Ines Geipel - Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass. Lesung und Gespräch am 18.05.2019 Berlin im Rahmen der 21. Langen Buchnacht in der Oranienstraße - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2019 - Beitrag vom 27.04.2019


Ines Geipel - Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass
Bärbel Gerdes

Als ihr Bruder stirbt, begibt sich Ines Geipel auf die Spuren ihrer Herkunftsfamilie und ihrer Herkunftsgesellschaft. Die in der DDR aufgewachsene Autorin und Professorin für Verskunst trifft auf einen Staat, dessen Lügen und Schweigegebote, Gewalt- und Angstherrschaft sich...



... bis in die Gegenwart auswirken.

Mit der gleich doppelten Vergessensspolitik - die nach dem Nationalsozialismus und die nach der Auflösung der DDR - erklärt Geipel den Rechtsruck, die Fremdenfeindlichkeit und den Rassismus im Osten Deutschlands.

Mein Bruder hat mich geholt, als er wusste, dass er nichts mehr zu verlieren hatte. Als er sicher war, dass wir nichts mehr klären können. Fünf Jahre haben sie sich zu diesem Zeitpunkt nicht gesehen. Was ungewöhnlich ist, standen sie sich doch so nahe, denn die brutalen zerstörerischen Übergriffe des Vaters – ein Euphemismus angesichts einer Kindheit im Terror - ließen sie zueinander halten und füreinander da sein.

Ines Geipel verwebt ihre Familiengeschichte mit der der DDR. Der Vater, der von der Staatssicherheit zu einem Terroragenten ausgebildet wurde und die erlernten Methoden in der eigenen Familie anwandte. Dessen Akte 800 Seiten umfasst, auf denen sein Einsatz lobende Erwähnung findet. Der Großvater, Gauführerschule..., Rassenpolitischer Kursus, Mitglied der NSDAP seit 1933. Der sich zum Osteinsatz meldet und 1941 nach Riga kommt, das die Deutschen zwei Monate vorher besetzt haben. Pogrome, mobile Kommandos, Lynchmorde, tausende Tote. Das jüdische Riga war leer gemordet. schreibt Geipel und findet einen Brief ihres Großvaters, der sich aus Ghettobeständen zur Auffüllung seiner Wohnung Bettwäsche, Möbel und Tischwäsche erbittet.
Dessen Frau Elisabeth zur NS-Frauenschaft gehört und deren innerer Motor Geld, Karriere und Absicherung heißt.

Geipel schreibt das Psychogramm einer Gesellschaft, die mehr als 50 Jahre in Diktaturen lebte, ohne diese aufzuarbeiten. Sie thematisiert die Sagenbildung um Buchenwald, in der die kommunistischen Gefangenen zu Helden stilisiert werden und sie deckt das Schweigen und Verschweigen auf. Kinder und Jugendliche stehen in weißen Blusen beim Appell, beim Gelöbnis, bei den toten Reden. Durch die politische Umschreibung wurde der Antisemitismus in den Westen ausgelagert, auch wenn bereits 1947 jüdische Friedhöfe geschändet oder Wände mit Hakenkreuzen beschmiert wurden. Es durfte nicht sein, was nicht sein sollte - Gedächtnisbeton des DDR-Antifaschismus nennt es die Autorin.

Eine nicht öffentliche Studie belegt alleine im Jahr 1966 zweiunddreißig faschistische Provokationen im Bezirk Dresden. Bereits zu diesem Zeitpunkt fallen Orte wie Pirna, Freital und Görlitz durch Nazi-Losungen und Nazi-Symbole auf. Selbstverständlich werden die Ergebnisse dieser Studie nie in die Gesellschaft getragen.
Nach einer Erhebung der Jüdischen Gemeinde gab es 1951 noch 1244 Mitglieder – vor dem Holocaust lebten etwa 85.000 Juden und Jüdinnen im Osten Deutschlands. Doch nach und nach verringerte sich auch diese Zahl: 1975 auf 813, 1976 auf 710 jüdische Menschen.

Auch den Mythos von der freien und selbstbewussten DDR-Frau zerschmettert Geipel. Zwar schrieb die DDR 1949 die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau fest, Resultat aber war, dass Frauen sich einer extremen Mehrfachbelastung von Beruf, Haushalt und Kindern ausgesetzt sahen.

Die Konsequenzen dieser Umdeutungen, Umschreibungen, Lügen und Verdrängungen zeigen sich in blinden Flecken für die Vergangenheit und einer Leugnung von Schuld und Verantwortung.

AVIVA-Tipp Ines Geipel hat sich auf eine schmerzhafte Spurensuche begeben. Sie konfrontiert sich mit ihrer Familiengeschichte und sie konfrontiert die ehemalige DDR mit ihren Unterlassungen und ihrem Schweigeterror, der den Weg ebnete zu Rassismus, Antisemitismus und den rechtspolitischen Entwicklungen im heutigen Ostdeutschland.

Zur Autorin: Ines Geipel geboren 1960, ist Schriftstellerin, Professorin für Verssprache in Berlin und ehemalige Weltklassesprinterin. Sie gilt als Expertin für eine ostdeutsche Archäologie weiblichen Schreibens und hat vielfach dazu veröffentlicht. Sie ist Mitherausgeberin der Verschwiegenen Bibliothek der Büchergilde Gutenberg. Ihre Veröffentlichungen (Auswahl): No Limit. Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft, Stuttgart 2008. Für heute reicht´s. Amok in Erfurt, Berlin 2004. Dann fiel auf einmal der Himmel um: Inge Müller. Die Biografie, 2004. Zensiert, verschwiegen, vergessen. Autorinnen in Ostdeutschland 1945-1989, 2009. Tochter des Diktators (Roman), 2017.
Ines Geipel erhielt 2011 das Bundesverdienstkreuz am Bande für ihr Engagement für die in der DDR unterdrückte Literatur und für ihre Aufarbeitung des DDR-Zwangsdoping-Systems. 2017 erhielt die das Goldene Band der Sportpresse. Die Autorin und Publizistin lebt in Berlin.

Ines Geipel
Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass

Verlag Klett-Cotta, erschienen im März 2019
277 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-608-96372-4
20,00 €
Mehr zum Buch: www.klett-cotta.de

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