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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 21.02.2014

Privat ist die sehr nett
Stella Hindemith

Mit freundlicher Unterst√ľtzung der Mehrheitsgesellschaft: Wie Nazifrauen Politik machen. Ein Beitrag von Stella Hindemith, Fachstelle Gender und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung



Warum hat von Sicherheitsbeh√∂rden √ľber Medien bis zur Zivilgesellschaft niemand verstanden, was es mit der Mordserie des NSU an t√ľrkischen und griechischen Kleinunternehmern auf sich hatte?

In der Diskussion dieser Frage wird - richtiger Weise - in erster Linie auf gesellschaftlichen und institutionellen Rassismus hingewiesen. Eine weitere, wichtige Kategorie ist Geschlecht. Denn die Geschichte des NSU zeigt auch, welch dramatisches Ausma√ü die gesellschaftliche Ignoranz gegen√ľber rechtsextremen Frauen hat. Diese Ignoranz fu√üt auf nicht reflektierten Geschlechterrollen. Trotz der vielen Diskussionen, die es um den Prozess und den NSU gibt, kommt dieser Aspekt in der Auseinandersetzung jedoch kaum vor.

Ein Beispiel: Ein Stockwerk √ľber der Wohnung, in der Zsch√§pe mit ihren Komplizen 2006 lebt, wird durch einen Einbruch ein Wasserschaden verursacht. Zsch√§pe hilft ihren NachbarInnen, denen sie als Lise D. bekannt ist, sp√§ter beim Aufr√§umen und erz√§hlt ihnen, sie sei zum Zeitpunkt der Tat zu Hause gewesen und habe Ger√§usche aus der Wohnung geh√∂rt.

Als sie als Zeugin bei der Polizei eine Aussage macht, gibt sie an, Susann E. zu hei√üen. Ihre NachbarInnen seien f√§lschlicherweise davon ausgegangen, dass sie Lise D. hei√üe, erkl√§rt Zsch√§pe. Dies sei aber nur ihr Spitzname. Und √ľberhaupt seien die NachbarInnen gar nicht ihre NachbarInnen, denn eigentlich wohne sie gar nicht in der Wohnung, sie sei nur oft zu Gast. Dementsprechend k√∂nne sie auch nichts zur Tat sagen, denn sie sei zur Tatzeit gar nicht in der Wohnung gewesen.
Während sie die Angaben macht, verhaspelt sie sich immer wieder und spricht von der Wohnung als "ihrer" Wohnung.

Der Polizist wird nicht stutzig. Ulrich Overdieck, der f√ľr die Fachstelle Gender und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung den Prozess gegen Zsch√§pe beobachtet und aus dessen Analysen die erz√§hlte Geschichte stammt, kommentiert: "Man stelle sich vor, statt auf Beate Zsch√§pe w√§re ein polizeilicher Ermittler in einer vergleichbaren Situation auf einen jungen Mann gesto√üen, von dem angenommen werden kann, dass er einen sogenannten Migrationshintergrund hat. H√§tte diese Person sich gegen√ľber der Polizei auch in so gro√üem Umfang in Widerspr√ľche √ľber seine Identit√§t und seine Wohnverh√§ltnisse verwickeln d√ľrfen, ohne das Vertrauen in seine Ehrlichkeit zu verspielen?"

Ein weiteres Beispiel, das Overdieck erz√§hlt: 2007 geht die Polizei dem Verdacht nach, die Mordserie an Personen t√ľrkischen und griechischen Migrationshintergrunds k√∂nne einen rechtsextremen Hintergrund haben. Auf Grund der Konzentration der Morde im Raum N√ľrnberg fordert die Polizei deshalb vom bayerischen Verfassungsschutz eine Liste aller in der Region lebenden Rechtsextremen an. Als die Polizei die Liste erh√§lt, steht auf ihr auch Mandy S., eine fr√ľhe Unterst√ľtzerin des NSU, die den drei im Untergrund lebenden Nazis Wohnungen vermittelt hatte und zu der Zeit in N√ľrnberg lebt. Die Polizei entschlie√üt sich jedoch, die weitere √úberpr√ľfung auf M√§nner zwischen 18 und 35 Jahren zu beschr√§nken. Mandy S. entgeht der Aufmerksamkeit der Polizei, weil sie eine Frau ist, der NSU enttarnt sich vier Jahre sp√§ter selbst.

Nazis werden tendenziell als M√§nner gedacht, szenezugeh√∂rige Frauen eher als deren Anh√§ngsel. Dies ist eine Reproduktion der √ľberwunden geglaubten Vorstellung von Frauen als per se unpolitischen Subjekten.
Als bei der B√ľrgerInnenversammlung in Berlin-Hellersdorf letzten Sommer, bei der es um das dortige Fl√ľchtlingsheim ging, die beiden NPD- Kader Sebastian Schmidtke und Maria Fank ans Mikrofon traten, wurde Schmidtke erkannt und des Mikrofons verwiesen, w√§hrend man seine Lebensgef√§hrtin gew√§hren lie√ü, die √ľber "unsere Kinder" und deren vermeintlichen Entbehrungen durch die Ankunft der "fremden Kinder" schwafelte.

In der Wahrnehmung des Moderators mag Maria Fank einfach eine zuf√§llig auf der B√ľrgerversammlung aufgetauchte, besorgte Mutter gewesen sein.
Dass die √Ąu√üerung dieser angeblichen Sorgen auf einer B√ľhne, durchzogen von rassistischen und nationalistischen Vorstellungen, kalkuliert war - das traut man einer Frau, gibt sie sich erst einmal als besorgte Mutter und spricht von "unseren" Kindern, anscheinend nicht so einfach zu. Ein unverstellter Blick auf rechte Frauen r√ľttelt im Zweifelsfall vielleicht an Grundannahmen √ľber das "Wesen" von Frauen und M√§nnern und somit an den kulturellen und sozialen Grundfesten unserer Gesellschaft. Die Existenz rechtsextremer Frauen √ľberf√ľhrt generalisierte Vorannahmen √ľber Frauen als friedliebend, harmlos oder einf√ľhlsam der Irrationalit√§t und stellt die als nat√ľrlich wahrgenommene Unterschiedlichkeit von M√§nnern und Frauen in Frage.

Der voreingenommene Blick auf Frauen durchzieht alle gesellschaftlichen Bereiche. Als im Sommer 2012 aufflog, dass die Ruderin Nadja Drygalla mit einem Rechtsextremen zusammen ist, waren sich viele JournalistInnen sicher, Drygalla selbst könne keine Rechtsextremistin sein, sicherlich habe sie sich nur verliebt. "Der Preis der Liebe", titelte der Stern.
Drygalla wurde durch ihre Beziehung zu ihrem Freund geradezu zur Heldin - schließlich verkörperte sie weibliche Grundtugenden: Naive Liebe zum Mann und die Treue zu ihm. Eine Initiative in Mecklenburg Vorpommern wollte ihr auch gleich den Titel "Sportlerin des Jahres" verpassen.

L√§ngst geh√∂rt es zur Strategie der NPD, die gesellschaftliche Wahrnehmung von Frauen als eher sozial, friedfertig und politisch unstrategisch f√ľr sich zu nutzen. Es gibt rechtsextreme Erzieherinnen, NPD-Mitglieder in Elternbeir√§ten, NPD-Kinderfeste, bei denen Frauen Kuchen und Kaffee verteilen. Frauen sind Sympathietr√§gerinnen, ihnen wird anscheinend eine Art generalisiertes Vertrauen entgegen gebracht.

Frauen sind f√ľr die NPD aus zwei Gr√ľnden von Interesse: Zum einen, weil sie der vermeintlichen sozialen Ausrichtung der Partei, Glaubw√ľrdigkeit verleihen - soziale Belange gelten als Frauenthemen. Die lokale Verankerung, die die Partei anstrebt, erreicht sie zum anderen auch √ľber Frauen, die im vorpolitischen Raum aktiv sind und Kontakte kn√ľpfen. Bei den letzten Wahlen konnte man beobachten, dass die NPD vor allem dann erfolgreich ist, wenn die W√§hlerinnen und W√§hler die KandidatInnen vor Ort kennen.

"Privat ist die sehr nett," erkl√§rt eine Mutter, an deren Schule eine rechtsextreme Frau Elternsprecherin ist. Gerade im l√§ndlichen Raum, wo die soziale N√§he unter den Menschen gro√ü ist und die Wahrnehmungsf√§higkeit von menschenfeindlichen Ideologien schwach ausgepr√§gt, greift die Strategie der Nazis. Dass das soziale Engagement von rechten Frauen kalkuliert ist, um die Abgrenzung der Gesellschaft gegen√ľber rechtsextremen Positionen und Personen aufzuweichen, ist weitgehend unbekannt. Im l√§ndlichen Raum erfordert die Abgrenzung von Rechtsextremen oft eine h√∂here Konfliktf√§higkeit als in urbanen R√§umen.

Und trotzdem - wie ein Jugendsozialarbeiter im Gespräch anmerkte: Auch hier auf dem Land muss man nicht mit allen NachbarInnen befreundet sein.
Die Untersch√§tzung rechtsextremer Frauen macht deutlich, dass die Unterwanderung des √∂ffentlichen Lebens durch Rechtsextreme dann gelingt, wenn ihre Ideologien an Vorstellungen der Mehrheitskultur ankn√ľpfen k√∂nnen und deshalb √ľbersehen werden. So lange nicht auch Gender zur politischen Querschnittsaufgabe wird, bleibt es schwer, Unterwanderungsstrategien von Nazis zu erkennen und zu unterbinden.

Zudem g√§be es eine ganze Reihe praktischer Ma√ünahmen, die es weiblichen Nazis erschweren w√ľrden, in √∂ffentliche R√§ume vorzudringen und Gewalt auszu√ľben, sie reichen von Schulungen f√ľr die Polizei oder einer nach Geschlecht differenzierten Statistik rechter Gewalt bis zu unterst√ľtzenden Ma√ünahmen f√ľr Kindertagesst√§tten und sozialen Einrichtungen, die mit der Auseinandersetzung mit Rechtsextremen bisher weitgehend allein gelassen werden. Auch innerhalb der demokratischen Zivilgesellschaft muss sich noch einiges bewegen, indem sie das Engagement von M√§dchen und Frauen zul√§sst und f√∂rdert. Erst wenn gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe von weiblich sozialisierten Personen als solche selbstverst√§ndlich ist, werden rechtsextreme Identit√§tsangebote f√ľr M√§dchen und Frauen wirklich uninteressant.

Stella Hindemith arbeitet f√ľr die Fachstelle Gender und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung und koordiniert das Projekt "Lola f√ľr Lulu- Frauen f√ľr Demokratie im Landkreis Ludwigslust".

Mehr Infos zur Fachstelle Gender und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung unter: www.amadeu-antonio-stiftung.de

Mehr Infos zum Projekt "Lola f√ľr Lulu- Frauen f√ľr Demokratie im Landkreis Ludwigslust" unter:
www.amadeu-antonio-stiftung.de


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Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe Nr. 10337 der taz vom 15./16. Februar 2014 und wurde uns von der Autorin freundlicherweise zur Verf√ľgung gestellt. www.taz.de





Public Affairs Beitrag vom 21.02.2014 AVIVA-Redaktion 





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