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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.07.2007

50 Jahre Gleichberechtigung - wo stehen wir heute. Teil 2
Stefanie Denkert

Am 1. Juli 1957 trat die Gleichberechtigung fĂŒr Mann und Frau als BĂŒrgerrecht in Kraft. 1971 entstand die Frauenbewegung, um der Gleichberechtigung weiter nachzuhelfen. Hier eine Chronik der Erfolge



Kurze Vorgeschichte zur Gleichberechtigung:
Mitte des 19. Jahrhunderts begann die erste deutsche Frauenbewegung, die eine ökonomische und politische Besserstellung forderte. Auch damals gab es Frauen, wie Hedwig Dohm, die erkannten, dass Frauen und MĂ€nner nicht ungleich geboren, sondern gemacht werden. Höhepunkt der ersten Frauenbewegung war die EinfĂŒhrung des Allgemeinen Frauenwahlrechts 1918 in Deutschland.
Die beiden Weltkriege gingen einher mit einem Rollback zu strikten Rollenbildern, so dass die "MĂŒtter des Grundgesetzes" (Elisabeth Selbert, SPD; Helene Weber, CDU, Helene Wessels, Zentrum und Frederike Nadig, SPD) auf heftigen Widerstand stießen, als sie 1949 den Gleichberechtigungsgrundsatz in die Verfassung der BRD aufnehmen wollten. Zwar wurde die Gleichberechtigung beschlossen, dennoch galt bis 1953 eine Übergangsfrist zur EinfĂŒhrung von Artikel 3 Absatz 2 "MĂ€nner und Frauen sind gleichberechtigt" ins Grundgesetz, d.h. bis dahin sollten alle Gesetze, die dem Gleichheitsprinzip widersprachen, ausgeglichen werden.

50 Jahre Gleichberechtigung - eine Chronik:

1957: Reform des BĂŒrgerlichen Gesetzbuchs: am 1. Juli tritt die Gleichberechtigung fĂŒr Frau und Mann als BĂŒrgerrecht in Kraft.
1958: Das Letztentscheidungsrecht des Ehemannes in allen Eheangelegenheiten wird gestrichen. Das Recht des Ehemannes, ein DienstverhĂ€ltnis seiner Ehefrau fristlos kĂŒndigen zu können, wird aufgehoben. Zuvor musste der Ehemann schriftlich bestĂ€tigen, dass er mit der ErwerbstĂ€tigkeit seiner Ehefrau einverstanden ist und konnte allein ĂŒber das Geld verfĂŒgen, das sie verdiente.
1962: Vertrieb der Antibabypille in der BRD
1968: 'Das Private ist politisch!' Mit diesem Slogan fordern Frauen in der westeuropÀischen Linken ein neues PolitikverstÀndnis ein, so auch im Umfeld des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS).
1971: Der Anfang der Frauenbewegung - Auslöser: Der Kampf gegen das Abtreibungsverbot in Westeuropa.
1972: Aus dem Kampf gegen den § 218 wird eine vernetzte Frauenbewegung, die sich bewusst "autonom und ohne MÀnner" organisiert.
9. MĂ€rz: Die DDR befĂŒrchtet ein Überschwappen der Frauenbewegung und versucht durch Verabschiedung der Fristenlösung dem zuvorzukommen. In der DDR ist ein Schwangerschaftsabbruch von nun an innerhalb der ersten drei Monate straffrei.
1974: Der Kampf um die Fristenlösung wird gewonnen (BRD) - und wieder verloren. Der zunÀchst relativ wohlwollende Ton der (MÀnner-)Medien verschÀrft sich.
1975: Die UNO erklÀrt 1975 zum'Jahr der Frau'. Nach Abtreibung und Arbeit stehen jetzt die Themen SexualitÀt und Liebe auf der Tagesordnung.
1975- 1985: Dekade der Frauen
1976: Die Gewalt gegen Frauen wird zum zentralen Thema. In Berlin öffnet das erste Frauenhaus. Frauenstudien werden an allen UniversitÀten gefordert.
1977: 26. Januar: EMMA erscheint. Damit haben Feministinnen erstmals eine ĂŒberregionale, öffentliche Stimme.
30. April: In der 'Walpurgisnacht' (der Nacht der Hexen auf dem Blocksberg) gehen Tausende Frauen gegen Vergewaltigung und sexuelle BelĂ€stigung auf die Straße. Das Motto: 'Frauen erobern sich die Nacht zurĂŒck!' In ganz Deutschland demonstrieren Frauen gegen die Gefahr, die ihnen alltĂ€glich droht: "Ausgangssperre bei Dunkelheit ist das Los der Weiblichkeit!"
1. Juli: Das neue Eherecht tritt in Kraft. Mit dem 'Ersten Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts' ist die 'Hausfrauenehe' abgeschafft. Bis dato war die Ehefrau "zur HaushaltsfĂŒhrung verpflichtet". BerufstĂ€tig durfte sie nur sein, wenn sie dadurch ihre "familiĂ€ren Verpflichtungen nicht vernachlĂ€ssigt", ihr Ehemann durfte ArbeitsvertrĂ€ge seiner Frau ohne ihr EinverstĂ€ndnis kĂŒndigen. Gleichzeitig waren Ehefrauen zur unbezahlten Mitarbeit in Beruf oder GeschĂ€ft des Mannes verpflichtet.
Mit dem neuen Eherecht mĂŒssen Eheleute ab jetzt die "HaushaltsfĂŒhrung einvernehmlich regeln". Auch das Scheidungsrecht wird reformiert: Das Schuldprinzip ist abgeschafft. Bisher hatten schuldig Geschiedene kein Recht auf Unterhalt - zum Beispiel Ehefrauen, die ihre "familiĂ€ren Pflichten" vernachlĂ€ssigt hatten.
1978: Die Klage gegen die sexistischen Titelbilder des Stern macht den beginnenden Kampf gegen Pornografie populÀr.
7. Dezember: Der Deutsche Presserat ergĂ€nzt seinen Ehrenkodex um das Merkmal "Geschlecht". Ab jetzt heißt es: "Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer rassischen, religiösen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden."
1979: Die Frauenbewegung löst sich im politischen Sinne auf. Von einer Bewegung im politischen Sinn - also einem locker organisatorischen Zusammenhang von Gruppen und Projekten mit den gleichen Zielen - kann von nun an nicht mehr gesprochen werden. Feministinnen haben den Marsch durch die Institutionen und in die Welt angetreten: Sie sind engagierte Lehrerinnen, Journalistinnen oder Politikerinnen geworden, sie organisieren Projekte oder grĂŒnden Unternehmen. Der Feminismus ist von nun an nicht mehr innerhalb einer "Bewegung" verordnet, sondern durchzieht die gesamte Gesellschaft und nimmt in den 80er und 90er Jahren vielfĂ€ltige Formen an.
1. Juli: Das Gesetz zum Mutterschaftsurlaub tritt in Kraft. Es verlĂ€ngert den bezahlten "Urlaub" der Mutter nach der Geburt eines Kindes von bisher acht Wochen auf ein halbes Jahr. Feministinnen warnen vor der Falle, die die lange Abwesenheit aus dem Beruf fĂŒr berufstĂ€tige Frauen bedeutet und fordern einen 'Elternurlaub', der auch die VĂ€ter in Sachen Kinderbetreuung in die Pflicht nimmt.
Die CSU und die katholische Kirche machen erneut mobil gegen den § 218. Die CSU kĂŒndigt fĂŒr den Fall eines Wahlsieges die RĂŒcknahme der Reform des Abtreibungsgesetzes an und attackiert die Frauen als "Massenmörderinnen".
1986: Das erste Bundesfrauenministerium wird eingerichtet, mit Rita SĂŒssmuth (CDU) als Ministerin.
1991: 20 Jahre Frauenbewegung:
"Die Frauenbewegung ist tot - es lebe der Feminismus!" schreibt Alice Schwarzer.
14. MĂ€rz: Das Bundesverfassungsgericht erklĂ€rt das geltende Namensrecht bei Eheschließungen fĂŒr verfassungswidrig: Frauen und MĂ€nner dĂŒrfen den eigenen Namen auch ohne Bindestrich behalten.
1993: Heide Simonis (SPD) wird die erste MinisterprÀsidentin (Schleswig-Holstein).
1997: 15. Mai: Nach 25 Jahren des Protests ist Vergewaltigung in der Ehe endlich als Straftat zu ahnden. Alle erzwungenen "sexuellen Handlungen" werden nun als Vergewaltigung bestraft, auch wenn sie nicht mit Penetration verbunden sind. Möglich war dies nur durch ein fraktionsĂŒbergreifendes FrauenbĂŒndnis, initiiert von Ulla Schmidt.
2001: 1. Januar: Das letzte deutsche Berufsverbot fĂŒr Frauen fĂ€llt: Frauen dĂŒrfen nun uneingeschrĂ€nkt in die Bundeswehr, inklusive Dienst an der Waffe.
26. April: Der erste "Girls Day" findet statt.
Juli: Die "eingetragene Partnerschaft" wird in Deutschland Gesetz.
2002: 1. Januar: Das "Wegweisungsgesetz" tritt in Kraft. Die Polizei kann nun gewalttÀtige MÀnner aus der Wohnung entfernen, statt Frau und Kinder ins Frauenhaus zu bringen.
2005:22. November: Angela Merkel (CDU) wird die erste deutsche Kanzlerin.
2006: 7. Juni: Charlotte Knobloch wird als erste Frau Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland.
August: Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), auch Antidiskriminierungsgesetz genannt, tritt in Kraft.
September: Der Bundestag verabschiedet das Elterngeld, initiiert von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen.
2007: Das "EU-Jahr der Chancengleichheit fĂŒr alle"


Quellen:
Die Chronik der Frauenbewegung, FrauenMediaTurm: www.frauenmediaturm.de
35 Jahre Frauenbewegung in EMMA 1/2007: www.emma.de
Margret Karsch: "Feminismus fĂŒr Eilige", Aufbau Verlag, 2004.

Weiterlesen auf AVIVA:

50 Jahre Gleichberechtigung - wo stehen wir heute?
Teil 1

Weiterlesen:
Alice Schwarzer: "Die Antwort"
Alice Schwarzer: "Alice im MĂ€nnerland"
Thea Dorn: "Die neue F-Klasse"
Mirja Stöcker (Hrsg.):"Das F-Wort - Feminismus ist sexy"
Grethe Nestor: "Die Badgirl-Feministin"
Desiree Nick: "Eva go home - Eine Streitschrift"
Silvana Koch-Mehrin: "Schwestern"
Iris Radisch: "Die Schule der Frauen"

Women + Work Beitrag vom 10.07.2007 AVIVA-Redaktion 





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