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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 21.02.2011

Journalistinnenbund e.V. veröffentlicht am 16. Februar 2011 Statement zur Quotendebatte
AVIVA-Redaktion

Noch immer ist der Anteil weiblicher F√ľhrungskr√§fte in Deutschland verschwindend gering, weshalb die Forderungen nach einer Frauenquote lauter werden. Auch der Journalistinnenbund e.V. nimmt ...



... zur Quotendebatte Stellung.

Der Journalistinnenbund e.V. ist der Meinung, dass wichtige Aspekte, insbesondere in Bezug auf die Rolle der Medien in der Debatte um die Frauenquote nicht diskutiert werden. An dieser Stelle veröffentlicht AVIVA-Berlin die Forderung des JB:

Frauenquote rauf, Männerquote runter! Warum den Medien und der Kanzlerin hier eine besondere Rolle zufällt

Quotendebatte - langweilig? Angestaubt? Sogar kontraproduktiv? Oder nicht provokativ genug? Der Journalistinnenbund unterst√ľtzt ausdr√ľcklich diejenigen Initiativen, die Frauen mehr Zugang zu den F√ľhrungsetagen der Wirtschaft verschaffen wollen. Wir halten - und sei es z√§hneknirschend - die auch vom Europa-Parlament angestrebte Vorschrift, innerhalb der n√§chsten f√ľnf Jahre mindestens 30 Prozent der Sitze in Vorst√§nden und Aufsichtsr√§ten an Frauen zu vergeben, f√ľr ein l√§ngst √ľberf√§lliges Ausgangsinstrumentarium, um die weibliche Teilhabe am √∂ffentlichen Leben - also auch in Top-Positionen - zu verankern und insgesamt ein gesellschaftliches Umdenken zu beschleunigen.

Wie sich zeigte, wurden freiwillige Verpflichtungen nur von einer verschwindend geringen Zahl von Unternehmen eingehalten - nun muss eine verbindliche Regelung her, die zum Handeln zwingt. Das fordern wir vehement auch f√ľr die F√ľhrungsetagen der Medien, aber sofort und durchg√§ngig, nicht erst in einem f√ľnfj√§hrigen Trippelschritt. Es geht um mehr, als via Quote f√ľr Frauen einen saftigeren Anteil an der Bestandsgr√∂√üe Macht nebst gut bezahlten Jobs zu erringen - es geht um die Gleichrangigkeit der Geschlechter.

Wir brauchen die Quote als Instrument weil:

  • Frauen rein m√ľssen ins allgemeine Geschehen statt ihr Potenzial auszuschlie√üen
  • allein ihr zahlreicheres in Erscheinung treten deutlicher vermitteln w√ľrde, was Frauen schon k√∂nnen und M√§nner noch selten erproben: sich auf den Job zu konzentrieren - und dennoch nicht den Rest der Welt aus den Augen zu verlieren
  • das Ziel ist, endlich durchzusetzen, Arbeitsleben und Privatheit lebbar miteinander zu verschr√§nken - f√ľr beide Geschlechter

    F√ľr uns als Netzwerk mit 450 Medienfrauen gilt es, besonders hervorzuheben, welche Rolle den Medien bei der Diskussion um die Quote zuf√§llt. Wir sind √ľberzeugt, dass die Vermittlung dieses Themas erst dann gelingt, wenn Journalistinnen und Journalisten in ihren eigenen Arbeitsbereichen mit der Geschlechtergerechtigkeit beginnen - gleiche Aufstiegschancen f√ľr beide, gleicher Rang in der Berichterstattung. Es muss selbstverst√§ndlich werden, dass Frauen als ganz normale Teilnehmerinnen am √∂ffentlichen Leben dargestellt, zitiert, also wahrgenommen werden, nicht nur als Expertinnen f√ľr weibliche Lebenszusammenh√§nge. Ihre Anliegen m√ľssen generell mehr Gewicht in der Berichterstattung haben und als bedeutsam f√ľr die gesamte Gesellschaft kenntlich werden - zur Quotendebatte geh√∂ren eben auch Themen wie Gender Pay Gap und Vereinbarkeitsfallen.

    Fakt ist, dass es Fortschritte gibt. Insbesondere im Fernsehen sind immer mehr Frauen als K√∂nnerinnen ihres Berufsfachs sichtbar geworden - als Polit-Talkerinnen, Korrespondentinnen, Magazin- und Nachrichten-Pr√§sentatorinnen, Finanzexpertinnen, Sport-Kommentatorinnen, sogar als Comedians. Hier ist also auch ohne Quote ein Durchbruch gelungen. Fakt ist aber auch, dass Frauen trotz dieser scheinbar allgegenw√§rtigen Pr√§senz nur selten in die F√ľhrungsspitzen vordringen und weiterhin wenig eigene Gestaltungsmacht haben. Nur zwei von neun Intendantensesseln sind von Frauen besetzt, bei der ARD gibt es bisher eine einzige Programmdirektorin. Auch wenn zwei Drittel aller Polit-Magazine von Frauen pr√§sentiert werden, hei√üt das nicht, dass sie die Macht h√§tten, etablierte Regeln ihrer Formate umzusto√üen. In Diskussionsrunden gilt mehrheitlich die Quote 4:1 - vier m√§nnliche Experten, maximal eine Frau, die nicht selten eher als Betroffene denn als Expertin eingeladen ist, meist aber als "Grundmodell Frau" herhalten soll, um f√ľr alle Frauen zu sprechen, als h√§tten Frauen nicht ebenso unterschiedliche Standpunkte wie M√§nner. Auff√§lligerweise gilt das auch dann, wenn Frauen die Moderatorinnen sind. Und die Zahl reiner M√§nnerrunden w√§chst. Das zeigte sich aktuell bei der Berichterstattung √ľber √Ągyptens Freiheitsbegehren - bis auf wenige Ausnahmen hatten nur M√§nner das Geschehen zu deuten, wurden als Politiker, Historiker, Nahost- und Islam-Experten selbst aus bislang unauff√§lligen Ressorts herbeigerufen, w√§hrend vereinzelt eine Frau zu Wort kommen durfte, wenn sie als heimgekehrte Touristin oder als Lehrerin an einer √§gyptischen Schule befragt werden konnte. Der Ausschluss von Frauen bei der Debatte grundlegender Theorien und Deutungen geht so weit, dass selbst ein gut vorbereitetes philosophisches Gespr√§ch √ľber den Begriff "Heimat" nur unter (vier) M√§nnern ausgetragen wird oder zum Thema Reichtum & Moral f√ľnf M√§nner aus den Bereichen Politik, Wissenschaft, Unternehmertum bzw. Lottogewinner geladen werden und die einzige Frau in der Runde √ľber ihre Marotten als Million√§rsgattin befragt wird - wie j√ľngst geschehen bei Gert Scobel auf 3sat und bei Sandra Maischberger bei der ARD, aber √§hnlich auffindbar auch bei anderen seri√∂sen Sendern.

    Dass auch in den politischen Printmedien - au√üer bei der √ľberregionalen "taz" mit ihrer fifty-fifty-Quote - kaum Chefredakteurinnen zu finden sind, zeigt nicht nur, dass die vielgeschm√§hte "gl√§serne Decke" nach wie vor Frauenaufstieg verhindert. Brennender ist das Signal, dass auch in den Medien die Prinzipien F√ľhrung und Deutungsmacht vorrangig M√§nnern zugeordnet werden. Frauen, selbst eine Kanzlerin, gelten immer noch als Ausnahmeerscheinung in Spitzenpositionen wie in der Meinungsf√ľhrerschaft. Dieses Bild muss sich √§ndern.

    Der Journalistinnenbund beteiligt sich an der internationalen Erhebung Global Media Monitoring Project (GMMP) und wertet f√ľr Deutschland aus, wie oft Frauen an einem festgelegten Stichtag in den Hauptnachrichten der Medien vorkommen. Fazit 2005: 22 Prozent gegen√ľber 78 Prozent M√§nner. Steigerung 2010: um 1 Punkt auf 23 Prozent - trotz der Pr√§senz von Angela Merkel in den Nachrichtenmeldungen. Das unterstellt, dass Frauen nur Unspektakul√§res tun - alles nicht erw√§hnenswert, nachrangig. Tats√§chlich aber werden ihre Standpunkte, ihr Handeln und Entscheiden selten einbezogen. An Expertentum mangelt es Frauen jedenfalls nicht. Statistiken belegen seit Jahren, dass sie besser ausgebildet sind als ihre m√§nnlichen Mitbewerber, flei√üiger, ernsthafter, in ihrer Arbeitsauffassung mehr sachlich orientiert als hierarchisch. Das zu verdeutlichen, obliegt vor allem Journalistinnen und Journalisten. Sichtbarkeit ist wichtig, gibt Orientierung, schafft Vorbilder. Nicht zuletzt k√∂nnten auch jene Frauen ermutigt werden, die gem√§√ü der Thesen der Journalistin und Buchautorin Bascha Mika zu "feige" f√ľr einen eigenen Aufstiegswillen sind, nach internen Umfragen im Journalistinnenbund jedoch eher die vorgefundenen Arbeits- und Denkstrukturen in Chefetagen f√ľr sich ablehnen - oder √ľberbewerten. Je mehr Frauen in F√ľhrungsebenen vorr√ľcken, desto mehr Macht h√§tten sie, selber die Arbeitswelten zu pr√§gen.

    Dazu geh√∂rt auch der sorgsame Umgang mit einer gendergerechten Sprache, wof√ľr sich der Journalistinnenbund seit Jahren einsetzt. Schon eine Wortwahl wie "Frauen auf dem Karrieretrip" macht nieder, was unter M√§nnern die ganz normale Lebensplanung beschriebe. Zuschreibungen wie "feministisch", "frauenk√§mpferisch" werden meistens eingesetzt, um eine einseitige bis l√§cherliche Haltung zu brandmarken, w√§hrend doch die Welt, wie sie ist, deutlich eine m√§nnliche Signatur tr√§gt, sich demnach √ľberwiegend "maskulinistisch" geb√§rdet. Not t√§te in den Medien, die Verschiedenheit von Frauen zu betonen, statt etwa f√ľr jede Suche nach einem weiblichen Standpunkt die durchaus pr√§gende Alice Schwarzer zu zitieren oder s√ľffisant von "Zickenkriegen" zu reden, wenn einfach nur unterschiedliche Frauenmeinungen aufeinander prallen.

    Die Einf√ľhrung der Quote f√ľr hohe Wirtschafts-Etagen k√∂nnte also wesentlich verst√§rken, was durch Gleichstellungsbeauftragte in zahlreichen Institutionen und Berufsfeldern bereits er√∂ffnet wurde - immerhin w√§re das Signal gesetzt, wie selbstverst√§ndlich Frauen auch "ganz oben" mitmischen, statt etwa als Ausnahme- bzw. Alibi-Frau in einer M√§nnerdom√§ne zu gelten. Diese Schubkraft der Quote m√ľsste insbesondere die Kanzlerin f√∂rdern. Ihr eigener Werdegang zeigt zwar, dass sie aus eigener Kraft die Position der Kanzlerin errang. Ihr Einstieg in die erste F√ľhrungsrolle als Ministerin gelang aber nur, weil sie in Helmut Kohls Augen eine dreifache Quote bediente: War Frau, war CDU, war aus dem Osten - noch dazu jung, eine Newcomerin, was Kohl ersparte, sich mit f√ľr ihn eher unbequemen, verdienten CDU-Frauen auseinander zu setzen. Gerade weil Angela Merkel ein Beispiel daf√ľr ist, dass im Heer der Unbekannten unbezweifelbar qualifizierte Frauen zu finden sind, w√ľrde man sie nur suchen, wird sie ihr "Nein" zur Quote f√ľr F√ľhrungsfrauen noch √ľberzeugend begr√ľnden m√ľssen. M√§nner hingegen sollten schweigen: Ihnen bleibt in den Top-Jobs ja vorerst noch eine Quote von 70 Prozent. Es sei denn, sie erfahren am eigenen Leibe, dass auch f√ľr sie das angeblich nur weibliche Privileg der Wahlm√∂glichkeit besteht. Auch sie k√∂nnten sich f√ľr die Organisation des Alltags, f√ľr Kinder und ein Gemenge aus Beruf und Familienleben entscheiden. Und erkennen, dass die bisherige Unvereinbarkeit von beidem nicht eine individuelle Schw√§che der Frauen ist, sondern ein strukturelles Problem, das die Gesellschaft als Ganzes zu l√∂sen hat.


    Nicht allein im Kampf um die Quote

    Seit mehreren Jahren engagieren sich nun schon verschiedenste Initiativen f√ľr die Einf√ľhrung einer Frauenquote in Aufsichtsr√§ten und Vorst√§nden von Unternehmen.
    So initiierte der Juristinnenbund e.V. (djb) im vergangenen Jahr die Aktion "Hauptversammlungen - Aktionärinnen fordern ein",
    Mitglieder des Juristinnenbundes besuchten Hauptversammlungen gro√üer Unternehmen und forderten Erkl√§rungen f√ľr den immer noch viel zu geringen Frauenanteil in den Aufsichtsr√§ten ein.
    Auch der Verein FidAR - Frauen in die Aufsichtsr√§te e.V. k√§mpft f√ľr die Erh√∂hung des Frauenanteils in deutschen Aufsichtsr√§ten und setzt sich dabei besonders f√ľr die Aufnahme einer entsprechenden Verpflichtung in den Deutschen Corporate Governance Kodex (DCGK) ein.

    Neue Studie zum Frauenanteil in F√ľhrungspositionen

    Der Verband der Vereine Creditreform e.V. ver√∂ffentlichte zudem am 18. Februar 2011 eine Studie, welche untersucht, in wie vielen mittelst√§ndischen Unternehmen Frauen in F√ľhrungspositionen zu finden sind. Wie die Untersuchungen ergaben, sinkt der Anteil der Unternehmen, in denen eine Frau als Unternehmerin bzw. F√ľhrungskraft t√§tig ist, mit der Betriebsgr√∂√üe. Je h√∂her also die Bilanzsumme des Unternehmens, desto unwahrscheinlicher wird es, auf F√ľhrungsebene eine Frau zu finden.

    Quotendebatte in der Politik

    Am 3. Dezember 2010 wurde im Bundestag √ľber einen Gesetzesentwurf von B√ľndnis 90/Die Gr√ľnen diskutiert, der eine Frauenquote von 30 Prozent in deutschen Aufsichtsr√§ten ab dem Jahr 2015 vorsieht. W√§hrend sich die Gr√ľne, SPD und Linke geschlossen f√ľr eine Frauenquote aussprachen, herrscht in der Regierungskoalition Dissens. Auch in den Reihen von CDU/CSU und FDP gibt es inzwischen Frauen, die f√ľr eine Quote pl√§dieren. So hatte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen im Januar 2011 ebenfalls die Einf√ľhrung eines festen 30-Prozent-Schl√ľssels und Aufsichtsr√§ten und sogar Vorst√§nden gefordert, der notfalls mithilfe von Sanktionen durchgef√ľhrt werden sollte. Kanzlerin Merkel stellte sich allerdings gegen die Ministerin und erkl√§rte, der Wirtschaft solle noch einmal die Chance gegeben werden, freiwillig Fortschritte zu erzielen. Diese Fortschritte durch Eigeninitiative hat die Wirtschaft aber in den letzten zehn Jahren nicht erreicht, was deutlich macht, das eine Ver√§nderung ohne Zwang wohl nicht herbeizuf√ľhren ist.
    Frauen- und Familienministerin Kristina Schr√∂der hingegen, die sich schon mehrfach gegen die Quote ge√§u√üert hatte, hielt es nicht einmal f√ľr n√∂tig, der Debatte um den Gesetzesentwurf am 3. Dezember beizuwohnen.

    Weitere Infos zur Quotendebatte finden Sie unter:

    www.Journalistinnenbund.de

    www.spitzenfrauenindenmedien.de

    www.fidar.de

    www.djb.de

    www.tagesschau.de

    Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

    Aktionärinnen fordern Gleichberechtigung. Vorstellung und Diskussion der Studie am 1. Dezember 2010

    Offizieller Startschuss von neuer Initiative f√ľr mehr Frauen in F√ľhrungspositionen im November 2010

    Deutscher Juristinnenbund e.V. startet Aktion Hauptversammlungen - Aktionärinnen fordern ein

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    Zu wenig Vorbilder - Frauen in F√ľhrungspositionen 2010

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    Männliche Monokultur abschaffen - fordert der Deutsche Frauenrat (2008)

    Deutscher Juristinnenbund, djb, setzt sich f√ľr weibliche F√ľhrungskr√§fte ein (2007)

    Interview mit Renate K√ľnast zum Thema Frauenquote

    Heute ist ein guter Tag - unter diesem Motto steht die Initiative von B√ľndnis 90 Die Gr√ľnen

    Plenumsdebatte zu gr√ľnem Gesetzesentwurf einer Frauenquote in Aufsichtsr√§ten

    FidAR - Frauen in die Aufsichtsräte e.V.



    (Quellen: Journalistinnenbund e.V., AVIVA-Berlin, Tagesschau)

  • Public Affairs Beitrag vom 21.02.2011 AVIVA-Redaktion 





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