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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 27.03.2013

Eva Karnofsky und Barbara Potthast - Mächtig, Mutig und Genial
Lou Zucker

Mit ihren vierzig Portraits brechen die Autorinnen alte Macho-Klischees auf und machen den Einfluss von Frauen auf Politik, Wirtschaft und Kultur Lateinamerikas von der Conquista bis heute sichtbar.



In Deutschland h√§lt sich das Vorurteil √ľber Lateinamerika als Kontinent der Machos. Latinas kommen in der Bildergalerie unserer K√∂pfe und hiesiger Medien vor allem als sexy Sambat√§nzerinnen vor, selten als einflussreiche Politikerinnen, Widerstandsk√§mpferinnen, Unternehmerinnen und K√ľnstlerinnen. Eva Karnofsky, zehn Jahre lang Korrespondentin der S√ľddeutschen Zeitung in Buenos Aires und Barbara Potthast, Professorin f√ľr iberische und lateinamerikanische Geschichte stellen in ihrem Buch vierzig Frauen vor, die durch ihr Schaffen die Gesellschaften Lateinamerikas mitgeformt und das Geschlechterverh√§ltnis ins Wanken gebracht haben. Die Message der Autorinnen: Frauen k√∂nnen m√§chtig, mutig und genial sein und konnten es schon immer, in Lateinamerika ebenso wie √ľberall sonst.

Kolonialzeit und moderne Machtkämpfe

Die drei Eigenschaften, die dem Buch seinen Titel geben, strukturieren es auch inhaltlich. Im ersten Teil verfolgen die Autorinnen den Einfluss m√§chtiger Frauen bis in die Anf√§nge des 16. Jahrhunderts zur√ľck, als die umstrittene indigene Malinche Hern√°n Cort√©s bei seinen Eroberungsz√ľgen im heutigen Mexiko unterst√ľtzte. Bei der weiteren Spurensuche durch die Geschichte begegnen wir selbstverst√§ndlich Legenden wie Eva Per√≥n (Evita) und zeitgen√∂ssischen Pr√§sidentinnen wie der Chilenin Michelle Bachelet und der Argentinierin Cristina Fern√°ndez de Kirchner. Es werden aber ebenso international weniger bekannte und dennoch m√§chtige Pers√∂nlichkeiten vorgestellt: Darunter f√§llt beispielsweise die Inhaberin eines argentinischen Medienimperiums, Ernestina Herrera de Noble, gegen deren Willen in Argentinien bisher niemand die Pr√§sidentschaftswahl gewann und der Cristina Kirchner nun erstmals den Kampf angesagt hat. Ebenso Luiza Erundina de Sousa, die 1988 zur ersten weiblichen B√ľrgermeisterin Sao Paulos gew√§hlt wurde und die in der Reihe m√§chtiger Frauen zu den ersten geh√∂rt, welche offen die Geschlechterverh√§ltnisse anprangern und ihre Position ohne die Hilfe eines einflussreichen Ehemannes erlangt haben ‚Äď sie entschied sich bewusst dagegen, zu heiraten.

Veränderung durch Waffen, Wahlen oder World Wide Web

Der zweite Teil des Buches widmet sich mutigen Frauen, angefangen mit In√©s Su√°rez, die im 16. Jahrhundert an der Seite Pedro de Valdivias Chile eroberte und die Hauptstadt Santiago mitbegr√ľndete. Bis hin zur kubanischen Bloggerin und Dissidentin Yoani S√°nchez wird die Geschichte weiblichen Widerstands erkundet, exemplarisch anhand von Frauenrechtlerinnen wie der Brasilianerin Bertha Lutz oder mutigen Hausfrauen wie Azucena Villaflor de Vicenti, welche gegen die Argentinische Milit√§rdiktatur aufbegehrte und die bis heute bestehende Bewegung der M√ľtter der "Plaza de Mayo" (Asociaci√≥n Madres de Plaza de Mayo) mitbegr√ľndete. Bewaffnete Guerrilleras verschiedener L√§nder sind ebenso vertreten, wie die kolumbianische "B√ľrgermeisterin f√ľr den Frieden" Gloria Cuartas.

Unter den genialen Frauen finden sich Malerinnen, Schriftstellerinnen und Musikerinnen von Weltrang, wie Frida Kahlo, Isabel Allende, Mercedes Sosa oder Shakira, deren Kurzbiographien jeweils nicht nur von ihrem k√ľnstlerischen Schaffen sondern auch oft von ihrem politischen Projekt erz√§hlen. Neben diesen Gr√∂√üen wird der/die Leser_in aber auch von international weniger beachteten Talenten √ľberrascht, wie der innovativen bolivianischen Modesch√∂pferin Beatriz Canedo Pati√Īo, der erfolgreichen kubanischen Sprinterin und √ľberzeugten Sozialistin Ana Fidelia Quirot, der chilenischen Wissenschaftlerin Marta Lagos oder der au√üergew√∂hnlichen Intellektuellen Sor Juana In√©s de la Cruz, die schon im 17. Jahrhundert f√ľr ihr Recht auf Bildung k√§mpfte.

Machtgierig, korrupt, unemanzipiert

Die klare Einteilung der Frauen in entweder mächtig, mutig oder genial ist zwangsläufig problematisch und streitbar: Warum ist die nicaraguanische Schriftstellerin und Widerstandskämpferin Gioconda Belli bei "Genial" einsortiert und nicht bei "Mutig", obwohl sie selbst in ihrer Autobiographie dem politischen Kampf viel größeres Gewicht beimisst, als der Poesie? Was macht die Kolumbianerin Policarpa Salvatierra, die Anfang des 19. Jahrhunderts Widerstand gegen die spanische Besatzung leistete, im Abschnitt "Mächtig"? Ihr Geld verdiente sie als Näherin und sie bekleidete nie ein politisches Amt.

Die Autorinnen betonen in ihrer Einleitung, dass gesellschaftlicher Nutzen oder moralischer Wert ihres Schaffens keine Kriterien bei der Auswahl der portraitierten Frauen waren. Beim Lesen des "M√§chtig"-Teils muss mensch feststellen, dass auch eine emanzipatorische Einstellung oder das Durchbrechen tradierter Geschlechterrollen keine Auswahlkriterien gewesen sein k√∂nnen. Der Gro√üteil dieses Abschnitts besch√§ftigt sich mit Frauen, deren Machtposition sich einzig und allein aus der Macht ihres Mannes ableitete, die diesen oft lediglich bei seinen Unternehmungen unterst√ľtzten, ohne eigene Ansichten und Projekte zu vertreten und die nicht selten der ihnen untergebenen Bev√∂lkerung gro√üen Schaden zuf√ľgten. Die Autorinnen zeigen erfolgreich in diesem ersten Teil, der fast die H√§lfte des 400-seitigen Buches einnimmt, dass Frauen genauso machtgierig und korrupt sein k√∂nnen wie M√§nner ‚Äď ansonsten bleibt aber bei vielen der hier dargestellten Pers√∂nlichkeiten das Interesse f√ľr den/die feministisch eingestellte_n Leser_in fragw√ľrdig.

Auch erscheint die Perspektive der Portraitsammlung nicht frei von Eurozentrismus. Was haben all Europ√§erinnen in einem Buch √ľber lateinamerikanische Frauen zu suchen? Leopoldine von Habsburg und Tamara Bunke sind nur Beispiele. Warum haben an seiner Entstehung zwei deutsche aber keine lateinamerikanische Frau mitgewirkt? Und warum bedienen sich die Autorinnen an mehreren Stellen des kolonialen Begriffs "Indianerin", der in Bolivien wegen seines abwertenden Charakters bereits verboten wurde?

AVIVA-Fazit: Einige der Despoten-Gattinnen aus gutem Hause zu Anfang des Buches kann mensch sich guten Gewissens sparen. Je mehr wir uns im "M√§chtig"-Teil der Gegenwart n√§hern, sp√§testens aber mit dem Teil "Mutig", f√§ngt es tats√§chlich an, interessant zu werden. Auch wenn die Auswahl der Portraits etwas Argentinienlastig erscheint, erh√§lt mensch einen breiten √úberblick √ľber die Geschichte Lateinamerikas, in dem der Einfluss von Frauen im Zentrum steht. Damit bietet "M√§chtig, Mutig und Genial" eine spannende neue Geschichtsperspektive, eine Darstellung des Kontinents, die von den g√§ngigen Stereotypen abweicht und vor allem eine Menge inspirierender Vorbilder.

Zu den Autorinnen:

Eva Karnofsky
wurde 1955 in Wesel geboren, promovierte in Politikwissenschaften und w√§hlte nach verschiedenen Anstellungen das Dasein als freie Journalistin um reisen zu k√∂nnen, und nach eigenen Angaben ihre "Hobbies ‚Äď Schreiben und Lateinamerika" zum Beruf zu machen. Zur Zeit rezensiert sie spanische und lateinamerikanische Literatur und hat selber verschiedene B√ľcher zu lateinamerikanischen Themen geschrieben, darunter jeweils ein sogenannter "Kulturkompass" zu drei verschiedenen L√§ndern und ein Krimi, dessen Fortsetzung in K√ľrze folgt.

Prof. Dr. Barbara Potthast, geboren 1956 in Bielefeld, legte zun√§chst das erste Staatsexamen f√ľr Lehramt in Spanisch und Geschichte ab, verfolgte dann aber ihre wissenschaftliche Karriere weiter, bis sie 1992 habilitierte und noch im selben Jahr einen Ruf von der Universit√§t Bielefeld erhielt. Heute ist sie Professorin f√ľr iberische und lateinamerikanische Geschichte an der Universit√§t zu K√∂ln, Leiterin der Iberischen und Lateinamerikanischen Abteilung des Historischen Seminars und Mitherausgeberin des Jahrbuches zur Geschichte Lateinamerikas, sowie mehrer Buchreihen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Familien- und Geschlechtergeschichte, in der allgemeinen Sozialgeschichte, so wie in der Geschichte der Fotografie Lateinamerikas.

Eva Karnofsky, Barbara Potthast
Mächtig, Mutig und Genial

Rotbuch Verlag Berlin, erschienen 2012
Taschenbuch, 381 Seiten
ISBN 978-3-86789-164-6
19,95 Euro

Weitere Infos unter:

www.rotbuch.de

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Literatur Beitrag vom 27.03.2013 AVIVA-Redaktion 





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