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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.06.2018

Von Berlin nach Los Angeles - die Musikwissenschaftlerin Anneliese Landau. Herausgegeben von Daniela Reinhold im Auftrag der Akademie der K├╝nste
B├Ąrbel Gerdes

In ihren autobiographischen Aufzeichnungen berichtet die Musikwissenschaftlerin Anneliese Landau im Alter von 84 Jahren von ihrer gro├čen Karriere in Deutschland, die mit der Macht├╝bernahme der Nationalsozialisten j├Ąh beendet wurde. Ein Neubeginn in den Vereinigten Staaten gestaltete sich schwer ÔÇô als J├╝din, und als Frau.



Die 1903 in Halle geborene Anneliese Landau wuchs in einer liberalen und kulturell sehr interessierten j├╝dischen Familie auf. Ihre Mutter, Rosa Landau, war Klavierlehrerin, so dass Musik f├╝r Anneliese "so selbstverst├Ąndlich wurde wie das Atmen". Anneliese hatte eine f├╝nf Jahre ├Ąltere Schwester, Grete und einen vier Jahre ├Ąlteren Bruder, der infolge eines schrecklichen Unfalls an seinem 13. Geburtstag starb. "Einige Tage sp├Ąter bekam ich mit, wie meine Mutter zu Freunden, die sie tr├Âsten wollten, sagte: ┬┤Ausgerechnet der Junge!┬┤ Ich f├╝hlte mich schuldig, am Leben zu sein, und beschlo├č, meinen Eltern zum Ersatz f├╝r meinen Bruder zu werden."

Schon fr├╝h erlebte das junge M├Ądchen den allt├Ąglichen Antisemitismus. Von einem Tag auf dem anderen spielte ihre beste Freundin nicht mehr mit ihr. Zur Rede gestellt, bekam Anneliese eine Antwort, die "zum Anfang eines schwarzen Fadens [wurde], der sich durch mein ganzes Leben ziehen sollte: ┬┤Meine Eltern m├Âchten nicht, da├č ich mit einem j├╝dischen M├Ądchen befreundet bin!┬┤" Zehn Jahre sp├Ąter im Lyzeum machte sie dieselbe Erfahrung mit zwei ihrer Freundinnen. "Diese letzten drei Schuljahre machten mich zu einer K├Ąmpferin f├╝r gleiche Rechte der Juden.

"Immer wieder erlebte ich diesen Ha├č von Nicht-Juden auf Juden, er war in die Gesichter der deutsch-nationalen Frauen eingeschrieben ÔÇŽ Ich konnte mich vor ihm nicht verbergen, ich konnte vor ihm nicht fliehen, ich konnte ihm nur ins Auge sehen und mich dagegen wehren." Ihr Vater, der Eier-Gro├čh├Ąndler Salomon Landau, war streng orthodox. Den Kindern gegen├╝ber w├Ąhlten die Eltern jedoch den Weg der Freiheit, erinnert sie sich. Sie wurden zwar in die orthodoxen Gesetze eingef├╝hrt, aber nicht gezwungen, sie zu befolgen. "Es mu├č eine anspruchsvolle Aufgabe gewesen sein, j├╝dische Kinder in antisemitischer Umgebung aufzuziehen.", konstatiert Anneliese Landau.

In Halle und Berlin studierte sie Musikwissenschaften und promovierte 1930. Bereits 1928 jedoch begann sie ihre publizistische T├Ątigkeit, wodurch sie Alfred Einstein kennenlernte, den Schriftleiter des musikwissenschaftlichen Verlages Breitkopf & H├Ąrtel. Zeit ihres Lebens sollte sie diesem Verlag treu bleiben ÔÇô und er ihr. Anneliese Landau trat in die SPD ein und ver├Âffentlichte gelegentlich auch Artikel im Vorw├Ąrts. Eine feste Anstellung als Journalistin jedoch verhinderte ihr Frausein. Sie bewarb sich beim Berliner Tageblatt und der Vossischen Zeitung. Neben Deutschland publizierte sie in der Schweiz und in Finnland, in musikwissenschaftlichen, aber auch kunstwissenschaftlichen Zeitschriften, "aber keiner wollte eine Frau nehmen."

Ab 1930 arbeitete sie f├╝r den Rundfunk. Ihre Sendungen, eine Mischung aus Text und Musik, waren ├╝beraus beliebt. Doch im Februar 1933 erhielt sie die erste Ablehnung eines Beitrags. "Ich konnte zu dem Zeitpunkt noch nicht glauben, da├č die Politik bereits das Rundfunksystem erreicht hatte." Neben dem Berliner beenden auch der Bayerische Rundfunk und der S├╝dfunk Stuttgart die Zusammenarbeit. Im Juli 1933 trifft sie zuf├Ąllig den ehemaligen Intendanten der Charlottenburger Oper, Dr. Kurt Singer. Mit ihm gemeinsam entwickelt sie die Idee eines j├╝dischen Kulturbundes. J├╝dische MusikerInnen, SchauspielerInnen und DozentInnen sollten zusammenkommen, um ein Programm f├╝r j├╝dische Mitglieder anzubieten. Die Vortr├Ąge Anneliese Landaus waren st├Ąndig ausverkauft. Im Berliner Theater, das eine Kapazit├Ąt von 1400 Pl├Ątzen hatte, musste sie ihre Vortr├Ąge bis zu viermal halten, weil die Nachfrage so gro├č war. Auch andere Kulturb├╝nde fragten sie an, so dass sie bald durch Deutschland tourte. Als 1936 die J├╝dische private Musikschule Hollaender in der Sybelstra├če 9 in Berlin-Charlottenburg gegr├╝ndet wurde, arbeitete sie dort bis 1937 als Dozentin f├╝r Musikgeschichte.

Die Repressalien gegen J├╝dinnen und Juden wurden indes immer st├Ąrker sp├╝rbar. Die Verhaftung ihres Schwagers Curt Paechter und der Novemberpogrom 1938 machten den Landaus klar, in welcher Gefahr sie schwebten. Die drei Kinder ihrer Schwester Grete wurden mit dem Kindertransport nach Gro├čbritannien geschickt, wo sie bei englischen Familien unterkamen.
Auch Anneliese Landaus T├Ątigkeit wurde weiter eingeschr├Ąnkt. Ihr wurde nur noch erlaubt, ├╝ber j├╝dische Komponisten zu sprechen. Sie, die immer frei vortrug, musste nun Manuskripte zur Pr├╝fung einreichen. Oftmals bekam sie sie mit zahlreichen Schw├Ąrzungen wieder. Die Gestapo besuchte alle ihre Vortr├Ąge. An einem Abend sollte sie vor 1200 Leuten sprechen. Landau hatte ihren Vortrag fast vollst├Ąndig gestrichen zur├╝ckerhalten. Lediglich die Musikst├╝cke durfte sie ank├╝ndigen. Sie entschied sich f├╝r einen ungew├Âhnlichen und mutigen Schritt: "[ich] ging mit dem Manuskript in der Hand auf die B├╝hne..., k├╝ndigte den Titel des Programms an ÔÇô den sie ohnehin kannten ÔÇô und wendete Seite um Seite um, sehr langsam, ohne etwas zu sagen oder aufzuschauen, bis ich zu einer Zeile im Manuskript kam, die nicht gestrichen war und die so allein, aus dem Kontext gel├Âst, keinen Sinn ergab. Ich las sie, und dann wendete ich erneut lautlos die Seiten... Es war ein kurzer Abend und ich erhielt donnernden Applaus. Alle verstanden und gingen traurig und still nach Hause."

1939 floh die Musikwissenschaftlerin ├╝ber Amsterdam nach London. Ihre Eltern, ihre Schwester und ihren Schwager lie├č sie zur├╝ck in der Hoffnung, sie nachholen zu k├Ânnen. Sie sah sie zum letzten Mal.
In England traf sie mit den Kindern ihrer Schwester zusammen, lernte Englisch und begann wieder, Vortr├Ąge zu halten.
1944 emigrierte sie nach New York, wo sie nie Fu├č fassen konnte. Zwar gab es ein Angebot f├╝r den Rundfunk, sie hatte jedoch Angst, dass ihre so bekannte Stimme ihre Familie in Deutschland gef├Ąhrden k├Ânnte. Weiterhin bem├╝hte sie sich um Ausreisedokumente f├╝r die in Deutschland Gebliebenen.
Landau selbst fand keine feste Anstellung. Sie reiste zwar mit ihren Vortr├Ągen, hielt sich aber vor allem durch Putzen und Schreibarbeiten ├╝ber Wasser.

Auch in den USA begegneten ihr Antisemitismus und Rassismus. "Die Monumentalit├Ąt und der Reichtum von Washington, umgeben von der gro├čen Armut der schwarzen Menschen, machten mit die amerikanische Hauptstadt nicht sympathisch."
1944 wird sie Direktorin der Jewish Center Association und zieht nach Los Angeles. Unter anderem baut sie dort eine wichtige Musikbibliothek auf. Doch auch dies h├Ąlt nicht lange an. Ihre Stelle wird immer mehr reduziert, so dass sie schlie├člich in die Erwachsenenbildung wechselt.
Zudem ver├Âffentlichte sie 1980 ihre Studie zum Lied, die mehrere Auflagen erhielt.
Anneliese Landau starb in Los Angeles am 3. August 1991.
Ihr ist es nie gegl├╝ckt, ihre Eltern nachzuholen. Beide wurden in Theresienstadt ermordet, ihre Schwester Grete verstarb an den Folgen der Zwangsarbeit. Ihrer Familie wird in Halle durch Stolpersteine gedacht.

Ihre autobiographischen Aufzeichnungen verfasste Anneliese Landau auf Englisch. Ein erster Text, der in diesem Band nicht vorhanden ist, tr├Ągt den Titel Bridges to the Past und handelt vornehmlich von Familienberichten. Der hier vorliegende Text Pictures you wanted to see ÔÇô People you wanted to meet, der um 1987 entstand, wurde f├╝r ihre Nichten und dem Neffen von der ca. 84j├Ąhrigen verfasst. Er sollte ├╝ber das rein Pers├Ânliche hinausgehen und auch den gesellschaftlich-politischen Rahmen darstellen.
Die Herausgeberin Daniela Reinhold hat dem Band die Briefe der Mutter Annelieses, Rosa Landau, an ihre Tochter hinzugef├╝gt, die immer dr├Ąngender auf eine Ausreise hofft. Wie wichtig und lesenswert diese Briefliteratur ist, kann auch in den Briefen von Anna Hess an ihre Tochter abgelesen werden. Abgerundet wird das Buch durch einen Beitrag von Lily E. Hirsch ├╝ber Anneliese Landau in Los Angeles.

AVIVA-Tipp: Dass der Text f├╝r ein privates Publikum gedacht war, ist zwar sp├╝rbar, nimmt ihm aber nichts von seinem Wert. Wie die Nazis das Leben derjenigen, die ihre Mordmaschinerie ├╝berlebten, ├╝ber Jahrzehnte beeinflussten, wird hier deutlich dargestellt, und auch, wie schwierig es ist, in einem fremden Land Fu├č zu fassen.

Zur Autorin: Anneliese Landau wurde am 5.3.1903 in Halle/Saale geboren. Studium der Musikwissenschaften in Halle und Berlin. 1930 Promotion. Seit 1928 Publikationst├Ątigkeit in internationalen musikwissenschaftlichen Zeitschriften. 1933 ÔÇô 1938 Musikgeschichtsvorlesungen am J├╝dischen Lehrhaus Berlin. Zahlreiche Vortr├Ąge vor gro├čem Publikum im J├╝dischen Kulturbund. 1939 Ausreise ├╝ber Amsterdam nach London. 1940 Einreise in die USA. Ab 1944 in Los Angeles Musikdirektorin der Jewish Center Association. Lehrt├Ątigkeit an unterschiedlichen Colleges. Anneliese Landau starb am 3. August 1991 in Los Angeles.

Mehr Informationen zu Anneliese Landau auf den Seiten des Lexikons verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit der Universit├Ąt Hamburg: www.lexm.uni-hamburg.de
Mehr Informationen zu Anneliese Landau und ihrer Familie im "Gedenkbuch f├╝r die Toten des Holocaust in Halle": www.gedenkbuch.halle.de

Zur Herausgeberin: Daniela Reinhold, 1957 in Berlin geboren, ist Musikwissenschaftlerin und publizierte ├╝ber Musik und Musiktheater des 20. Jahrhunderts. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Musikarchiv der Akademie der K├╝nste in Berlin, ver├Âffentlichte zwei B├╝cher ├╝ber den Komponisten Paul Dessau und betreut unter anderem das Anneliese-Landau-Archiv

Von Berlin nach Los Angeles
Die Musikwissenschaftlerin Anneliese Landau

Herausgegeben von Daniela Reinhold im Auftrag der Akademie der K├╝nste, Berlin
Verlag Hentrich & Hentrich, erschienen 2017
Gebunden, 340 Seiten, 15 Abbildungen
ISBN 978-3-95565-226-5
27,90 Euro
Mehr zum Buch unter: www.hentrichhentrich.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Anna Hess - Briefe einer j├╝dischen Hamburgerin an ihre Tochter in Buenos Aires von 1937 bis 1943. Herausgegeben von Madelaine Linden, der Urenkelin der in Theresienstadt ermordeten Anna Hess
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Mehr zum Thema J├╝dische Musik sowie Frauen in der Musik finden Sie unter:

Das Europ├Ąische Zentrum f├╝r J├╝dische Musik (EZJM): www.ezjm.hmtm-hannover.de

Die Linkliste des Europ├Ąische Zentrum f├╝r J├╝dische Musik (EZJM) mit Informationen zu j├╝discher Musik und Recherchem├Âglichkeiten in Bibliotheken und digitalisierten Best├Ąnden: www.ezjm.hmtm-hannover.de/de/bibliothek

Archiv Frau und Musik ÔÇô Internationale Forschungsst├Ątte: www.archiv-frau-musik.de


Literatur > Jüdisches Leben Beitrag vom 04.06.2018 B├Ąrbel Gerdes 





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