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AVIVA-BERLIN.de im April 2020 - Beitrag vom 01.01.2020


Annie Ernaux – Eine Frau
Bärbel Gerdes

In ihren (auto-)biographischen Erkundungen nähert sich die französische Schriftstellerin und Zeitzeugin Annie Ernaux ("Die Jahre") in "Eine Frau" dem Leben ihrer Mutter und den Entfremdungen, die ein gesellschaftlicher Statuswechsel in eine Beziehung bringen kann. Ausgezeichnet u.a. mit dem Prix de l´Académie de Berlin 2019.



Dreizehn Tage war Annie Ernauxs Mutter tot, als die Autorin im April 1986 begann, ihr schreibend nachzusinnen. Der Schock darüber verkleidet sich in einen nüchternen Stil, der den Schmerz über den Verlust noch fühlbarer macht.
Am Ende eines Lebens bleiben die Dinge, die zu erledigen sind: die Beerdigung, die Formalitäten, die Auflösung eines Haushalts. Ernaux kontrastiert ihre eigene Unsicherheit mit der Sicherheit der Menschen, für die das Sterben ein alltäglicher Teil des Lebens ist, den Krankenschwestern, den BestatterInnen, den PriesterInnen. Während sie in einem Ausnahmezustand ist, laufen die Geschehnisse ab wie in einem Film.

Bereits 1983 hat Ernaux in La Place ihres Vaters gedacht. Ihr (auto-)biographisches Schreibwerk ist Reflexion des eigenen Lebens, der eigenen Familie, immer aber auch und nicht wegdenkbar Spiegel einer Gesellschaft in ihrer Zeit und ihren Werten.

Ernaux möchte über ihre Mutter schreiben, weil sie die einzige Frau ist, die mir ernsthaft etwas bedeutet hat. Gleichzeitig begibt sie sich auf die Suche nach der Frau, die außerhalb ihrer selbst lebte, die Frau, die unabhängig von Ernaux existierte.

Eine Frau, um die Jahrhundertwende in der Normandie in einer kalten Stadt geboren, fünf Geschwister, ein eher bescheidenes Elternhaus, Kleider und Schuhe von Schwester zu Schwester weitergereicht, aber auch Schlittschuhlaufen auf dem gefrorenen Teich und Seilspringen und Verstecken spielen. Abhängig von der Saisonarbeit besucht sie unregelmäßig die Schule, lediglich der Katechismus wird leidenschaftlich auswendig gelernt und bis ins Alter in der Messe freudig mitgesprochen, als wollte sie ihr Wissen unter Beweis stellen. Die Mutter fand Arbeit in einer Fabrik und bemühte sich, dem vorteilhaftesten Urteil über Fabrikmädchen zu entsprechen: "Arbeiterin, aber anständig." Dabei hatte sie aus ihrer Familie die größte Wut und den größten Stolz. Mit rebellischer Klarsicht blickte sie auf ihre niedrige gesellschaftliche Stellung und weigerte sich, ausschließlich danach beurteilt zu werden.

Und so wird sie auch in ihrer Ehe zu der treibenden Kraft, die den sozialen Aufstieg unbedingt will. Sie wollte unbedingt ihre Lage verbessern, während ihr Mann Angst vor dem dadurch resultierenden täglichen Kampf hatte und sich lieber abfinden wollte. Das junge Paar nimmt einen Kredit auf, mit dem es sich eine Gaststätte mit einem Lebensmittelladen pachtet. Ihre Mutter stürzt sich mit Verve in die Arbeit – und verändert sich. Sie achtet auf ihre Ausdrucksweise, legt vermehrt Wert auf ihre Kleidung – sie wollte nicht mehr wie das Mädchen vom Land aussehen.

Doch dieser Aufstieg hat auch seinen Preis: unendliche Arbeit, Geldsorgen und der Kampf darum, dass das Mädchen Anne es besser haben sollte. Es ist bemerkenswert, wie Ernaux es schafft, das widersprüchliche Verhalten ihrer Mutter zu verstehen. Das Mädchen wird beschimpft und für Kleinigkeiten geschlagen, gleichzeitig kümmert sich die Mutter rührend um das Mädchen und versucht sie zu fördern und zu beglücken. Motivator auch immer der Gedanke, "Ich möchte nicht, dass es heißt, du hättest es schlechter als andere."

Immer wieder reflektiert Ernaux ihren Schreibprozess. Sie möchte die Wut, die Vorwürfe und die überschwängliche Liebe ihrer Mutter nicht als individuelle Charakterzüge verstanden wissen, sondern sie in ihrer Lebensgeschichte und ihrer gesellschaftlichen Stellung verorten.

Besonders schmerzhaft wird dies, nachdem die Tochter studierte, heiratete und sich in ganz anderen Gesellschaftskreisen aufhielt. Zwar ist die Mutter stolz darauf, gleichzeitig aber mischt sich Entfremdung in die Mutter-Tochter-Beziehung. Immer schwingt die Angst mit, man könne hinter der Fassade ausgesuchter Höflichkeit auf sie herabblicken.

Und auch der dementen Frau gedenkt Annie Ernaux, denn sie weiß, dass ich nicht leben kann, ohne im Schreiben die demente Frau, die sie geworden ist, mit der starken, strahlenden Frau, die sie gewesen ist, zu vereinen.

AVIVA-Tipp: Annie Ernaux gelingt mit Eine Frau ein berührendes Porträt ihrer Mutter zu schreiben, das weit über die individuelle Geschichte der Autorin hinausgeht. Gleichzeitig ist dies ein Buch über die Trauer, über den Verlust eines geliebten Menschen, über die Hilflosigkeit im Umgang mit der Situation und über die Suche nach Trost.

Zur Autorin: Annie Ernaux, wurde 1940 in der Normandie geboren und studierte in Rouen und Bordeaux. Danach arbeitete sie als Gymnasiallehrerin. Ernaux bezeichnet sich als Ethnologin ihrer selbst. 1974 erschien ihr erster autobiographischer Roman Les Armoires vides. 1983 schrieb sie La Place, ein Buch über ihren Vater, das 2019 neu übersetzt als Der Platz auf Deutsch erschien. In Mémoire de fille (2016, dt. 2018 unter dem Titel Erinnerung eines Mädchens) schildert Ernaux die Vergewaltigung durch einen Betreuer in einem Ferienlager und die lebenslange Scham, die sie dadurch davongetragen hat. Für Les Années (2008, dt. Die Jahre, 2017) erhielt sie mehrere Preise. Annie Ernaux gilt als eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen, deren Werke vielfach ausgezeichnet wurden, zuletzt mit dem Prix de l´Académie de Berlin 2019.

Zur Übersetzerin: Sonja Finck wurde 1978 in Moers geboren. Sie ließ sich zunächst in einer Zirkusschule als Artistin ausbilden und arbeitete als Jongleurin. Damit finanzierte sie ihr Studium für literarisches Übersetzen an der Universität Düsseldorf. Seit 2004 arbeitet sie freiberuflich als literarische Übersetzerin. Finck übersetzt aus dem Englischen und dem Französischen, darunter Werke von Jocelyn Saucier, Mathias Malzieu und Annie Ernaux. Sie ist Trägerin des André-Gide-Preises, lehrt seit 2010 literarisches Übersetzen an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und übersetzt seit 2011 auch Dokumentarfilme für ARTE. Sonja Finck lebt in Berlin und Gatineau (Québec, Kanada)

Annie Ernaux
Eine Frau

Originaltitel: Une femme (1987)
Aus dem Französischen von Sonja Finck
Suhrkamp Verlag, erschienen im Oktober 2019
88 S., gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-518-22512-7
18,00 €
Mehr zum Buch: www.suhrkamp.de

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