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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 06.06.2011

Wer sieht hier eigentlich noch fern
Isabell Serauky

Schauen Sie noch in diesen schwarzen Kasten, der unsere Gro├čeltern in jauchzende Verz├╝ckung versetzt hat? Das Fernsehen. Die Glotze. Die Mattscheibe. Das Tor zur Welt, in vergangener ...



... Betrachtungsweise, garantierte regelm├Ą├čig gepflegte Unterhaltung f├╝r die ganze Familie. Mit "Am laufenden Band", "Einer wird gewinnen" und "Dalli Dalli" gelang regelm├Ą├čig ein Feuerwerk der guten Laune, so berichten es zumindest mit tr├Ąnennassen Augen die ZeitzeugInnen dieses fernen, kleinen Gl├╝cks. Denn, was kann uns das Fernsehen in Zeiten von Internet, iPhone und 24-Stunden Beschallung - Outdoor wie Indoor - ├╝berhaupt noch bedeuten?

In meinen, doch etwas fernerliegenden Studentinnentagen, war das Fernsehen ein fester Bestandteil des Lebens. Zwar drapierte ich es nicht gerade um das Fernsehprogramm herum, aber es machte sich eine gewisse, und durchaus merkliche, Verstimmung breit, wenn dann doch eine Folge von "Melrose Place" oder "Beverly Hills 90210" fl├Âten ging. Mit mir entwickelten sich dann auch bald die FernsehmacherInnen rasant weiter und es kam als neues Fernsehhighlight "Ally McBeal" ├╝ber den gro├čen Teich zu uns. Welch neuartiges, ja geradezu revolution├Ąres Fernseh- und Unterhaltsgef├╝hl ├╝berrollte uns da! Ja, es wurde sogar passend zur Serie eine ganze Generation ausgerufen: Generation Ally. O.k., als Betroffene wollen Sie davon nichts mehr wissen. Daher Schwamm dr├╝ber.

Bodenst├Ąndig wurde es an meiner Fernsehfront zu den Hochzeiten meines Pr├╝fungsstresses: "Alfredissimo!" Damals meine sichere Bank der Unterhaltung, frei von Risiken und Nebenwirkungen. Entspanntes Plaudern, umsp├╝lt mit einem Gl├Ąschen K├╝chenwein und dabei emsiges Kochl├Âffelwedeln. Sch├Âne heile Welt.
Ein letztes Aufflackern einer potentiell angelegten Fernseh-Mania brach mit "Sex and the City" ├╝ber mich herein. Soviel Offenherzigkeit zu wirklich jedem Thema weiblicher Existenz musste erst einmal verdaut werden. Es stellt sich mir immer noch die Frage: Was w├Ąre aus uns geworden, wenn die M├Ądelsriege nicht unseren Weg gekreuzt h├Ątte? Unvorstellbar!

Aber seitdem? Fesselnde Momente vorm Fernseher, gar am Samstagabend? Fehlanzeige! Ich kann den Kl├Ąngen der fidelen VolksmusikantInnen und den sinnenlehrten Plaudereien in den Samstagsabendshows so rein gar nichts abgewinnen. Ganz im Gegenteil, man m├╝sste mir etwas zahlen, damit ich diese Verknappung des Einsatzes der Hirnwindungen ├╝berhaupt ertragen kann. Sehe ich mir das Fernsehprogramm an, ├╝berkommt mich regelm├Ą├čig pure Tristesse. Welch grausame Vorstellung, Folter gleich: Ich w├Ąre auf das Gezappel und Gebrabbel in der Flimmerkiste angewiesen?!?

Und dabei stellt sich die Frage, warum ist es so wie es ist? Haben wir nichts anderes verdient? Warum glauben die Fernsehbosse, uns so unterirdisch unterhalten zu k├Ânnen? Ganze Wochen vergehen, ohne dass wir mehr als die Nachrichten im Fernsehen sehen und vermissen nicht einmal etwas dabei. Denn Sehnsucht setzt Hoffnung voraus, aber die ist schon weit, weit weg. Jeden Tag eine andere erm├╝dende, ambitionslose Politik-Talk-Show mit den ewig gleichen Plaudertaschen, gute Filme d├╝mpeln nur zur Geisterstunde bei ARTE herum, mutige Eigenproduktionen werden zugunsten des Einkaufs m├╝der US-Serien gelassen und selbst die traditionsreichen Freitagabend Talkshows sind plumpe Bauchl├Ąden von Anbietern f├╝r B├╝cher, CDs und Filmchen geworden. Spannende Gespr├Ąche sucht man in den Weiten der Kan├Ąle vergeblich. Unsere Geb├╝hren f├╝r den ├Âffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag versickern im t├Ąglichen Einheitsbrei. Soweit, so trist.

Im Umkehrschluss frag ich mich, was machen wir blo├č mit unserer vielen fernsehfreien Zeit? Da der geplagte Gro├čstadtmensch ├╝ber nichts mehr klagt als ├╝ber den Mangel an Zeit, kann doch in der Fernsehflaute eine ungeheure Chance liegen!
Aber nichts da. W├Ąhrend der X-te Heimtatfilm mit Christine Neubauer in der drei├čigsten Wiederholung verl├Ąsslich ├╝ber die Mattscheibe flimmert, Facebooken, Googeln und Skypen wir, bis die Dr├Ąhte gl├╝hen.
Willkommen, sch├Âne neue Medienwelt!
Es scheint, der Verlust des goldenen Fernsehzeitalters ist ├╝berwunden. Der Abschiedsschmerz war kurz. In jedem Fall suchen wir ÔÇô gestern wie heute - nach medialer Ablenkung, Information und Unterhaltung. In welcher Form auch immer. Und diese werden sich rasant weiterentwickeln. Oder h├Ątten Sie je geglaubt, dass wir mitten in der Pampa sitzend, via iPad den neuesten Christine Neubauer Film in XXXXL-Qualit├Ąt sehen k├Ânnen? Eben!

Die Autorin Isabell Serauky ist Rechtsanw├Ąltin und arbeitet in einer Kanzlei im Berliner Prenzlauer Berg, www.jurati.de

N├Ąchstes Thema: Von wegen ÔÇô Urlaubszeit, sch├Ânste Zeit

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Kultur Beitrag vom 06.06.2011 AVIVA-Redaktion 





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