Luitgard Marschall und Christine Wolfrum - Das ├╝bertherapierte Geschlecht. Ein kritischer Leitfaden f├╝r die Frauenmedizin - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 11.04.2017

Luitgard Marschall und Christine Wolfrum - Das ├╝bertherapierte Geschlecht. Ein kritischer Leitfaden f├╝r die Frauenmedizin
Lisa Baurmann

Sch├╝tzt das regelm├Ą├čige Mammografie-Screening vor Brustkrebs? Helfen oder schaden Hormone bei Wechseljahresbeschwerden? Der Ratgeber informiert umfassend und sachlich ├╝ber diese und weitere dr├Ąngende, hochaktuelle Fragen der Frauengesundheit.



Wenn normale Befindlichkeitsst├Ârungen pl├Âtzlich als Krankheit gelten und eine aufwendige Behandlung erfolgt, oder f├╝r relativ harmlose Krankheiten Medikamente verschrieben werden, die weit mehr Nebenwirkungen haben, als sie nutzen, ist das eine ├ťbertherapie. Christine Wolfrum und Luitgard Marschall zufolge geschieht das bei Frauen besonders h├Ąufig. Diesen Umstand k├Ânnen sie anhand von sorgf├Ąltigen Recherchen belegen. Unter anderem beziehen sie sich auf die 2016 ver├Âffentlichte Meta-Studie "Gender differences in antibiotic prescribing in the community: a systematic review and meta-analysis" der Universit├Ąt T├╝bingen in der nachgewiesen wird, dass Patientinnen 27 Prozent mehr Antibiotika verschrieben werden als Patienten, ohne dass dieser Unterschied medizinisch erkl├Ąrt werden kann. F├╝r die Pharmaindustrie wie ├ärzt_innen ist es ein lukratives Unterfangen, zuvor als gesund geltenden Frauen teure Therapien verkaufen zu k├Ânnen. Den Frauen entstehen dabei nicht nur monet├Ąre Nachteile, sondern vielfach hohe gesundheitliche Risiken.

Entschiedene Kritik am Gesundheitssystem

Das Autorinnenteam besteht aus der Wissenschaftsjournalistin Wolfrum sowie der Pharmazeutin und Wissenschaftshistorikerin Marschall. Beide haben bereits eigene B├╝cher ver├Âffentlicht (Wolfrum: "Hauptsache gesund - das Frauenbuch f├╝r K├Ârper und Seele" und Marschall: "Aluminium. Metall der Moderne"). Nun entwickeln sie zusammen eine stichhaltige Kritik am deutschen Gesundheitssystem und daran, wie dessen Akteur_innen von ├ängsten und Unsicherheiten der Patientinnen profitieren. Ihre umfassende Abhandlung dient gleichzeitig als Leitfaden f├╝r Frauen, die sich ├╝ber Nutzen und Risiken von vielfach beworbenen Therapien und Pr├Ąventionsprogrammen informieren wollen. Einige der medizinischen Ma├čnahmen, die sie diskutieren, sind dabei bereits ├Âffentlich in die Kritik geraten, wie etwa das Mammografie-Screening. Andere Themen sind bisher m├Âglicherweise nur wenigen bekannt, wie der oft unn├Âtige invasive Eingriff der Geb├Ąrmutterentfernung bei gutartigen Gewebsver├Ąnderungen. Mit ihrem sachlichen Stil und umfassenden Recherchen gelingt es Wolfrum und Marschall bei den komplexen und oft un├╝bersichtlichen Gesundheitsthemen, betroffenen Frauen eine Entscheidungshilfe an die Hand zu geben.

Hormone in den Wechseljahren ÔÇô ein geschickter Marketingstreich

Vielleicht am deutlichsten werden die Probleme des Gesundheitssystems, die zu Lasten der Frauen gehen, im Kapitel zu den Wechseljahren. "Hormonersatztherapie" oder HET - allein die Bezeichnung kann als geniale Marketingstrategie der Medikamentenindustrie gesehen werden. Denn sie suggeriert, dass den alternden Frauen etwas "fehlt", das sie mit der Einnahme von k├╝nstlichen Hormonen nur ersetzen m├╝ssen. Dabei ist das Sinken des Hormonspiegels, das mit den Wechseljahren beginnt, ein vollkommen nat├╝rlicher Prozess. Dennoch wurde und wird eine HET sogar vorsorglich verschrieben, ohne dass Beschwerden vorliegen, und von den Patientinnen dabei teilweise bis an ihr Lebensende weiter gef├╝hrt. Allerlei Symptome, wie Schlafst├Ârungen oder Stimmungsschwankungen, werden immer noch unter Wechseljahresbeschwerden subsumiert, obwohl ein eindeutiger Zusammenhang mit dem sinkenden Hormonspiegel nur f├╝r Hitzewallungen und Schwei├čausbr├╝che nachgewiesen wurde. Pharmafirmen verdienten und verdienen also sehr gut daran, dass der nat├╝rliche Alterungsprozess von Frauen zu einer Art Mangelzustand erkl├Ąrt wurde, den es zu beheben gilt.

Wenig Nutzen und hohes Risiko

Kurz nachdem die HET um die Jahrtausendwende ihr Hoch erlebte ÔÇô fast jede zweite Frau zwischen 55 und 60 Jahren unterzog sich ihr ÔÇô , wurden im Jahre 2002 dann erstmals ihre gravierenden Risiken durch gro├čangelegte Studien bekannt: Es zeigte sich bei Probandinnen, die Hormone nahmen, eine erh├Âhte Sterblichkeit und ein vermehrtes Auftreten von Brustkrebs, Herzinfarkt, Schlaganfall, Thrombose und Lungenembolie. Die Zahl der Verschreibungen ging langsam zur├╝ck, und viele ├ärzt_innen gehen nun vorsichtiger mit den Medikamenten um. Teilweise wird aber immer noch offensiv f├╝r sie geworben. Der Pharmakonzern Bayer etwa warnt auf seiner Webseite, in der Menopause "drohen ernste gesundheitliche Probleme" und mahnt, "ein gesunder Lebensstil ist nicht alles". Stattdessen wird das hauseigene Hormonpr├Ąparat angepriesen, das sogar Gewichtszunahme verhindern soll ÔÇô die Risiken werden verschwiegen. Die Betroffenen tragen indessen die Langzeitfolgen.

Geschicktes Marketing steht auf der einen Seite, auf der anderen Seite viele unkritische ├ärzt_innen, die aktuelle Studienergebnisse nicht kennen oder nicht richtig interpretieren. Dies in einem Gesundheitssystem, das Anreize daf├╝r schafft, Gesunde zu behandeln. In diesem Umfeld m├╝ssen sich die Patientinnen zurechtfinden, die ÔÇô aufgrund von Ignoranz oder auch Zeitmangel der ├ärzt_innen ÔÇô ├╝ber Risiken und Nebenwirkungen nicht richtig aufgekl├Ąrt werden, offene Fragen haben, oder verunsichert sind. Das Muster, was sich anhand der Hormonersatztherapie zeigt, l├Ąsst sich auf viele andere medizinische Bereiche ├╝bertragen, die vor allem Frauen betreffen.

Den folgenden Themengebieten widmen sich die Autorinnen dabei im Detail:

  • Schwangerschaft
  • IGeL (Individuelle Gesundheitsleistungen)
  • Sch├Ânheitsmedizin
  • Hormone
  • Wechseljahre
  • Geb├Ąrmutterentfernung
  • Mammografie-Screening
  • Depression

  • Umfassendes Informieren statt schnelles Nachschlagen

    Zusammengefasste Informationen f├╝r Patientinnen sind in jedem Kapitel farblich unterlegt, sodass sie einfach von den Leserinnen gefunden werden, die schnelle Auskunft suchen. Leider sind diese Kurzdarstellungen allzu knapp und allgemein gehalten. Wichtige Zahlen und Fakten, wie Studienergebnisse zu Nebenwirkungen, werden vor allem im Flie├čtext genannt. Das schm├Ąlert den Nutzen als Nachschlagewerk. Die Kapitel kommen jedoch zu einem gro├čen Teil ohne Fachjargon aus und sind daher auch f├╝r Nichtkundige gut zu lesen, die allerdings entsprechend Zeit und Mu├če daf├╝r einplanen m├╝ssen.

    Die zahlreichen Studien, auf die sich die Autorinnen st├╝tzen, sind im Anhang vermerkt, sodass sich die medizinisch interessierte Leserin vertieftes Wissen aneignen kann. F├╝r alle Anderen gibt es zum Weiterlesen dankenswerter Weise auch eine umfangreiche Linksammlung zu Webseiten, die transparent und teilweise auch frauenspezifisch zu Gesundheitsfragen informieren.

    AVIVA-Tipp: "Das ├╝bertherapierte Geschlecht" ist ein wertvoller Ratgeber mit vielen wichtigen und hochspannenden Informationen f├╝r Frauen in (fast) allen Lebenslagen, die mit Entscheidungen ├╝ber die eigene Gesundheit konfrontiert sind. Das Ausma├č der ├ťbertherapien, das die Autorinnen aufzeigen, gibt dem Buch zudem eine politische Komponente. Am besten geeignet ist es f├╝r die Leserin, die sich tiefergehend informieren m├Âchte.

    Zu den Autorinnen: Luitgard Marschall ist Pharmazeutin, promovierte Wissenschaftshistorikerin und Autorin und hat in den Themenfeldern Medizin, Umwelt und Nachhaltigkeit ("Aluminium. Metall der Moderne") ver├Âffentlicht. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl f├╝r Ressourcenstrategie der Universit├Ąt Augsburg.
    Mehr Infos unter: www.mrm.uni-augsburg.de

    Christine Wolfrum studierte Anglistik und Oecotrophologie. Seit vielen Jahren arbeitet sie als Wissenschaftsjournalistin und Sachbuchautorin. Sie war leitende Redakteurin des Medizin-Ressorts der Prima Carina. Wolfrum hat zahlreiche B├╝cher im Bereich Frauengesundheit, Psychologie und Sexualit├Ąt publiziert. Zwei ihrer Ver├Âffentlichungen ("So wild nach deinem Erdbeermund" und "Ich und ein Baby?") wurden f├╝r den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.
    Mehr Infos unter: www.journalistenbuero-muenchen.de


    Luitgard Marschall, Christine Wolfrum
    Das ├╝bertherapierte Geschlecht. Ein kritischer Leitfaden f├╝r die Frauenmedizin
    KNAUS VERLAG, erschienen: M├Ąrz 2017
    Klappenbroschur, 288 Seiten
    ISBN: 978-3-8135-0758-4
    www.randomhouse.de


    Information und Beratung zu Frauengesundheit in Berlin:

    www.ffgz.de ÔÇô Feministisches Frauengesundheitszentrum e.V.

    Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

    Eula Biss ÔÇô Immun. ├ťber das Impfen ÔÇô von Zweifel, Angst und Verantwortung
    Nicht nur in Deutschland gibt es eine "Impfdebatte". Vor allem junge Eltern fragen sich, ob sie ihre Kinder "durchimpfen" lassen sollten. Die amerikanische Autorin, eine Impf-Bef├╝rworterin, will anhand der eigenen Geschichte mit ihrem neugeborenen Sohn ├╝berzeugen. (2016)

    Laura M├ęritt ÔÇô Frauenk├Ârper neu gesehen
    Ist ein Diaphragma sicher? Wie behandle ich einen Hefepilz? Wer beim Thema Frauengesundheit eine Alternative zu zweifelhaften Onlineforen sucht, ist bei diesem Kultbuch (Orlanda) gut aufgehoben. (2012)

    Sammelklagen wegen lebensbedrohender Pille, Selbsthilfegruppe erkrankter Frauen gegr├╝ndet ÔÇô Bayer in Bedr├Ąngnis
    Seit der Markteinf├╝hrung im Jahr 2000 starben 190 Frauen, die mit den Bayer-Contraceptiva Yasemin┬«, Yasminelle┬« oder Yaz┬« verh├╝tet haben. ├ťberpr├╝fen auch Sie, ob Ihre Pille zu den riskanten drospirenonhaltigen Pr├Ąparaten geh├Ârt. Alle Infos hier. (2012)

    Zwei neue Ratgeber zum Thema Wechseljahre
    Seit seiner Gr├╝ndung 1974 erscheinen im Orlanda-Verlag vor allem politische Frauenb├╝cher und B├╝cher zum Thema Frauengesundheit. Zwei interessante Werke besch├Ąftigen sich mit einem f├╝r viele unangenehmen Thema, mit den Wechseljahren. (2011)

    Gesundheit hat ein Geschlecht
    Unbekannte Patientin ÔÇô Die Medizin entdeckt den weiblichen K├Ârper. In der noch jungen Disziplin der Gender-Medizin wird der "kleine Unterschied" untersucht, der sich medizinisch jedoch gro├č auswirkt. (2006)

    Literatur > Sachbuch Beitrag vom 11.04.2017 AVIVA-Redaktion 





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