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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 18.03.2016

Berlin - Stadt der Frauen. Eine beeindruckende Ausstellung des Stadtmuseums Berlin vom 17. M√§rz ‚Äď 28. August 2016
Yvonne de Andrés

In Berlin ist jede zweite eine Frau. Die 20 portraitierten Frauen warfen das Korsett gesellschaftlicher Zw√§nge ab und verfolgten ihre eigenen Wege zu Emanzipation und Bildung. Damit haben sie zugleich ein St√ľck Berliner (Emanzipations-) Geschichte geschrieben.






1866, vor 150 Jahren, im Modernisierungsumbruch Berlins hin zur Metropole, gr√ľndete Wilhelm Adolf Lette den "Verein zur F√∂rderung der Erwerbsf√§higkeit des weiblichen Geschlechts" . Ziel waren Ausbildungsangebote speziell f√ľr Frauen. Frauen hatten lange Zeit kein Recht, weiterf√ľhrende Schulen zu besuchen oder das Abitur abzulegen. Erst 1908 erfolgte in Preu√üen die Zulassung von Frauen an die Universit√§ten. Daher war ein gut qualifizierendes Bildungsangebot, was Frauen die M√∂glichkeit einr√§umte, ihr eigenes Geld zu verdienen, ein wichtiger Schritt der Emanzipation. Lange war es nicht selbstverst√§ndlich, dass Frauen einer Erwerbsarbeit nachgingen oder in der Politik t√§tig waren. Anna Schepeler-Lette (1829-1897), Tochter von Wilhelm Adolf Lette, ebnete den Weg dorthin. Die Politikerin, Frauenrechtlerin und Schulgr√ľnderin kann als Role Model f√ľr andere Frauen gelten. Nach dem Tod ihres Vaters 1872 benannte sie den Verein um. Er hie√ü nun "Lette-Verein". Die zum Leben erweckte B√ľste von Anna Schepeler-Lette stellt den Besucherinnen ihren Werdegang pers√∂nlich vor.



Die Ausstellung des Stadtmuseums Berlin er√∂ffnet mit den 20 starken Berlinerinnen einen umfassenden Blick auf die Frauenbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts. F√ľr jede war es wichtig, sich zu bilden. Mehr als ein Drittel der vorgestellten Frauen sind J√ľdinnen, die einen doppelten Prozess der Emanzipation zu durchschreiten hatten, als diskriminierte Frauen und als diskriminierte Juden.



Noch heute streiten Frauen f√ľr die Lockerung und Entfernung einschn√ľrender Korsette. Das Recht auf Arbeit, das Recht auf Selbstbestimmung und das Recht auf Gleichberechtigung sind wesentliche Aspekte der Frauenbewegung bis heute. Mit mehr als 400 Exponaten, einschlie√ülich vieler pers√∂nlicher Erinnerungsst√ľcke, zeichnet die sorgsam kuratierte Ausstellung die Lebenswege der 20 Frauen nach. Viele standen den Leitgedanken Lettes nahe.



Emilie Winkelmann (1875- 1951), die erste Architektin Deutschlands. 1907 nahm sie an dem gro√üen Wettbewerb f√ľr den Theaterbau "Prachts√§le-Alt-Berlin" teil und gewann. In der Folge erhielt sie zahlreiche Auftr√§ge und plante den Bau eines progressiven Studentenwohnheimes f√ľr Frauen, das "Victoria-Studienhaus" (heute: "Ottilie-von-Hansemann-Haus" in der Otto-Suhr-Allee).

Fritzi Massary (1882-1969), ein Revue-Star am Theaterhimmel von Berlin, bis sie vor der antisemitischen Flut 1932 aus Berlin floh. Vertrieben werden auch einige andere der hier gezeigten Frauen, wie z. B. die Fotografin Gis√®le Freund (1908 ‚Äď 2000), die √ľber London und Paris nach S√ľdamerika emigrieren musste.
Andere blieben unter sehr schweren Bedingungen. Die j√ľdische Bildhauerin und Grafikerin Ren√©e Sintenis (1888-1965), die 1934 aus der Akademie der K√ľnste ausgeschlossen wurde. Dennoch konnte sie in der Reichskulturkammer bleiben, ihre Werke wurden von den Nationalsozialisten aus √∂ffentlichen Sammlungen entfernt. Bis zur Zwangsaufl√∂sung des Deutschen K√ľnstlerbundes (DKB) blieb sie dessen Mitglied.



Noch andere entgingen der Deportation und der Ermordung nur knapp, wie die Lehrerin Dora Lux (1882 -1959). Die Ausstellung zeigt Bilder dieser klugen, resoluten Frau. Eines zeigt sie in den 50er Jahren in einem Klassenraum in Heidelberg an der Elisabeth-von-Thadden-Schule. Dora Lux war in Berlin in einer j√ľdischen Familie aufgewachsen, die zum Protestantismus √ľbergetreten war. 1901 war sie eine der ersten 50 Abiturientinnen in Deutschland. Sie studierte in M√ľnchen, wo Frauen schon an der Universit√§t zugelassen waren. 1906 promovierte sie in Altphilologie und wurde 1909 eine der ersten Gymnasiallehrerinnen Deutschlands. 1915 heiratete sie den zwanzig Jahre √§lteren Heinrich Lux, der zwei T√∂chter in die Ehe mitbrachte. Lux verband Berufst√§tigkeit und Familie. 1933 wurde sie aus dem Schuldienst entlassen. In dieser Zeit schrieb sie Beitr√§ge f√ľr die Zeitschrift "Ethische Kultur", in denen sie sich f√ľr Pressefreiheit und andere Grundrechte einsetzte. 1935 meldete sich Dora Lux nicht zur Registrierung bei der polizeilichen Meldebeh√∂rde und entging so der Deportation. Einem Staat, der sie Kraft seiner Rassengesetze zur J√ľdin machte, wollte sie sich nicht selbst ausliefern. Deshalb akzeptierte sie die Definition J√ľdin, die ihr von den Machthabernzugeschrieben werden sollte, nicht. Ihre Schwester Annemarie konnte in die USA emigrieren, ihre Geschwister Elsbeth und Friedrich wurden nach Theresienstadt deportiert, wo Friedrich starb.Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Lux erstmals eine befristete Stelle, durch Vermittlung von Karl Jaspers, an der Heidelberger Universit√§t. Ab 1947 unterrichtete sie an der Elisabeth-von-Thadden-Schule im Heidelberger Stadtteil Wieblingen. Beeindruckend ist die Menschlichkeit und Zivilcourage Dora Lux. Trotz eigener Gef√§hrdung half sie anderen. Hilde Schramm, Erziehungswissenschaftlerin und Mitbegr√ľnderin der "Stiftung Zur√ľckgeben" hat dem Leben und Wirken ihrer Lehrerin mehrere Jahre lang akribisch nachgeforscht und das Buch Hilde Schramm - Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux. 1882-1959. Nachforschungen ver√∂ffentlicht.

Die Texte der Ausstellung und der verwendeten Audioguides sind in Deutsch und Englisch erhältlich. Sie erzählen die Geschichten hinter den in Berlin verwurzelten oder mit Berlin verwobenen Biografien und damit auch die Geschichte der Stadt. Medienstationen ermöglichen einen häufig auch sehr emotionalen Zugang zu ihnen, szenische Darstellungen lassen Lebensstationen lebendig werden.



Die vorgestellten Frauen sind Rollenmodelle, manches Mal auch Vorbilder f√ľr Frauen heute. Die Kuratorin Martina Weinland berichtete anl√§sslich der Pressekonferenz zur Er√∂ffnung der Ausstellung, wie schwierig es gewesen sei, ausschlie√ülich 20 Frauen auszuw√§hlen, die stellvertretend f√ľr die letzten 150 Jahre Berlin-Geschichte stehen. Um eine st√§rkere √úbersichtlichkeit zu erreichen, gruppierten die KuratorInnen die Portraits um vier Themen herum: die Politik, die Unternehmen, die Kreativit√§t und Innovationen. Diese Aufteilung nach Themen begleitet auch jedes der Ausstellungsst√ľck als kleines Korsett-Piktogramm. Kurze Erl√§uterungen verdeutlichen den Besucher_inen die wesentlichen Auseinandersetzungen um Restriktionen, die in den verschiedenen Zeitepochen f√ľr Frauen existierten.

Unter den politischen Frauen finden sich: Katharina Heinroth, Zoologin und Direktorin des Berliner Zoos, Anni Mittelst√§dt, Vorsitzende des Klubs der Berliner Tr√ľmmerfrauen, Cornelie Richter, Salonni√®re, Louise Schroeder, Politikerin und Berliner Oberb√ľrgermeisterin und Emilie Winkelmann, Architektin.
Unter den unternehmerischen Frauen sind: Elly Beinhorn, Fliegerin und Buchautorin, Marie von Bunsen, Schriftstellerin, Hedwig Dohm, Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, Fritzi Massary, Sängerin und Schauspielerin, Anna Schepeler-Lette, Frauenrechtlerin und erste Leiterin des Lette-Vereins.
Die ausgestellten kreativen Portraits zeigen: Charlotte Berend-Corinth, Malerin, Muse und Modell, Eva Kemlein, Fotografin und Fotojournalistin, Käthe Kollwitz, Grafikerin, Malerin und Bildhauerin, und Jeanne Mammen, Malerin und Zeichnerin, Renée Sintenis, Bildhauerin und Grafikerin.
Als bedeutende innovative Lebensgeschichten sind vetreten: Gisèle Freund, Fotografin und Fotohistorikerin, Marie Kundt, Fotografin, Dora Lux, Pädagogin, Clara von Simson, Naturwissenschaftlerin, und Mary Wigman, Tänzerin und Choreografin.
Die Ausstellung macht deutlich, dass Emanzipation f√ľr Frauen mehr bedeutet als gleiche Rechte. Die fr√ľhen Vork√§mpferinnen sind wichtig f√ľr unser Selbstbewusstsein. Die Ausstellung stellt die Frauen in historischer Perspektive vor und schildert, wie sie mit den ihnen gestellten Restriktionen umgingen und sie zu √ľberwinden suchten. Spannende, erhellende Schlaglichter.



Die Gegenwart
Sich f√ľr Equal pay day einzusetzen und ungleiche Bezahlung f√ľr gleiche Arbeit nicht zu akzeptieren, dazu laden die AusstellungsmacherInnen und das Museum ebenfalls ein.
Unter dem Motto "Berufe mit Zukunft. Was ist meine Arbeit wert" findet in Kooperation mit dem Forum Equal Pay Day, initiiert vom Business and Professionell Women Germany e.V. eine Aktion vor dem EPHRAIM-PALAIS statt.

Veranstaltungsort: EPHRAIM-PALAIS | Stiftung Stadtmuseum
Posstraße 16
10178 Berlin
Ausstellungsdauer: 17. M√§rz ‚Äď 28. August 2016
√Ėffnungszeiten: Di, Do-So, 10-18 Uhr | Mi 12-20 Uhr
Eintritt: 6,00 / 4,00 Euro / jeden 1. Mittwoch im Monat Eintritt frei / Jugendliche bis 18 Jahre Eintritt frei
Finissage ist zur Langen Nacht der Museen.
Ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm begleitet die Ausstellung.
Mehr Infos unter:
www.stadtmuseum.de



Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Hilde Schramm - Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux. 1882-1959. Nachforschungen Die Mitbegr√ľnderin der "Stiftung Zur√ľckgeben" w√ľrdigt mit ihrer Recherche- und Erinnerungsarbeit eine au√üergew√∂hnliche Frau, die trotz ihres Wirkens in keiner Studie zur Frauenbildung oder zum Nationalsozialismus erw√§hnt wird. (2012)

Spuren ins Jetzt. Hedwig Dohm - Eine Biografie von Isabel Rohner Die Frauenrechtlerin, Journalistin, Autorin und Publizistin Hedwig Dohm (1831- 1919) hatte vier Geburtsurkunden, wurde an einem Dienstag geboren und war mit 17 Geschwistern in der Friedrichstraße 235 groß geworden. Zum Hedwig-Dohm-Jahr 2011 erschien im November 2010 im Ulrike-Helmer-Verlag eine sachlich-kurzweilige Biografie der Jubilarin Hedwig Dohm, geborene Schlesinger.

Alleinflug ‚Äď Mein Leben. Elly Beinhorn Die erste Frau, die um die Welt flog, erz√§hlt von den schwierigen Etappen ihrer Flugreisen und auch von denen ihres Lebens. Eine mitrei√üende Autobiographie √ľber eine Frau und ihre Leidenschaft.

Paris bezauberte mich. K√§the Kollwitz und die franz√∂sische Moderne K√§the Kollwitz ist vorrangig f√ľr ihre sozialthematischen Graphiken und eindringlichen Milieustudien bekannt. Zu seinem 25. Jubil√§um beleuchtete das K√§the Kollwitz Museum K√∂ln einen bisher vernachl√§ssigten Aspekt ihres umfangreichen Werkes: Zwei l√§ngere Aufenthalte in Paris beeinflussten die Arbeiten der K√ľnstlerin nachhaltig in Motivik und Technik.

"Gis√®le Freund. Photographien und Erinnerungen. Gis√®le Freund. Ein Leben" Am 19. Dezember 2008 w√§re sie 100 Jahre alt geworden. Die Fotografin und Fotoreporterin Gis√®le Freund beeindruckt nicht nur durch ihr Ňíuvre, sondern auch durch ihre bewegte Lebensgeschichte. Erschienen im Arche Literatur Verlag (2008)

Gedenktafel zu Ehren Eva Kemleins wird am 25. August 2014 eingeweiht
Gewidmet wird sie der 2004 verstorbenen Fotojournalistin als Anerkennung f√ľr ihre Werke: 300.000 Negative umfasst das Verm√§chtnis der Charlottenburgerin. Sie dokumentieren den Wiederaufbau und das Kulturleben von Ost- und Westberlin nach dem Zweiten Weltkrieg sowie ihre Arbeit als Theaterfotografin.

Eva Kemlein. Ein Leben mit der Kamera
Vom 21.01. bis 03.04.2005 zeigte die Stiftung Stadtmuseum Berlin und das Kunstforum der Berliner Volksbank, was zu Eva Kemleins (1909-2004) Lebenselixier wurde - die Theaterfotografie.

Alice Salomon ‚Äď Lebenserinnerungen. In ihren autobiographischen Aufzeichnungen beschrieb Alice Salomon ihre Jugendjahre, ihre Berufung zur Sozialen Arbeit, die Arbeit f√ľr die internationale Frauenbewegung und die Jahre im Exil.

Alice Salomon ‚Äď ein Leben f√ľr die Bildung und die Frauen Die von Alice Salomon gegr√ľndete Hochschule f√ľr Soziale Arbeit und P√§dagogik wird in diesem Jahr 100. Ein sch√∂ner Anlass, um zur√ľckzublicken auf das Leben und Wirken dieser au√üergew√∂hnlichen Frau. (2008)

Stra√üen und Gesichter. Berlin 1918-1933 ‚Äď herausgegeben von der Berlinischen Galerie Zwischen Tram und Tanzlokal bewegen sich die Arbeiten im Ausstellungskatalog und zeichnen damit ein Bild der Gro√üstadt in der Weimarer Republik, gepr√§gt von kultureller Bl√ľte und sozialen Ungerechtigkeiten. Im Katalog auch vertreten ist Jeanne Mammen.

Birgit Haustedt - Die wilden Jahre in Berlin. Eine Klatsch- und Kulturgeschichte der Frauen Salonni√®res, Rennfahrerinnen, K√ľnstlerinnen und Provokateurinnen aus √úberzeugung pr√§gten die weibliche Topografie Berlins in den 1920er Jahren. Valeska Gert, Vicki Baum, Dora Benjamin und andere Freigeister dekonstruierten g√§ngige Frauenbilder - bis der Nationalsozialismus sie von der B√ľhne verbannte.

Luise Berg-Ehlers - Unbeugsame Lehrerinnen. Frauen mit Weitblick Mit welchem b√ľrokratischen und pers√∂nlichen Hindernissen die Frauen zu k√§mpfen hatten, die sich diesen Beruf zu ihrer Berufung erkoren hatten, erz√§hlt der im Elisabeth Sandmann Verlag erschienene Band anhand von ausgew√§hlten Beispielen mutiger Lehrerinnen unterschiedlicher Epochen.

Musik + Entertainment popul√§rer j√ľdischer K√ľnstlerInnen aus Wien, Berlin, Hamburg und M√ľnchen, 1903-1936 Ton-Dokumente der bl√ľhenden j√ľdischen Kulturszene vor der Shoah sind gesammelt auf 3 CDs erschienen, darunter von Fritzi Massary (2003)

Copyright Text: Yvonne de Andrés
Copyright Fotos: Sharon Adler


Kultur Beitrag vom 18.03.2016 Yvonne de Andr√©s 





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