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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 12.07.2010

Breath Made Visible. Revolution in Dance. Anna Halprin - Ein Film von Ruedi Gerber
Evelyn Gaida

Anna Halprins Leben und Werk sind in jeder Beziehung bahnbrechend. Am 13. Juli 2010 feiert die Pionierin des modernen Tanzes und Performance-K√ľnstlerin ihren 90. Geburtstag. Sie tanzt noch immer.



Ihr Verm√§chtnis wird es sein, so hofft Halprin, den Tanz neu definiert zu haben. Dazu geh√∂rt f√ľr sie auch die Auffassung, dass unter "Tanzen" nicht nur junge K√∂rper auf einer B√ľhne zu verstehen seien. Schon die ersten Szenen des Dokumentarfilms "Breath Made Visible", den der Schweizer Filmemacher Ruedi Gerber dem Leben dieser Ausnahmek√ľnstlerin widmet, r√§umen mit Klischeevorstellungen von r√ľstigen RentnerInnen auf. Ohne vorhergehende Einf√ľhrung werden die ZuschauerInnen durch eine Performance Halprins sofort in den Bann der T√§nzerin gezogen. Nach anf√§nglicher Maskierung kommt ein braungebranntes, wetter- und lebensgegerbtes, aber alterslos wirkendes Gesicht mit leuchtend gr√ľnen Augen zum Vorschein. Flie√üende Grenzen zwischen Kunst und Leben, Spiritualit√§t und K√∂rper - Grenz√ľberschreitung an sich - sind zentral f√ľr Halprins Schaffen.

© Projektor Filmverleih und Filmproduktion


Die Charismatikerin

Gerber entschied sich bewusst gegen einen chronologisch aufgebauten "biografischen Lehrfilm", obwohl Halprin au√üerhalb der Szene und Geschichte des modernen Tanzes, wo sie den Status einer `lebendigen Legende¬ī innehat, keinem breiten Publikum bekannt ist. Er m√∂chte die K√ľnstlerin nach eigener Aussage ihr Charisma entfalten lassen, die ZuschauerInnen ber√ľhren und wie bei einem Spielfilm emotional einbinden. Der Regisseur kreiert eine Collage aus aktuellen Interviews, Auftritten der letzten Jahre und Archivmaterial, das zum Teil bisher unver√∂ffentlicht war: Pr√§gende Abschnitte und Projekte in Halprins Werdegang, ihre Arbeit unter freiem Himmel, in der f√ľr sie so essenziell wichtigen Natur, Progressives und Privates werden mit ihrem eigenen Erz√§hlen hinterlegt, das von Erkenntnis und Poesie erf√ľllt ist. Diese Mischung von Bildern, Sprache und (Tanz-)Bewegung schafft eine magische Intensit√§t - das Gesagte nimmt sprichw√∂rtlich Gestalt an.

© Projektor Filmverleih und Filmproduktion


Gott ist ein Tänzer

Schon fr√ľh - genauer gesagt: als F√ľnfj√§hrige beim Ballettunterricht - entfernte sich die K√ľnstlerin vom Tanzen im Sinne einer Folge festgelegter Schritte. Tanz hat f√ľr sie eine umfassende Bedeutung: Er bildet einen Energiefluss und -austausch zwischen eigenem Selbst und Welt ab, dem der K√∂rper und alle Sinne als hochsensibles Apperzeptionsorgan dienen. Wie eine flie√üende Skulptur formt Tanz in Halprins Verst√§ndnis den Vorgang seiner eigenen Entstehung und damit den kreativen Prozess selbst in immer neuen Facetten und M√∂glichkeiten.

Alles ist Tanz oder kann laut Halprin dazu werden: Der Flug eines Vogels und das Ziehen der Wolken, die Wellen des Meeres, das Dastehen eines Baums, Bewegungen des Alltags, ein Geruch, ein Ton, ein Anblick. Es ginge darum, den Ph√§nomenen der Umwelt sein Bewusstsein zu √∂ffnen und diese Erfahrung in Bewegung umzusetzen. Halprins j√ľdischer Gro√üvater habe beim Beten getanzt und in der Kindheit bei ihr die Vorstellung gepr√§gt, Gott sei ein T√§nzer, sagt die K√ľnstlerin, die am 13. Juli 1920 in Wilmette, Illinois als Tochter litauischer ImmigrantInnen unter dem Namen Anna Schumann geboren wurde. Ihre fr√ľhen Soloauftritte kreisten mehrere Jahre lang um j√ľdische Themen und Motive. Halprins Auffassung fu√üt auf einer zutiefst humanen Grund√ľberzeugung: "I learned that we were all dancers, that we all had the birthright to be a dancer."

Gerber illustriert die Gedanken der T√§nzerin mit einem angemessen eigenwilligen Bild- und Szenenwechsel, der eine Art sichtbaren "stream of consciousness" gestaltet: Halprin, bei einem Auftritt im Jahr 2002 tanzend ihre Lebensgeschichte auff√ľhrend, Halprin, umgeben von im Wind raschelnden √Ąhren auf einem sommerlichen Feld, sich bei einer Performance am Pazifischen Ozean im Alter von 82 Jahren den Wellen hingebend, von Kopf bis Fu√ü in ein wei√ües Tuch geh√ľllt - als w√ľrde das Meerwasser zu einem undefinierbaren lebendigen K√∂rper gerinnen.

"People always used a form of dance to make sense of the mystery of life": Kunst, Leben und Spiritualität gehen bei Halprin eine unauflösliche Symbiose ein, Tanz wird bei ihr zum Inbegriff des Lebens als ganzheitlicher Zusammenhang, zur unabschließbaren Suche nach seiner Essenz. "Dance is the breath made visible", so die Tänzerin, "and that covers about everything."

Soziales und Existenzielles

Diese Philosophie hat Halprin in eine Vielfalt von Projekten umgesetzt. Auf ihrem legend√§ren, im Freien zwischen Mammutb√§umen gelegenen Tanzboden arbeitete die K√ľnstlerin mit zahlreichen T√§nzerInnen und ChoreographInnen zusammen. In stummfilmartigen Schwarz-Wei√ü-Aufnahmen gew√§hrt die Dokumentation den Eindruck eines zeitenthobenen, stillen Beobachtens dieser privaten Tanz-Sessions. Schon in den 1950er Jahren gr√ľndete Halprin den sp√§ter weltber√ľhmten San Francicsco Dancers Workshop und sorgte Mitte der 60er Jahre gemeinsam mit John Graham und A.A. Leath auf Tour in Europa und den USA f√ľr Furore und Skandale: W√§hrend der Performance "Parades and Changes" zeigten sich die T√§nzerInnen in einigen Sequenzen v√∂llig nackt.

© Projektor Filmverleih und Filmproduktion


Halprins Kunst hatte immer auch eine stark soziale Ausrichtung. W√§hrend der amerikanischen Rassenunruhen in den sp√§ten 60er Jahren gr√ľndete sie als Erste eine multikulturelle Company von Schwarzen und Wei√üen. Sie z√§hlt zu den PionierInnen der Expressive Arts-Heilungsbewegung und arbeitet als Lehrerin und Tanztherapeutin mit √§lteren Menschen und (unheilbar) Krebs- oder Aidskranken. Im Alter von 50 Jahren war sie selbst schwer krebskrank und gezwungen, sich und das Tanzen abermals neu zu erfinden. Obwohl sie f√ľr lange Zeit nicht auftreten konnte, entdeckte sie den Tanz als kathartisches Medium und im Angesicht einer lebensbedrohlichen Krankheit erneut als Mittel der Selbsterm√§chtigung ("Dark Side Dance", 1975).

Mit dem existenziellen Verh√§ltnis von eigenen M√∂glichkeiten und ihren unweigerlichen Grenzen sah Halprin sich ein weiteres Mal mit aller H√§rte konfrontiert, als ihr Mann, der renommierte Landschaftsarchitekt Lawrence Halprin, ebenfalls lebensgef√§hrlich krank wurde. Zwar erholte er sich, verstarb aber am 25. Oktober 2009 kurz nach den Dreharbeiten im Alter von 93 Jahren. Die Halprins waren 65 Jahre lang verheiratet und gaben sich als Kollaborateure gegenseitig entscheidende Impulse. Anna verarbeitete die Besuche auf der Intensivstation und die Schwebe zwischen Leben und Tod in der Choreographie "Intensive Care" (2004), einer aufr√ľhrenden Auseinandersetzung mit menschlicher Endlichkeit.

Als √ľber 80-J√§hrige kehrte Halprin auf die B√ľhne zur√ľck, trat in den folgenden Jahren erfolgreich in Paris, San Francisco, Washington und New York auf, wo sie ihre unersch√∂pfliche Lebensenergie und ihren Humor Funken schlagen lie√ü. Existenzielle Erfahrung, Kom√∂die, Kunst und (elementares) Erlebnis verschmelzen in Halprins Schaffen und Pers√∂nlichkeit zu einem Ausdruck, der unvergesslich ist.

AVIVA-Tipp: Durch einen kontinuierlichen und energetischen Wechsel zwischen Performance und Lebenszeugnis, Aufruhr und Stille, Vergangenem und Gegenwärtigem fesselt Gerbers Film von der ersten bis zur letzten Minute. Es gelingt ihm, etwas von der Poesie und Magie einzufangen, die Anna Halprins Kunst und Ausstrahlung vermitteln. Ein in jeder Hinsicht bereicherndes und inspirierendes Film-Erlebnis.

Zum Regisseur: Ruedi Gerber f√ľhrte vor der Dokumentation "Breath Made Visible" Regie in seinem ersten amerikanischen Spielfilm "Heartbreak Hospital" (2002). Der Filmemacher hat bereits verschiedene preisgekr√∂nte Dokumentarfilme gedreht, darunter: "Meta-Mecano" (1997), ein Film √ľber Jean Tinguelys und Niki de Saint Phalles Einzug in das von Mario Botta gebaute Tinguely Museum, "Living with the Spill", eine Dokumentation √ľber die √Ėlpest vor der K√ľste Alaskas f√ľr den Britischen Sender Channel 4. Dar√ľber hinaus hat Gerber bei einer Anzahl preisgekr√∂nter Kurzspielfilme Regie gef√ľhrt: "Caf√© Mecanique" und "Midnight Barbeque". Ebenfalls ausgezeichnet wurde seine Auftragsserie kurzer Comedy-Filme zum Thema Misskommunikation, "Communication At Your Workplace".
Ruedi Gerber absolvierte die Filmschule an der Tisch School of the Arts an der New York University, die er 1990 abschloss. Bevor Gerber als Filmregisseur zu arbeiten begann, trat er in √ľber 30 Theaterst√ľcken auf den B√ľhnen von Mannheim, Dortmund, Wuppertal, Wien und Basel auf. Au√üerdem tourte er mit seiner Ein-Mann-Show "Spiwit of Spwing", f√ľr die er als Autor, Regisseur und Darsteller verantwortlich zeichnete, √ľber den europ√§ischen Kontinent.

"Breath Made Visible" wurde im Jahr 2009 beim Filmfestival in Locarno bereits mit dem Semaine de la Critique-Preis ausgezeichnet und gewann beim Mill Valley Film Festival den Publikumspreis "Certificate of Excellence".

Breath Made Visible
USA / CH 2009
Originalfassung (Englisch) mit deutschen Untertiteln
Produktion und Regie: Ruedi Gerber
Kamera: Adam Teichmann
Verleih: Projektor Filmverleih und Filmproduktion
Lauflänge: 95 Minuten
Kinostart: 15. Juli 2010

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.annahalprin.org

www.breathmadevisible.com

jwa.org

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Kultur Beitrag vom 12.07.2010 Evelyn Gaida 





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