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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 31.08.2016

Mithu M. Sanyal - Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens
Hai-Hsin Lu

Der Begriff "Vergewaltigung" steht zwischen politischer Deutungshoheit, Geschlechter- und Gewaltdiskursen. Dieses Jahr hat er durch mehrere Vorfälle wieder an medialer Aufmerksamkeit gewonnen. Mithu M. Sanyal bringt in ihrem Werk Transparenz in …



... die Begrifflichkeit, verortet sie kulturhistorisch und bricht mit den Mythen, die die bisherige Narrative prägten.

Ob die Silvesternacht in K√∂ln oder der Prozess um Gina-Lisa Lohfink: Sexuelle Gewalt und Vergewaltigung dominieren im Jahr die Schlagzeilen und spalten gesellschaftliche Diskussionen. W√§hrend in dem Fall um die Silvesternacht 2015 "deutsche" Frauen konsequent als Opfer fremder, ausl√§ndischer Gewalt gesehen und beschrieben werden, stellen die Medien Gina-Lisa Lohfink als unseri√∂ses, hypersexualisiertes "It-Girl" dar. Demnach begr√ľ√üt sie die Ver√∂ffentlichung ihrer Vergewaltigungsvideos und betreibt den Prozess gegen ihre Vergewaltiger nur f√ľr mehr √∂ffentliche Aufmerksamkeit um ihre Person.

Vergewaltigungsmythen und Machtstrukturen

Mithu Sanyal, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin, die schon mit ihrem Buch Werk "Vulva. Die Enth√ľllung des unsichtbaren Geschlechts" im Jahr 2009 Diskussionen ausl√∂ste, stellt am Anfang ihrer Streitschrift eines klar: "Der Vergewaltigungsdiskurs ist eine der letzten Bastionen und Brutzellen f√ľr Geschlechterzuschreibungen, die wir ansonsten kaum wagen w√ľrden zu denken, geschweige denn auszusprechen" In ihrem neuen Werk bringt Sanyal Deutlichkeit in den seit der Antike kontrovers diskutierten Begriff der Vergewaltigung. Denn dieser ist nicht nur aktuell in der Berichterstattung zu finden ‚Äď die Art, wie gesellschaftlich √ľber Vergewaltigung gesprochen wird, ist ein klares Indiz f√ľr die Machtstrukturen, die Geschlechterverh√§ltnisse, die noch vorherrschen.

Es ist ein weit verbreiteter Mythos: Die attraktive, junge Frau, die in einem knappen Rock durch dunkle, n√§chtliche Gassen l√§uft und von einem fremden, psychopathischen Mann √ľberw√§ltigt wird, der angesichts ihrer Sch√∂nheit nicht an sich halten kann. Dieses Bild hat sich unter permanenter medialer Vermittlung tief in unserem kultur-geschichtlichen Kollektivbewusstein eingepr√§gt ‚Äď und es ist das g√§ngige Bild einer Vergewaltigung. Sanyal taucht in die Sexualtheorien der letzten zwei Jahrhunderte ein, um die Ausformung unseres heutigen Vergewaltigungsverst√§ndnisses f√ľr die Leser_innen nachzuvollziehen.

Ein Dualismus der Geschlechter

Unter anderem schreibt sie √ľber das "Dampfkesselmodell" des 18. Und 19. Jahrhunderts, demnach Geschlechtsverkehr f√ľr M√§nner unverzichtbar ist und sich ansonsten die angestaute Frust auf seine Gesundheit auswirkt. Dieses "Modell" ist noch heute wirkm√§chtig: Die Aufforderungen an Frauen, sich nicht freiz√ľgig zu kleiden, teilen die Grundpr√§misse dieser Vorstellung ‚Äď Frauen d√ľrfen M√§nner nicht erregen, sonst w√ľrde sich der "Kessel" unweigerlich entladen. Der sich erstmals 2011 formierende "Slutwalk", der seidem global und j√§hrlich in zahlreichen Gro√üst√§dten protestiert, wehrt sich gegen ebendiese Forderungen.

Der psychoanalytische Masochismusdiskurs des fr√ľhen 20. Jahrhunderts trug ma√ügeblich zur imaginierten weiblichen Sexualit√§t bei: Die Vagina befand sich demnach in einem stets passiven Zustand und konnte nur durch die Penetration eines Penis erweckt werden. Sanyal schreibt nicht ohne einen gewissen Sarkasmus: "Daraus entst√ľnde das tiefe weibliche Bed√ľrfnis, √ľberw√§ltigt zu werden."W√§hrend also der Mann vor "hei√üer Begierde" kaum an sich halten konnte, war die Frau dazu vepflichtet, Avancen pro Forma abzulehnen, nur um ihrem inneren Wunsch nachzugeben, endlich √ľberw√§ltigt, das hei√üt, vergewaltigt zu werden. Dieses Konzept weiblicher Sexualit√§t kann im Umgang der Presse mit Gina-Lisa Lohfink beobachtet werden. So wurde sie beispielsweise w√§hrend ihres Gerichtsprozesses von M√§nnern als "Hure" beschimpft und Medien wie "Die Welt" insinuieren in ihrer Berichterstattung, dass sie ihre Vergewaltigung selbst inszeniert h√§tte. Von einer "Schmierenkom√∂die" ist ebenso die Rede wie davon, sie sei ein " ein Opfer ‚Äď aber kein Vergewaltigungsopfer".

Der ausschließliche Opferstatus entmenschlicht Frauen

Diese Beschreibungen erscheinen den Leser_innen wahrscheinlich absurd ‚Äď jedoch sind dies die Grundfesten, auf denen das heutige Vergewaltigungsverst√§ndnis aufgebaut ist: M√§nner dominieren, w√§hrend Frauen dominiert werden. M√§nner sind qua Biologie geborene T√§ter, Frauen Opfer. Dementsprechend bedurfte es in Deutschland bis 1997 im b√ľrgerlichen Gesetzbuch einen Penis, um eine Vergewaltigung zu begehen. Hierbei will die Autorin keinesfalls behaupten, dass M√§nner die eigentlichen Vergewaltigungsopfer seien, sondern aufweisen, dass der Vergewaltigungsdiskurs unserer Vorstellung von immanenten Geschlechterrollen pr√§gt und essentialisierend auf die Kategorien "Mann" und "Frau" wirkt. Inbesondere die Frau, zum Opfertum verdonnert und zugleich f√ľr ihre "sexuelle Perversit√§t" verachtet, wird so vollkommen entmenschlicht. Von einer ausgelebten, selbstbestimmten weiblichen Sexualit√§t, von einer Frau als eigenst√§ndige Person kann in diesem Kontext nicht ann√§hernd die Rede sein.

Wirksame Konzepte: Vergewaltigung und Schande

Sanyal spannt einen weiten Bogen √ľber die vielen Paradoxien und Widerspr√ľche um das Thema Vergewaltigung. Sie spricht √ľber den Anti-Rape-Aktivismus des Zweite Welle Feminismus, die zwar f√ľr Frauenrechte eintrat, jedoch den T√§ter-Opfer Dualismus weiter stabilisierte. Genauso geht Sanyal auf die Medialisierung sexueller Gewalt in der Medienberichterstattung und in Spielfilmen ein, indem sie F√§lle wie "Big Dan‚Äôs Rape Case" und die daran angelehnte Hollywoodproduktion "Angeklagt" (1988) analysiert, die eine breite gesellschaftliche Diskussion lostrat und mit Jodie Foster in der Hauptrolle einen Oscar gewann. Paradoxerweise erreichte diese Diskussion eben eines: Anstatt eines L√∂sungsansatzes potenzierte sich die Angst der Frauen vor m√§nnlichen Vergewaltigern und manifestierte sich medial. Der Opfer-T√§ter Dualismus fand auch hier Best√§rkung.

Wie kommt es also, dass sowohl konservative M√§nnerrechtler_innen als auch Feminist_innen sich diesem konstruierten Gegensatz nicht entziehen k√∂nnen? Sanyal reist mit den Leser_innen zur√ľck in die klassische Antike und ins europ√§ische Mittelalter, um zu ergr√ľnden, wie es zu der Annahme kam, "dass die Sexualit√§t einer Frau ihre Essenz sei", und eine Vergewaltigung einem Todesurteil √§hnelte. Hierbei untersucht sie Begriffe wie "Ehre", "Schande" und "Jungfr√§ulichkeit" und enttarnt diese gr√ľndlich. Mit einem Sprung in die Gegenwart greift sie F√§lle wie das Verfahren gegen J√∂rg Kachelmann auf, um genau diese Begriffe darin wiederzufinden. Sanyal zitiert die amerikanische Schriftstellerin Vanessa Veselka folgenderma√üen: "Solange wir an dem Konzept von Vergewaltigung als Raub festhalten, kommen wir unweigerlich zur√ľck zu der √úberzeugung, dass der Wert einer Frau ‚Äď ihr wahres Ich ‚Äď in ihrer sexuellen Reinheit begr√ľndet sei. Es ist eine absolute Objektivierung von Frauen."

Rassismus und Sexismus

Nun kommen wir auf die Narrative um die Vorf√§lle in der Silvesternacht in K√∂ln zu sprechen ‚Äď und somit auf den ausgepr√§gten Rassismus, der vom Vergewaltigungsdiskurs nicht zu trennen ist. Ein weiterer Mythos ist hier wirksamer denn je: der schwarze Vergewaltiger, der wei√üe Frauen an sich rei√üt. Am 9. Januar 2016 zeigte das Titelblatt des Magazins Focus eine entbl√∂√üte, blonde Frau, deren K√∂rper mit schwarzen Handabdr√ľcken bedeckt war. √Ąhnlich ver√∂ffentlichte die S√ľddeutsche Zeitung eine Abbildung eines dunklen Arms, der zwischen helle Frauenbeine greift. Hier wird wieder deutlich, dass Vergewaltigung und sexuelle Gewalt nur dann breite Thematisierung erfahren, wenn sie von den vermeintlich "anderen" begangen werden, den schwarzen oder "muslimisch aussehenden" M√§nnern. Ebenso wichtig ist die Positionierung der Opfer als wei√üe, deutsche Frauen, die im Auge der √Ėffentlichkeit als "unsere Frauen" und somit als "sch√ľtzenswert" gelten. Die Twitter-Kampagne #ausnahmlos machte schnell auf ebendies aufmerksam: "Die Rape Culture wurde nicht nach Deutschland importiert ‚Äď sie war schon immer da."

F√ľr eine diversifizierte Narrative

Sanyal betont, dass sie den Leser_innen nicht eine neue Vergewaltigungsdefinition aufzw√§ngen, sondern Platz f√ľr eine diversifizierte Narrative schaffen m√∂chte. Sie nutzt gegen Ende ihres Buches ein Zitat von bell hooks: "Wirkliche sexuelle Freiheit kann nur existieren, wenn Individuen nicht mehr l√§nger von einem gesellschaftlichen Sexualit√§tskonstrukt unterdr√ľckt werden, das auf biologische Definition von Sexualit√§t basiert."
Der Vergewaltigungsdiskurs h√§lt diese gesellschaftlichen Konstrukte ohne Zweifel weiterhin aufrecht, er d√§monisiert, essentialisiert und simplifiziert. Im Juli 2016 wurde ein wichtiges Credo der Frauenbewegung, "Nein hei√üt Nein!", im Rahmen einer Sexualstrafrechtsreform endlich Gesetz. Jedoch braucht es noch viel mehr, um wirkliche Ver√§nderung herbeizuf√ľhren. Radikale Transformation kann nur dann beginnen, wenn sich Stimmen gegen das Normative erheben. Mithu Sanyal hat mit ihrem Werk genau dies getan.

AVIVA-Tipp: Ein Buch, das zu jeder Zeit hohe Aktualit√§t hat, heutzutage jedoch eine ganz besondere Relevanz aufweist. Mithu Sanyal hat zweifelsohne ein emanzipatives Werk geschaffen, das den Leser_innen mit simpler Sprache komplexe Sachverhalte rund um den Briff "Vergewaltigung" vermittelt. Ein Lese-Muss f√ľr alle im Kampf gegen sexuelle Gewalt!

Zur Autorin: Mithu M. Sanyal, geboren 1971 in D√ľsseldorf als Tochter einer polnischen Mutter und eines indischen Vaters, ist Journalistin, Kulturwissenschaftlerin und Schriftstellerin. Sie studierte an der Heinrich-Heine-Universit√§t D√ľsseldorf Anglistik und Germanistik und promovierte magna cum laude sowohl an der Kunstakademie D√ľsseldorf, als auch an der Universit√§t Duisburg-Essen. Sanyal lehrt seit 2011 an verschiedenen Universit√§ten und arbeitet freiberuflich als H√∂rspielautorin ‚Äď ihr St√ľck, "Sternenkinder sterben sch√∂ner": ein postmoderner SciFi-Comedy-Radio-Krimi, wurde erstmals 2009 im WDR Einslive ausgestrahlt. F√ľr ihre Radio-Features gewann sie inzwischen dreimal den Dietrich-Oppenberg-Medienpreis. Ihr Buch "Vulva. Die Enth√ľllung des unsichtbaren Geschlechts" (2009) wurde bisher in f√ľnf Sprachen √ľbersetzt.
Mehr Informationen zur Autorin unter: www.sanyal.de

Mithu M. Sanyal
Vergewaltigung

Edition Nautilus, erschienen August 2016
Taschenbuch, 224 Seiten
ISBN 978-3-96054-023-6
16,00 Euro
Auch als E-Book erhältlich
www.edition-nautilus.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Mithu M. Sanyal - Vulva. Die Enth√ľllung des unsichtbaren Geschlechts
"Da unten" oder "zwischen den Beinen" liegt noch immer hoch im Kurs, um dem weiblichen Genital einen Namen zu geben. K√ľrzer, pr√§ziser und klangsch√∂ner ist doch dieses Wort: Vulva. (2009)

"Nein hei√üt Nein!" wurde im Juli 2016 endlich Gesetz. Das AVIVA-Fazit nach der Prozessbeobachtung gegen Gina-Lisa Lohfink im August: Ern√ľchterung. Eine Chronologie.
07. Juli 2016: Victory! Paradigmenwechsel im Sexualstrafrecht! Ein Nein wird k√ľnftig zur Verurteilung ausreichen! "Sexuelle Bel√§stigung" wird als Straftatbestand eingef√ľhrt! 22. August 2016: Alles nur auf dem Papier?!

Angela Koch - Ir/reversible Bilder. Zur Visualisierung und Medialisierung von sexueller Gewalt
Wie wird sexuelle Gewalt medial dargestellt? Die Autorin, Professorin am Institut f√ľr Medien, Abteilung Medienkultur- und Kunsttheorien an der Kunstuniversit√§t in Linz, widmet sich dem zutiefst verst√∂renden Thema anhand von Filmen wie "The Accused", die sie kulturhistorisch kontextualisiert. (2016)

Clarisse Thorn - Fiese Kerle? Unterwegs mit Aufreißern. Ein hautnahes Experiment
Clarisse Thorn ist Bloggerin, feministische Aktivistin und Schriftstellerin. Sie schreibt und spricht √ľber Subkulturen und Sexualit√§t. Dabei denkt sie vor allem √ľber M√§nnlichkeit und Kommunikation nach und h√§lt Vorlesungen dazu. Zwiesp√§ltig. (2016)

Anne Wizorek - Weil ein Aufschrei nicht reicht. F√ľr einen Feminismus von heute
Das F in Feminismus steht f√ľr Freiheit. Die Berliner Publizistin und Initiatorin der #aufschrei-Kampagne erkl√§rt in ihrem Buch, wie wir gemeinsam eine bessere Gesellschaft f√ľr alle schaffen k√∂nnen. (2014)

Vulva 3.0. - Zwischen Tabu und Tuning. Ein Dokumentarfilm von Claudia Richarz und Ulrike Zimmermann. Kinostart am 02. Oktober 2014
Schon in den ersten zwei Minuten schwankt die Zuschauerin zwischen Am√ľsement und Entsetzen. Mit markiger Stimme und zackigen Bewegungen erl√§utert Dr. Uta Schlossberger, Fach√§rztin f√ľr Haut- und Geschlechtskrankheiten, wie eine "sch√∂ne" Vagina auszusehen hat: symmetrisch und irgendwie "amerikanisch".

Freischaltung des bundesweiten Hilfetelefons Gewalt gegen Frauen
08000 116 016 ‚Äď Rund um die Uhr bietet diese Hotline ab jetzt gewaltbetroffenen Frauen unb√ľrokratisch eine kompetente Erstberatung, sowie Informationen zu Unterst√ľtzungseinrichtungen vor Ort. (2013)

Auswertung der Online-Kampagne #ichhabnichtangezeigt widerlegt Vergewaltigungsmythen
Dass die Dunkelziffer bei sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung hoch ist, war schon lange bekannt, jetzt gibt es konkrete Zahlen. Vom 1. Mai 2012 bis zum 15. Juni 2012 konnten Betroffene anonym schreiben, warum sie nie Anzeige erstattet haben.

Slutwalk
Der erste Berliner Slutwalk ist vorbei und er war großartig. 3.500 Menschen wanderten am 13. August 2011 vom Wittenbergplatz bis zum Gendarmenmarkt, um gegen Vergewaltigungsmythen und Victim-blaming zu protestieren. (2011)

Literatur > Sachbuch Beitrag vom 31.08.2016 AVIVA-Redaktion 





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