Wer sieht hier eigentlich noch fern - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kunst + Kultur Kolumne



AVIVA-BERLIN.de im November 2021 - Beitrag vom 06.06.2011


Wer sieht hier eigentlich noch fern
Isabell Serauky

Schauen Sie noch in diesen schwarzen Kasten, der unsere Großeltern in jauchzende Verzückung versetzt hat? Das Fernsehen. Die Glotze. Die Mattscheibe. Das Tor zur Welt, in vergangener ...




... Betrachtungsweise, garantierte regelmäßig gepflegte Unterhaltung für die ganze Familie. Mit "Am laufenden Band", "Einer wird gewinnen" und "Dalli Dalli" gelang regelmäßig ein Feuerwerk der guten Laune, so berichten es zumindest mit tränennassen Augen die ZeitzeugInnen dieses fernen, kleinen Glücks. Denn, was kann uns das Fernsehen in Zeiten von Internet, iPhone und 24-Stunden Beschallung - Outdoor wie Indoor - überhaupt noch bedeuten?

In meinen, doch etwas fernerliegenden Studentinnentagen, war das Fernsehen ein fester Bestandteil des Lebens. Zwar drapierte ich es nicht gerade um das Fernsehprogramm herum, aber es machte sich eine gewisse, und durchaus merkliche, Verstimmung breit, wenn dann doch eine Folge von "Melrose Place" oder "Beverly Hills 90210" flöten ging. Mit mir entwickelten sich dann auch bald die FernsehmacherInnen rasant weiter und es kam als neues Fernsehhighlight "Ally McBeal" über den großen Teich zu uns. Welch neuartiges, ja geradezu revolutionäres Fernseh- und Unterhaltsgefühl überrollte uns da! Ja, es wurde sogar passend zur Serie eine ganze Generation ausgerufen: Generation Ally. O.k., als Betroffene wollen Sie davon nichts mehr wissen. Daher Schwamm drüber.

Bodenständig wurde es an meiner Fernsehfront zu den Hochzeiten meines Prüfungsstresses: "Alfredissimo!" Damals meine sichere Bank der Unterhaltung, frei von Risiken und Nebenwirkungen. Entspanntes Plaudern, umspült mit einem Gläschen Küchenwein und dabei emsiges Kochlöffelwedeln. Schöne heile Welt.
Ein letztes Aufflackern einer potentiell angelegten Fernseh-Mania brach mit "Sex and the City" über mich herein. Soviel Offenherzigkeit zu wirklich jedem Thema weiblicher Existenz musste erst einmal verdaut werden. Es stellt sich mir immer noch die Frage: Was wäre aus uns geworden, wenn die Mädelsriege nicht unseren Weg gekreuzt hätte? Unvorstellbar!

Aber seitdem? Fesselnde Momente vorm Fernseher, gar am Samstagabend? Fehlanzeige! Ich kann den Klängen der fidelen VolksmusikantInnen und den sinnenlehrten Plaudereien in den Samstagsabendshows so rein gar nichts abgewinnen. Ganz im Gegenteil, man müsste mir etwas zahlen, damit ich diese Verknappung des Einsatzes der Hirnwindungen überhaupt ertragen kann. Sehe ich mir das Fernsehprogramm an, überkommt mich regelmäßig pure Tristesse. Welch grausame Vorstellung, Folter gleich: Ich wäre auf das Gezappel und Gebrabbel in der Flimmerkiste angewiesen?!?

Und dabei stellt sich die Frage, warum ist es so wie es ist? Haben wir nichts anderes verdient? Warum glauben die Fernsehbosse, uns so unterirdisch unterhalten zu können? Ganze Wochen vergehen, ohne dass wir mehr als die Nachrichten im Fernsehen sehen und vermissen nicht einmal etwas dabei. Denn Sehnsucht setzt Hoffnung voraus, aber die ist schon weit, weit weg. Jeden Tag eine andere ermüdende, ambitionslose Politik-Talk-Show mit den ewig gleichen Plaudertaschen, gute Filme dümpeln nur zur Geisterstunde bei ARTE herum, mutige Eigenproduktionen werden zugunsten des Einkaufs müder US-Serien gelassen und selbst die traditionsreichen Freitagabend Talkshows sind plumpe Bauchläden von Anbietern für Bücher, CDs und Filmchen geworden. Spannende Gespräche sucht man in den Weiten der Kanäle vergeblich. Unsere Gebühren für den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag versickern im täglichen Einheitsbrei. Soweit, so trist.

Im Umkehrschluss frag ich mich, was machen wir bloß mit unserer vielen fernsehfreien Zeit? Da der geplagte Großstadtmensch über nichts mehr klagt als über den Mangel an Zeit, kann doch in der Fernsehflaute eine ungeheure Chance liegen!
Aber nichts da. Während der X-te Heimtatfilm mit Christine Neubauer in der dreißigsten Wiederholung verlässlich über die Mattscheibe flimmert, Facebooken, Googeln und Skypen wir, bis die Drähte glühen.
Willkommen, schöne neue Medienwelt!
Es scheint, der Verlust des goldenen Fernsehzeitalters ist überwunden. Der Abschiedsschmerz war kurz. In jedem Fall suchen wir – gestern wie heute - nach medialer Ablenkung, Information und Unterhaltung. In welcher Form auch immer. Und diese werden sich rasant weiterentwickeln. Oder hätten Sie je geglaubt, dass wir mitten in der Pampa sitzend, via iPad den neuesten Christine Neubauer Film in XXXXL-Qualität sehen können? Eben!

Die Autorin Isabell Serauky ist Rechtsanwältin und arbeitet in einer Kanzlei im Berliner Prenzlauer Berg, www.jurati.de

Nächstes Thema: Von wegen – Urlaubszeit, schönste Zeit

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin – die Kolumnen von Isabell Serauky:

Von der Kunst in Berlin zu leben

Frühjahrsputz, rette sich wer kann

Warum wir bessere Menschen werden sollen

Berlin - ein Wintermärchen

Ihr Kinderlein kommet - Wo bleiben sie nur

In Kürbislaune - der Gang nach Canossa führt über den Wochenmarkt

Knackige Zwanzig - wuchs zusammen, was zusammengehört

Bitte - wer ist den hier alt. Von den Unverschämtheiten des Alters

Berliner Sommergefühl - Yogi Tee statt Caipirinha



Kunst + Kultur > Kolumne

Beitrag vom 06.06.2011

AVIVA-Redaktion 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



KINDER DER HOFFNUNG. Kinostart 4. November 2021

. . . . PR . . . .

KINDER DER HOFFNUNG von Yael Reuveny
Seit zehn Jahren lebt die israelische Regisseurin Yael Reuveny (SCHNEE VON GESTERN) in Berlin. In Super-8-Aufnahmen aus ihrer Kindheit und Kurzporträts ihrer Mitschüler*innen in Israel heute dokumentiert sie, was aus den Träumen und Idealen ihrer Generation geworden ist. KINDER DER HOFFNUNG kommt zum Jahrestag der Ermordung von Jitzchak Rabin im Jahr 1995 ins Kino.
Mehr zum Film, der Trailer und Kinotour unter: www.filmkinotext.de/kinder-der-hoffnung.html

MITRA. Kinostart: 18.11.2021

. . . . PR . . . .

MITRA
Inspiriert vom Schicksal seiner Familie erzählt Regisseur Kaweh Modiri die Geschichte der Iranerin Haleh, die 37 Jahre nach der Hinrichtung ihrer Tochter die Frau wieder trifft, die sie dafür verantwortlich macht. Paraderollen für Jasmin Tabatabai, Shabnam Tolouei und Singer-Songwriter Mohsen Namjoo, der auch die Filmmusik komponierte.
Mehr zum Film und der Trailer unter: www.camino-film.com/filme/mitra

Das Glück zu leben - The euphoria of being. Ab 30.09.2021 im Kino

. . . . PR . . . .

Das Glück zu leben - The euphoria of being
Dokumentarfilm von Réka Szabó über die Entstehung einer Tanzperformance, in der die 90-jährige Éva Fahidi im getanzten Dialog mit einer jungen Tänzerin über ihr Leben und Schicksal erzählt, als einzige ihrer Familie das KZ Auschwitz überlebt zu haben.
Mehr zum Film und der Trailer unter: www.filmkinotext.de/das-glueck-zu-leben

Zuhurs Töchter. Kinostart am 04.11.2021

. . . . PR . . . .

Zuhurs Töchter
Das Regie-Team Laurentia Genske und Robin Humboldt zeichnet in ihrem neuen Werk das Porträt der beiden Transgender-Teenager Lohan und Samar, die in ihrer neuen Heimat Deutschland endlich ihre weibliche Identität entfalten können.
Mehr zum Film und der Trailer unter: www.camino-film.com/filme/ zuhurstoechter

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris

. . . . PR . . . .

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris
Biografische Porträts der Fotokünstlerinnen, Porträtfotografinnen und Fotoreporterinnen Marianne Breslauer, Gisèle Freund, Dora Maar und Lee Miller im Paris der 1920er und 1930er Jahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Online: Die Videoaufzeichnung der Panel-Diskussion "Fragmented Narratives"

Erinnerungspolitiken im Spiegel von Rassismus und Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart.
Mit Dr. Lea Wohl von Haselberg, Veronika Kracher, Dr. Ingrid Strobl, Dr. Michal B Ron. Moderiert von Sharon Adler. Im Rahmen der Ausstellung mit Werken von Elianna Renner und Sharon Paz bei alpha nova & galerie futura

Roamers – Follow your Likes, Kinostart: 22. Juli 2021

. . . . PR . . . .

 Roamers – Follow your Likes
Der Dokumentarfilm ROAMERS erzählt von der Suche "Digitaler Nomaden" auf der Jagd nach dem nächsten, perfekten Moment nach Sinn und Halt in einer neuen, digitalen Welt unzähliger Möglichkeiten.
Mehr zum Film und Termine der Kinotour in Anwesenheit der Regisseurin Lena Leonhardt unter: www.camino-film.com/filme/roamers

Dear Future Children. Ab 14. Oktober 2021 im Kino

. . . . PR . . . .

Dear Future Children
Drei Länder, drei Konflikte, drei Frauen und ein ähnliches Schicksal: Doch sie haben nicht vor aufzugeben: Hilda in Uganda, Rayen in Santiago de Chile, und Pepper in Hongkong. Sie kämpfen weiter. Für ihre und unsere zukünftigen Kinder.
Mehr zum Film und Termine der Kinotour unter: www.camino-film.com/filme/dearfuturechildren

Iris Schürmann-Mock – Frauen sind komisch. Kabarettistinnen in Porträt

. . . . PR . . . .

Iris Schürmann-Mock - Frauen sind komisch
Liesl Karlstadt, Valeska Gert, Maren Kroymann, Carolin Kebekus ... In zehn ausführlichen und fünfzig kurzen Porträts stellt die Journalistin und Autorin die Königinnen der Kleinkunst vor. Ihre Disziplinen: Comedy, Poetry Slam, Tanz, Pantomime, Chanson, Rap.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.aviva-verlag.de

fair share! Sichtbarkeit für Künstlerinnen

Walter Kaufmann – Welch ein Leben! Bundesweiter Kinostart am 30.9.21

. . . . PR . . . .

Walter Kaufmann. Welch ein LebenDie Lebensgeschichte des jüdischen Schriftstellers und Korrespondenten Walter Kaufmann vom Kindertransport nach Großbritannien über die DDR und um die ganze Welt erzählt dieser berührende Film.
Alle Infos, der Trailer und Termine unter: www.walterkaufmannfilm.de


Kooperationen

GEDOK-Berlin
Paula Panke
RuT - Rad und Tat e.V.
Begine