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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.10.2014

Ruth Kl├╝ger - Zerrei├čproben. Kommentierte Gedichte. Das 2013 bei Zsolnay als Hardcover erschienene Buch ab September 2016 auch als Taschenbuch bei dtv
Sabine Reichelt

Sie ringt mit und um Sprache, von der sie permanent umringt wird: Die Lyrikerin und Literaturwissenschaftlerin kommentiert und interpretiert ihre eigenen Verse ├╝ber Gespenster, die sie heimsuchen.



Gedichte waren f├╝r Ruth Kl├╝ger schon immer ├ťberlebensmittel ÔÇô und das nicht in einem metaphorischen, sondern im w├Ârtlichen Sinn. Als M├Ądchen halfen ihr "Die Kraniche des Ibykus", die stundenlangen, qu├Ąlenden Appelle in Auschwitz durchzustehen, nutzte sie Verse ÔÇô wie sie in ihrem autobiographischen Werk "weiter leben" schreibt ÔÇô als Zeitvertreib: "Ist die Zeit schlimm, dann kann man nichts Besseres mit ihr tun, als sie zu vertreiben, und jedes Gedicht wird zum Zauberspruch."

Der nun erschienene Band vereint ausgew├Ąhlte Lyrik Kl├╝gers, die zwischen 1944 und heute entstanden ist, darunter auch "Zwei Lagergedichte", die die damals Dreizehnj├Ąhrige im KZ verfasste, um "die ungeheure Unordnung, die hier herrschte, das hei├čt, die Aufhebung der gesellschaftlichen Regeln im Vernichtungslager innerlich zu bek├Ąmpfen." In der gr├Â├čten Todesangst klammerte sich die junge Dichterin an vierhebige Troch├Ąen, um den Verstand nicht zu verlieren:

"...
Hinter den Baracken brennt
Feuer, Feuer Tag und Nacht.
Jeder Jude es hier kennt,
jeder wei├č, f├╝r wen es brennt,
und kein Aug┬┤, das uns bewacht?
ÔÇŽ"


Ruth Kl├╝ger kommentiert die eigenen Gedichte, f├╝gt sie in ihren biographischen Entstehungshintergrund ein, erl├Ąutert Reimformen, Rhythmen, Metaphern und literarische Anspielungen. Auch die Qualit├Ąt der eigenen Verse beurteilt sie ohne Eitelkeit. So schreibt sie zum oben zitierten "Auschwitz": "Das Gedicht ist so banal wie m├Âglich, in seiner Gl├Ątte, seiner Wortwahl, den braven Reimen und in der Ausgewogenheit der Strophen. Und au├čerdem ist es zu lang."

Was schreibe ich also als Rezensentin, wenn die Autorin ihre eigenen Werke bereits selbst so klug und selbstkritisch analysiert und besprochen hat? Und warum ├╝berhaupt f├╝gt sie den eigenen Ver-Dichtungen Kommentare an? Treibt sie die Angst vor Missverst├Ąndnis, die didaktische Begeisterung der Professorin oder die Freude an der Vielschichtigkeit? Kl├╝ger geht es um die Verbindung von Herz und Kopf in der Gedichtrezeption: "Unser Empfinden mag noch so emotional auf das Gedicht reagieren, immer noch muss es dem Verstand und dem kritischen Denken gegen├╝ber offen bleiben."

Immer wieder verwebt Ruth Kl├╝ger j├╝dische Geschichte des 20. Jahrhunderts mit ihrer eigenen, schreibt von den Gespenstern der Vergangenheit, unter ihnen Bruder und Vater, die der Ermordung durch die Nationalsozialisten nicht entgingen und bei der ├ťberlebenden nun Schuldgef├╝hle ausl├Âsen, sie heimsuchen und immer noch umtreiben:

"Netze der Toten

Morgens beim Augen├Âffnen
vergittert ihr Netz
mir das Licht."
ÔÇŽ


├ťberall lauern und spuken Erinnerungen: in den klaustrophobischen, oft atemraubenden (Alb-)Traumgedichten

"Gr├╝nsurrend unter der Stiege
will das Wort wecken.
Als eine m├╝de Fliege
kriecht┬┤s um die Ecke."


ebenso wie in den Gedichten ├╝ber Wien ÔÇô Stadt der Kindheit der Autorin, aber auch Ort rassistischer Ablehnung, Verfolgung und allgegenw├Ąrtiger Gefahr:

"ÔÇŽ blinde
Stadt, die ein Kind
sandigen Auges verbannte,
Menschenleere ..."


├ähnlich ambivalent ist auch Kl├╝gers Verh├Ąltnis zur deutschen Sprache. Als Sprache der T├Ąter_innen empfindet sie sie als Last, sch├Ątzt aber auch den selbstverst├Ąndlichen Reichtum des Ausdrucks, den ihr nur die Muttersprache bescheren kann. Einen Teil der Gedichte fasst sie bewusst als Sprachspiele und kleine Stilexperimente, in denen die Literaturwissenschaftlerin mit Lust all jene Formen und Verweise aufzeigt, die die Dichterin zuvor sorgsam ausgew├Ąhlt und gekonnt gebildet hat. Die beiden folgenden Terzette beschlie├čen das Sonett "Deutsche Sprache":

"In diesen Lauten l├Âst sich nun die schmale
die Kinderstimme, die klug-schlau das Leiden
in Verse st├╝lpte, wie in eine Schale

und zeigt mit m├╝helos zum zweiten Male
in scharfen, unbiegsamen Zackigkeiten
den Trost der klaren offenen Vokale."


Zur Autorin: Ruth Kl├╝ger, geboren 1931 in Wien, wurde in die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt verschleppt. 1947 emigrierte sie in die USA und lehrte Germanistik an der University of Virginia, in Princeton sowie an der University of California in Irvine. Heute lebt sie in Irvine/Kalifornien und G├Âttingen. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Thomas-Mann-Preis der Stadt L├╝beck, den Roswitha-Preis der Stadt Gandersheim und den Lessing-Preis des Freistaats Sachsen. Zu ihren Ver├Âffentlichungen geh├Âren u.a. "Katastrophen. ├ťber deutsche Literatur" (1994), "Frauen lesen anders" (1996), "Gemalte Fensterscheiben. ├ťber Lyrik" (2007) und "Was Frauen schreiben" (2010). Der erste Teil ihrer Autobiographie, "weiter leben. Eine Jugend" (1992), wurde in zehn Sprachen ├╝bersetzt; 2008 erschien Teil zwei, "unterwegs verloren. Erinnerungen". (Verlagsinformation)

Ruth Kl├╝ger im Jewish Women┬┤s Archive: jwa.org

AVIVA-Tipp: Wenn die W├Ârter eines Gedichtes eine verschlossene T├╝r bilden, hinter der sich der Textsinn verbirgt, dann m├╝ssen wir hier den Schl├╝ssel nicht lange suchen: Ruth Kl├╝ger hat ihn auf ein Brett neben der Klinke gelegt. So erlangen wir Zugang zu klassisch und modern gestalteten R├Ąumen, wo Strahler zwar einzelne Teile beleuchten, in denen die Leserin beim Anheben eines Sofakissens oder dem Blick hinter einen Vorhang aber durchaus noch eigene Entdeckungen machen kann, umringt von Sprache.



Ruth Kl├╝ger
Zerrei├čproben. Kommentierte Gedichte

dtv, erschienen 23. September 2016
ISBN 978-3-423-14519-0
Preis: 9,90 ÔéČ
www.dtv.de




Ruth Kl├╝ger
Zerrei├čproben. Kommentierte Gedichte

Zsolnay, erschienen am 26.08.2013
Fester Einband, 120 Seiten
Preis: 14,90 Euro
ISBN 978-3-552-05641-1
www.hanser-literaturverlage.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ruth Kl├╝ger - Was Frauen schreiben

Ruth Kl├╝ger - Katastrophen

Ruth Kl├╝ger - unterwegs verloren

Interview mit Ruth Kl├╝ger (2009)

Das Weiterleben der Ruth Kl├╝ger. Ein Film von Renata Schmidtkunz. Kinostart 9. Mai 2013

Hilde Domin - S├Ąmtliche Gedichte

Literatur > Jüdisches Leben Beitrag vom 14.10.2014 Sabine Reichelt 





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