale Bedrohung

In den letzten Jahren hat die Rolle von Beate Zschäpe, auf die im Buch ausführlich eingegangen wird, die Thematik etwas mehr in den Vordergrund rücken lassen, ein neues Phänomen ist sie jedoch nicht.
Das öffentliche Bild der "friedliebenden" und "unpolitischen" Frau verstellt den Blick auf die Realität einer zunehmenden Organisierung rechtsextremer Frauen im sozialen Bereich. Von außen oft als "nett" und "unauffällig" wahrgenommen, können Frauen, die sich Einfluss in öffentlichen Stellen der Sozialen Arbeit gesichert haben, über längere Zeiträume unbemerkt ihre extremistischen Positionen vermitteln.
Selbst nach dem Bekanntwerden ihrer rechtsextremen politischen Meinungen oder Aktivitäten, werden diese oft mit der Liebe zu einem Mann innerhalb der Szene oder dem bloßen "Mitlaufen" in einer rechtsextremistischen Bewegung verharmlost.
Im Fall der NSU Prozesse haben sowohl Beate Zschäpe sowie diverse Zeuginnen sich dies vor Gericht zu Nutze gemacht und oftmals mit ihrer vermeintlichen Unpolitischheit und "mütterlichen Friedfertigkeit" die Verantwortung von sich gewiesen. Zitiert werden Aussagen von Zeuginnen, die ihre Rolle in rechtsextremen Organisationen klein reden und beteuern, sich seit ihrer Mutterschaft von der Szene entfernt und nicht mehr aktiv in ihr beteiligt zu haben.

Diese Beispiele zeigen auch, dass eine genderreflektierte Perspektive auf das Problem des Rechtsextremismus gestärkt werden muss. Klassische stereotype Vorstellungen sind zu einem Großteil mitverantwortlich dafür, dass das Thema so oft übersehen und die Prävention rechtsextremen Einflusses durch Frauen nicht ausreichend angegangen wird. Deswegen fordern die Autorinnen besonders auch Fachschulen, Fachhochschulen und Universitäten auf, sich mit den Erscheinungsformen modernen Rechtsextremismus´ auseinander zu setzen.

AVIVA-Tipp: Als Handreichung konzipiert mit Blick auf Fachkräfte vor allem im Bereich Sozialer Arbeit und Pädagogik liefert "Rechtsextreme Frauen. Analysen und Handlungsempfehlungen für soziale Arbeit und Pädagogik" informative und hilfreiche Lösungsansätze, aber auch der pädagogisch ungeschulten Leserin öffnet es den Blick auf ein wenig diskutiertes Thema und dessen gesellschaftliche Relevanz. Da es zwar in fachlicher Sprache, jedoch sehr gut verständlich und prägnant verfasst ist, wird sich auch letztere durch die Lektüre nicht überfordert fühlen.

Zu den Autorinnen:

Prof. Dr. Esther Lehnert
ist Erziehungswissenschaftlerin und setzte sich bereits in ihrer Promotion mit der Beteiligung von Sozialarbeiterinnen im Nationalsozialismus auseinander. Seit 2014 hat sie eine Professur an der Alice Salomon Hochschule zur Geschichte, Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt Rechtsextremismus. In der Fachstelle Gender und Rechtsextremismus ist sie seit Beginn an als freie Mitarbeiterin tätig.
Dr. Heike Radvan ist ebenfalls Erziehungswissenschaftlerin und provomierte im Jahr 2009 zum Thema "Pädagogisches Handeln und Antisemitismus" an der Freien Universität Berlin. Seit 2002 arbeitet sie für die Amadeu Antonio Stiftung, in der sie die Fachstelle für Gender und Rechtsextremismus leitet und als Referentin im Bereich "Arbeit gegen Antisemitismus" tätig ist.

Esther Lehnert, Heike Radvan
Rechtsextreme Frauen. Analysen und Handlungsempfehlungen für soziale Arbeit und Pädagogik

Verlag Barbara Budrich, erschienen im November 2016
138 Seiten
ISBN: 978-3-8474-0700-3
14,90 Euro
www.shop.budrich-academic.de

Weitere Informationen unter:

www.gender-und-rechtsextremismus.de
www.amadeu-antonio-stiftung.de

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Der informative Sammelband, ein fünf Jahre währendes Langzeitprojekt, beinhaltet 34 Artikel, die sich mit nationalsozialistischer Täterschaft und deren nachträglichen psychosozialen Wirksamkeiten auf die Kriegskindergeneration, die Nachkriegsgeneration und deren Kinder (Enkelgeneration) beschäftigt. Der Herausgeber vertritt die Meinung, dass die erste historisch wissenschaftliche Auseinandersetzung mit NS-Täterschaft in Deutschland erst Mitte 1990 begonnen hat. (2016)

Privat ist die sehr nett
Mit freundlicher Unterstützung der Mehrheitsgesellschaft: Wie Nazifrauen Politik machen. Ein Beitrag von Stella Hindemith, Fachstelle Gender und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung. (2014)

Das Kartell der Verharmloser. Wie deutsche Behörden systematisch rechtsextremen Alltagsterror bagatellisieren.
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Wie der stern (45/2007) berichtet, hat die NPD Frauen als Sympathieträger für rechte Anliegen neu entdeckt. Auch Mut-Gegen-Rechte-Gewalt.de untersucht im November 07 weibliche Neo-Nazis. (2007)


Literatur > Sachbuch

Beitrag vom 12.12.2016

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