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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 23.12.2010

Ruth Kl├╝ger - Was Frauen schreiben
Christiana Puschak

Der weibliche Blick ÔÇô Ruth Kl├╝ger widmet sich den Werken von Frauen aus aller Welt und verschiedenen Epochen. Ihre Zusammenstellung gew├Ąhrt eine Sicht "aufs Leben durch anders geschliffene Gl├Ąser".



Erinnerungen und Wirklichkeit

Ber├╝hmtheit erlangte die Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Kl├╝ger mit ihrem Erinnerungsbuch, das 1992 unter dem Titel "weiter leben. Eine Jugend" erschien. Es ist ein Buch ├╝ber ihre verlorene Kindheit und Jugend. In "unterwegs verloren", der Fortsetzung ihres Lebensr├╝ckblicks, dokumentiert sie ihren Kampf um Anerkennung als Literaturwissenschaftlerin in einer weitgehend von M├Ąnnern dominierten Universit├Ątswelt in den USA. Ihr Credo lautet, ehrlich sich selbst und anderen gegen├╝ber zu sein, wenn n├Âtig, in "unersch├╝tterlicher Undankbarkeit" zu verharren.

Neben ihren Erinnerungsb├╝chern verfasste sie brillante Essays und germanistische Studien wie "Gemalte Fensterscheiben" und "Gelesene Wirklichkeit".

Ruth Kl├╝ger vermag es, wider den Strich zu lesen. Dass ein weiblicher Blick auf die Werke m├Ąnnlicher Schriftsteller manches Verdeckte erhellt und ├╝ber Stereotypisierungen in deren Texten aufkl├Ąrt, zeigt sie in dem Band "Frauen lesen anders". Dass Frauen anders lesen, liege daran, so Kl├╝ger, dass ihr kulturelles Erbe, ihre Schaffensbedingungen und Denkstrukturen anders als die der M├Ąnner seien ÔÇô ein anderes Leben bedinge eben auch ein anderes Lesen. "Frauen finden sich vernunftwidrig mit der Dominanz von maskulinen Elementen in der Literatur ab, res├╝miert sie in ihrem Essay und setzt alles daran, eben diese Dominanz zu durchbrechen. Kritisch durchleuchtet sie Rahmenbedingungen und Eingrenzungen f├╝r weibliches Schreiben, nicht zuletzt auch die Haltung der m├Ąnnlichen Berufskollegen. Weiblichen Stimmen in der Literatur mehr Geh├Âr zu verschaffen, ist eines ihrer Anliegen.

Ein Forum daf├╝r sind auch ihre Buchbesprechungen in der "Literarischen Welt", die nunmehr gesammelt und erg├Ąnzt um Rezensionen aus anderen Zeitungen in dem Buch Was Frauen schreiben vorliegen: "F├╝r die Kolumne in der Literarischen Welt konnte ich mir aussuchen, welches Buch ich unter die Lupe nehmen wollte, ich musste nur rezensieren, was ich mit gutem Gewissen den Leserinnen empfehlen konnte."
Gegen die Behauptung, dass Frauen anders schreiben, verwahrt sich Ruth Kl├╝ger gleich im Vorwort ausdr├╝cklich: "Autoren sind einmalige Individuen, und alles, was sie erlebt und gedacht haben, mag ihre jeweils einmaligen Sch├Âpfungen beeinflussen, nat├╝rlich auch ihr Geschlecht, aber eben nicht nur das." Vielmehr geht es ihr darum, Autorinnen, die noch immer untersch├Ątzt werden, zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen und ihre Werke, in denen Frauen "seltener Nebenpersonen" seien, ebenso wie ihre Einsichten und Erkenntnisse einem breiteren Publikum vorzustellen.

Ruth Kl├╝ger wollte nur B├╝cher vorstellen, die "┬┤total humanistisch┬┤, irritierend, provozierend, subversiv, eigenwillig und intellektuell herausfordernd" sein sollten.
Im Sammelband werden Nobelpreistr├Ągerinnen wie Doris Lessing, Nadine Gordimer und Hertha M├╝ller, weniger Bekannte wie Slavenka Drakulic oder Agota Kristof, Vergessene wie Regina Ullmann und Anf├Ąngerinnen wie Yiyun Li oder Nada Awar Jarrar gew├╝rdigt. Die Auswahl ist international. Es geht ausschlie├člich um B├╝cher von Frauen, mit einer Ausnahme: Henning Mankell und sein Roman "Daisy Sisters": "Seufzend stelle ich fest, dass manche der Feministen in der Literatur skandinavische M├Ąnner sind und waren".

Bei ihrer Auswahl erhalten die LeserInnen Einblick in die Vielf├Ąltigkeit von gehobener wie popul├Ąrer Literatur, wenn Ruth Kl├╝ger M├Ąrchen und Kinderb├╝cher gleicherma├čen pr├Ąsentiert wie Biografien ├╝ber Bildende K├╝nstlerInnen, Gesellschafts- und Kriminalromane.
Daher kann es auch nicht ├╝berraschen, sie als bekennenden Harry-Potter-Fan zu erleben, denn die M├Ądchen und Frauen werden nicht in passive Rollen gedr├Ąngt, sondern Rowling verteilt die guten und schlechten Erbsen reichlich unter Manderl und Weiberl.

AVIVA-Tipp: Was jede dieser hier ver├Âffentlichten Empfehlungen durch Ruth Kl├╝ger auszeichnet und zu einem Unikat werden l├Ąsst, ist nicht nur die Einf├╝hrung in das Leben und Werk der jeweiligen Autorin, sondern auch die Einbindung deren Texte in den literaturgeschichtlichen Kosmos. Wer also einen ├ťberblick ├╝ber Was Frauen schreiben erhalten m├Âchte, der sei dieser Kanon von Literatur toter und lebender Autorinnen w├Ąrmstens empfohlen.

Zur Autorin: Ruth Kl├╝ger, geboren 1931 in Wien, wurde in die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt verschleppt. 1947 emigrierte sie in die USA und lehrte Germanistik an der University of Virginia, in Princeton sowie an der University of California in Irvine. Heute lebt sie in Irvine/Kalifornien und G├Âttingen. Zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt Thomas-Mann-Preis der Stadt L├╝beck, Roswitha-Preis der Stadt Gandersheim, Lessing-Preis des Freistaats Sachsen. Ihre B├╝cher (u.a.): "Katastrophen. ├ťber deutsche Literatur" (1994), "Frauen lesen anders" (1996), "Gemalte Fensterscheiben. ├ťber Lyrik" (2007), "weiter leben. Eine Jugend" (1992) wurden in zehn Sprachen ├╝bersetzt. 2008 erschien bei Zsolnay "unterwegs verloren. Erinnerungen" und "Was Frauen schreiben" (2010).
(Quelle: Verlagsinformation)

Ruth Kl├╝ger
Was Frauen schreiben

Zsolnay Verlag, Wien, erschienen Juli 2010
ISBN 978-3-552-05509-4
Euro19,90
Gebunden, 272 Seiten

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"AVIVA-Interview mit Ruth Kl├╝ger"

"Ruth Kl├╝ger ÔÇô Katastrophen"

"Ruth Kl├╝ger - unterwegs verloren"

Literatur Beitrag vom 23.12.2010 AVIVA-Redaktion 





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