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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 26.12.2016

Elke-Vera Kotowski, Anna-Dorothea Ludewig, Hannah Lotte Lund - Zweisamkeiten. 12 au├čergew├Âhnliche Paare in Berlin
Sharon Adler

Sie waren Schriftstellerin oder Frauenrechtlerin, K├╝nstlerin oder Muse, politische K├Ąmpferin ebenso wie Salondame und Intellektuelle. In ihren biographischen Portraits beleuchten die Wissenschaftlerinnen neue und wenig bekannte Aspekte ...



... dieser bemerkenswerten Frauen.

Vor dem Hintergrund der wechselvollen Kulisse dieser Stadt Berlins erforschen die Autorinnen Elke-Vera Kotowski, Anna-Dorothea Ludewig und Hannah Lotte Lund in zw├Âlf Beitr├Ągen (Januar bis Dezember) die gl├╝cklichen oder auch ungl├╝cklichen Lieben in all ihren H├Âhen und Tiefen.

In einem Fall ist das Gegen├╝ber ein Hassobjekt: Ilse Koch.
Die Berliner Lyrikerin, Charakterdarstellerin, Kabarett- und Barbesitzerin Valeska Gert, am 11. Januar 1892 als Gertrud Valesca Samosch geboren, hatte Deutschland Anfang der 1930er Jahre als "entartete K├╝nstlerin" verlassen. Ihre Flucht f├╝hrte sie nach Frankreich, in die USA und nach England. In den USA verdiente sich die K├╝nstlerin kurzzeitig ihr Geld als Tellerw├Ąscherin, bis sie 1941 in New York die Beggar Bar er├Âffnete. 1946 er├Âffnete Gert in Provincetown f├╝r einen Sommer das Kabarett Valeska┬┤s, bis sie schlie├člich 1947 nach Europa zur├╝ckkehrte. Dort er├Âffnete sie zun├Ąchst in Z├╝rich, anschlie├čend in Berlin das Kabarett "Hexenk├╝che", in dem sie u.a. in die Rolle der "KZ-Kommandeuse Ilse Koch" schl├╝pfte, jene f├╝r ihre Grausamkeit bekannte und 1951 verurteilte Frau des Lagerkommandanten des KZ Buchenwald, die "Hexe von Buchenwald" und hielt damit Deutschland den Spiegel vor.

Ein Portrait aus einer anderen Epoche skizziert der Beitrag ├╝ber Charlotte Berend-Corinth und Lovis Corinth. Die Malerin, am 25. Mai 1880 in Berlin in eine s├Ąkulare j├╝dische Familie geboren, war vor allem Muse und Modell f├╝r ihren wesentlich ├Ąlteren Ehemann, den Maler und Begr├╝nder der "Malschule f├╝r Weiber", Lovis Corinth, f├╝r den sie trotz ihres gro├čen Talents ihre eigene Karriere zur├╝ckstellte. Autorin Anna-Dorothea Ludewig zitiert neben sorgf├Ąltig recherchierten Informationen auch autobiographische Aufzeichnungen, in denen Charlotte Berend-Corinth betont "weder ein Opfer gewesen zu sein noch eines gebracht zu haben". Das im Buch abgedruckte ├ľlgem├Ąlde "Selbstbildnis mit R├╝ckenakt" von Lovis Corinth aus dem Jahr 1903 zeigt ein anderes Bild ÔÇô w├Ąhrend er, angezogen, selbstbewusst mit Pinsel und Palette posiert, ist den BetrachterInnen Charlotte Berend-Corinths nackter R├╝cken zugewandt, die Hand liebend auf seine Brust gelegt.
Erst nach seinem Tod 1925 konnte sie ihr k├╝nstlerisches Talent ausleben und beweisen. Grob skizziert wird die Zeit im amerikanischen Exil, in das sie 1939 ├╝ber die Schweiz emigrieren konnte ÔÇô der Fokus liegt auf der Beziehung des Paares. Zuletzt wurden ihre Arbeiten in der Ausstellung "Berlin - Stadt der Frauen" gezeigt.

Bekannteste Vertreterin der Berliner "J├╝dischen Salons", die von intellektuellen J├╝dinnen gef├╝hrt wurden, ist Rahel Varnhagen. Eingang in "Zweisamkeiten" gefunden hat die nicht weniger engagierte, 1764 in Berlin geborene Schriftstellerin Henriette Herz und ihre Beziehung mit dem Arzt und Schriftsteller Marcus Herz. Autorin Dr. Hannah Lotte Lund hat sich bereits in ihrem 2012 bei DE GRUYTER erschienen Buch "Der Berliner ┬┤j├╝dische Salon┬┤ um 1800" diesem Ort des Austauschs, der Vernetzung und hohen Gespr├Ąchskultur ebenso wie dem emanzipatorischen Aspekt der Salons der Frauen und der J├╝dinnen sowie dem deutsch-j├╝dischen Dialog im Besonderen gewidmet.

Gezeichnet wird auch ein lebendiges Bild der politischen Denkerin Rosa Luxemburg und ihrer "rechten Hand" Mathilde Jacob. Die Marxistin und Pazifistin Luxemburg, die sich eher als "Internationalistin" denn als J├╝din verstand, hatte im Fr├╝hjahr 1915 der j├╝dischen Sozialistin Mathilde Jacob die Vollmacht "├╝ber ihre Angelegenheiten" erteilt, ein Wendepunkt in ihrer Freundschaft, die Hannah Lotte Lund akribisch recherchiert hat.
Die als "Der blaue Engel" 1930 unsterblich gewordene Marlene Dietrich ├╝berschrieb ihre Memoiren mit "Ich bin, Gott sei Dank, Berlinerin". Die Liebesgeschichte mit ihrem "Entdecker", dem aus Wien nach Hollywood emigrierten Josef von Sternberg liefert viele neue Aspekte auf das Traumpaar, das sich k├╝nstlerisch gegenseitig befruchtete.

Auserlesene Berliner Paare unterschiedlichster Epochen und Konstellationen

Der Melting-Pot Berlin hat verschiedenste Menschen hervorgebracht oder angezogen. Manche kamen nur auf der Durchreise, um lange zu bleiben, viele mussten die Stadt auf der Flucht vor den Nazis verlassen. So mannigfaltig wie die in "Zweisamkeiten" portraitierten Paare sind auch ihre Beziehungen. Manche waren von Dauer, einige hielten nur f├╝r eine kurze Zeit, pr├Ągend aber waren sie f├╝r alle. Doch nicht nur im Privaten waren diese Paare au├čergew├Âhnlich ÔÇô jede/r von ihnen war ma├čgeblich an der historischen Entwicklung der Stadt beteiligt. Die gelungene und sorgf├Ąltige Auswahl der Paare offenbart die gro├če Vielfalt ihres k├╝nstlerischen oder gesellschaftlich-politischen Wirkens und die Impulse, die von diesen Menschen ausgingen. In fesselnden, lebendigen Portraits skizzieren die Autorinnen in ihren Forschungen ihre Lebens- und Liegegeschichten, analysieren das jeweilige Beziehungsgeflecht und stellen sie in den Kontext ihrer Zeit sowie ihre Beziehungen dar├╝berhinaus.

Die Paare im ├ťberblick

Henriette und Marcus Herz
Valeska Gert und Ilse Koch
Charlotte Berend-Corinth und Lovis Corinth
Gabriele Tergit und Georg K├Ąsebier
Rosa Luxemburg und Mathilde Jacob
Hedwig und Ernst Dohm
Margarete Oppenheim und Paul C├ęzanne
Else Lasker-Schuler und Prinz Jussuf von Theben
Franz und Helen Hessel
Melitta von Stauffenberg und die Sturzkampfbomber
Lotte Laserstein und Traute Rose
Marlene Dietrich und Josef von Sternberg

AVIVA-Tipp: So unterschiedlich die in "Zweisamkeiten" beschriebenen Paare und ihre Beziehungen auch waren ÔÇô eines ist ihnen gemeinsam: Ihre Verbundenheit zu dieser besonderen Stadt, Berlin, die sie mitgepr├Ągt haben und von der sie gepr├Ągt wurden. In diesem Sinne ist dieses B├╝chlein ein inspirierendes (j├╝disches) Berlin-Lesebuch und Liebeserkl├Ąrung an die Liebe in Einem.

Zu den Autorinnen:

Hannah Lotte Lund

geboren 1971, studierte in Berlin, Amsterdam und Oxford und promovierte zum Berliner "j├╝dischen Salon" um 1800. Als Historikerin arbeitet sie an der Schnittstelle von j├╝discher Geschichte und Geschlechtergeschichte mit einem besonderen Interesse f├╝r die Geschichte der Bildung und des Wissens, intellektuelle Netzwerke und "Arbeitspaare" ├╝ber die Jahrhunderte. Seit 2016 ist sie Direktorin des Kleist-Museums Frankfurt/Oder. Ver├Âffentlichungen u.a.: "Der Berliner ┬┤j├╝dische Salon┬┤ um 1800".

Elke-Vera Kotowski
geboren 1961, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Moses Mendelssohn Zentrum f├╝r europ├Ąisch-j├╝dische Studien, Potsdam, und Dozentin an der Universit├Ąt Potsdam (Geschichte, J├╝dische Studien, Kultur und Medien), forscht derzeitig zum deutsch-j├╝dischen Kulturerbe im In- und Ausland. Ver├Âffentlichungen u.a.: Das biografische Lexikon "Juden in Berlin ÔÇô Biografien" und "Valeska Gert. Ein Leben in Tanz, Film und Kabarett".

Anna-Dorothea Ludewig
geboren 1976, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Moses Mendelssohn Zentrum f├╝r europ├Ąisch-j├╝dische Studien, Potsdam, und Dozentin an der Universit├Ąt Potsdam sowie Redaktionsmitglied von MEDAON ÔÇô Online-Magazin f├╝r J├╝disches Leben in Forschung und Bildung. Ver├Âffentlichungen u.a.: "Eine Debatte ohne Ende - Raubkunst und Restitution im deutschsprachigen Raum", herausgegeben von Anna-Dorothea Ludewig und Julius H. Schoeps.

Zweisamkeiten. 12 au├čergew├Âhnliche Paare in Berlin
Elke-Vera Kotowski, Anna-Dorothea Ludewig, Hannah Lotte Lund

Hentrich & Hentrich Verlag Berlin, erschienen 2016
Sprache: Deutsch
262 Seiten, Klappenbroschur, 54 Abbildungen
ISBN: 978-3-95565-135-0
19,90 ÔéČ
www.hentrichhentrich.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

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Literatur Beitrag vom 26.12.2016 Sharon Adler 





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