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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.03.2018

Ruth Kl├╝ger - Gegenwind. Gedichte und Interpretationen
Angelina Boczek

In ihrem 2014 erschienenen Band "Zerrei├čproben. Kommentierte Gedichte" kommentierte und interpretierte die Lyrikerin und Literaturwissenschaftlerin, gefeierte Autorin, Feministin, Mutter, Gro├čmutter, und ├ťberlebende der Shoa Ruth Kl├╝ger ihre eigenen Verse ├╝ber Gespenster, die sie heimsuchen. In "Gegenwind" deutete sie jeweils ein Gedicht ├Ąlterer und moderner AutorInnen, von Adelbert von Chamisso bis Jane Hirshfield.



"Wann hast du das letzte Mal ein Gedicht gelesen, einen Gedichtband in der Hand gehalten?"
Eine kleine Umfrage im Freundinnenkreis ergab kaum positive Antworten, immerhin wurde Bedauern ge├Ąussert dar├╝ber, da sich alle Befragte an "sch├Âne" Gedichte erinnern konnten.

"Die weitverbreitete Meinung, Lyrik sterbe aus, basiert auf Statistiken, die der Sache nicht gerecht werden. Wenn Lyrikb├Ąnde nicht den Umsatz von Krimis haben, so kommt das daher, dass Krimis Wegwerfware sind. Dagegen sind Lyrikb├Ąnde eine Art Dauerware. ÔÇô Die Klage ├╝ber den Verfall der Lyrik wurde erst k├╝rzlich widerlegt durch die Verleihung des Literaturnobelpreises an einen ber├╝hmten Liedermacher f├╝r seine Texte, also seine Gedichte." (gemeint ist Bob Dylan) ÔÇô so Ruth Kl├╝ger im Vorwort ihres im M├Ąrz 2018 erschienenen, schmalen Buches (so schmal, wie viele Gedichtb├Ąnde).

Mich hat die Begeisterung f├╝r die sprachlichen Kunstwerke, die Ruth Kl├╝ger ausw├Ąhlte, angesteckt und manche Interpretationen haben mich ├╝berrascht, etwa dass wir in dem Gedicht "Das Schlo├č Boncourt" von Adelbert von Chamisso (der uns als etwas "verstaubt" erscheinen mag) entdecken k├Ânnen, dass Exil ÔÇô damals wie heute ÔÇô eine schwere, ja traumatische Last ist.

Die hier abgedruckte Gedicht-Auswahl von Chamisso, Friedrich Hebbel, Gottfried Keller, Rainer Maria Rilke, Franz Werfel, Hermann Hesse, Kurt Tucholsky, Georg Kreisler, Ilse Aichinger, Durs Gr├╝nbein, Hans Magnus Enzensberger, Heinrich Detering (oder Johannes R. Becher) sowie in deutscher und in englischer Sprache von Elizabeth Barrett Browning, Walt Whitman, Emily Dickinson, Emma Lazarus, Stephen Crane, Anne Sexton, Adrienne Rich und Jane Hirshfield kann nat├╝rlich nur beispielhaft sein. Anregend ist sie allemal, es geht in ihnen um existentielle Dinge und Ruth Kl├╝ger gibt uns durch ihre Interpretationen Mittel an die Hand, die Aussage der Gedichte (besser) deuten zu k├Ânnen:
"Denn ein Gedicht ist entweder ein R├Ątsel oder ein Geheimnis. Der Unterschied zwischen diesen beiden vewandten M├Âglichkeiten ist der, dass ein R├Ątsel gel├Âst werden kann, w├Ąhrend ein Geheimnis immer etwas Verborgenes zur├╝ckh├Ąlt und uns im Unklaren bel├Ąsst."

Die Interpretationen zeigen einmal mehr, dass es nicht schaden kann, sich mit Leben und Umfeld der VerfasserInnen zu besch├Ąftigen, biographische Informationen k├Ânnen einen Zugang von zun├Ąchst "sperrigen" Texten bef├Ârdern. Zu jeder Person gibt es deshalb kurze Erl├Ąuterungen, es fallen hier und da literaturwissenschaftliche Begriffe wie Syntax, Subjekt/Objekt, das lyrische Ich. Diese fachlichen Bemerkungen halten sich in Grenzen, es geht um Inhalt, "Meisterschaft der Verknappung", den Reiz der Wortkombinationen, um Rhythmus, Klang, nicht zuletzt um "Zusammenh├Ąnge zwischen Politik und Poesie".

F├╝r die 1931 geborene, mit Preisen geehrte Literaturwissenschaftlerin waren Gedichte fr├╝h Teil ihres Lebens und schon immer ├ťberlebensmittel, um die stundenlangen, qu├Ąlenden Appelle in Auschwitz durchzustehen: "Gedichte haben ihr einst geholfen, das KZ zu ├╝berstehen, die Verse von Goethe, Schiller, Heine, die sie w├Ąhrend des stundenlangen Appellstehens im Stillen immer aufs Neue wiederholte". Ich wiederhole dieses h├Ąufige Zitat und erinnere daran, dass es zahlreiche Beispiele daf├╝r gibt, dass Gedichte (auch selbst verfasste) Gefangenen Trost, Halt, Hoffnung bedeuteten, hier sei nur Teofila Reich-Ranicki erw├Ąhnt, die im Warschauer Getto die Gedichte Erich K├Ąstners abschrieb und illustrierte.

"Lyrik lebt" betont Kl├╝ger und bezieht sich dabei auf die w├Âchentliche Ver├Âffentlichung eines Gedichts mit kurzer Interpretation in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, und das seit 40 Jahren! Lyrikinterpretation lebt immerhin in Schulen als Teil des Deutschunterrichts, das Auswendiglernen von Gedichten allerdings scheint etwas aus der Mode gekommen zu sein.
Lyrik lebt in Veranstaltungen zu Poetry Slam, es hei├čt, dass die Slam-Szene in Deutschland inzwischen die gr├Âsste sei. Lyrik lebt in den Texten von Pop- und Rapsongs.

AVIVA-Tipp: Lest Gedichte, ergr├╝ndet alte und moderne Gedichte, r├Ątselt, diskutiert und ├╝berwindet den Widerstand, den "Gegenwind", den ein Gedicht auszul├Âsen vermag. Lest Ruth Kl├╝gers Buch ÔÇô es k├Ânnte ein Entschluss entstehen: Kein Tag ohne Gedicht, vielleicht auch ein eigenes.

Zur Autorin: Ruth Kl├╝ger wurde am 30. Oktober 1931 als Tochter j├╝discher Eltern in Wien geboren. Im Alter von zw├Âlf Jahren wurde sie gemeinsam mit ihrer Mutter in das Konzentrationslager Theresienstadt, ein Jahr sp├Ąter nach Auschwitz-Birkenau und dann in das Arbeitslager Christianstadt deportiert. Bereits dort begann sie, Gedichte zu schreiben. Gegen Kriegsende gelang Ruth Kl├╝ger auf einem der "Todesm├Ąrsche" zusammen mit der Mutter und einer Pflegeschwester die Flucht, die schlie├člich nach 1945 im bayerischen Straubing ihr Ende fand. Der Vater, ein Frauenarzt, wurde in Auschwitz ermordet. In Straubing machte Ruth Kl├╝ger das Abitur und studierte zun├Ąchst an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Regensburg. 1947 emigrierte sie mit ihrer Mutter in die USA, studierte in New York Bibliothekswissenschaften und sp├Ąter an der University of California in Berkeley Germanistik, wo sie 1952 den M.A.-Grad (1967 Ph.D.) absolvierte. Nach Ende ihres Studiums machte K. als Hochschulprofessorin f├╝r deutsche Literatur Karriere. Werke u.a.: "Zerrei├čproben. Kommentierte Gedichte", "Was Frauen schreiben", "Katastrophen. ├ťber deutsche Literatur", "unterwegs verloren".
Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Rauriser Literaturpreis, Grimmelshausen-Preis, Marie-Luise-Kaschnitz-Preis, Prix M├ęmoire de la Shoa, Preis der Frankfurter Anthologie, Thomas-Mann-Preis der Stadt L├╝beck, Roswitha-Preis, Lessing-Preis des Freistaates Sachsen. Im Mai 2009 wurde sie erste Gastprofessorin des Marcel Reich-Ranicki-Lehrstuhls f├╝r Deutsche Literatur an der Universit├Ąt Tel Aviv. Ihr Thema: "J├╝dische Autorinnen in der deutschsprachigen Literatur".
2015 erhielt sie die Ehrendoktorw├╝rde der Universit├Ąt Wien.
(Quelle: Munzinger und AVIVA-Berlin)
Ruth Kl├╝ger im Jewish Women┬┤s Archive: jwa.org

Ruth Kl├╝ger
Gegenwind. Gedichte und Interpretationen

Paul Zsolnay Verlag, erschienen 12. M├Ąrz 2018
Hardcover, 113 Seiten
18,00 Euro
ISBN 978-3-552-05882-8
Mehr zum Buch unter: www.hanser-literaturverlage.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ruth Kl├╝ger - Marie von Ebner-Eschenbach. Anw├Ąltin der Unterdr├╝ckten
Zum einhundertsten Todestag von Marie von Ebner-Eschenbach hat die Literaturwissenschaftlerin Ruth Kl├╝ger eine ├╝beraus kluge und zugleich mit spitzer Feder geschriebene Rede gehalten. Nachzulesen in der kleinen aber feinen Reihe "Autorinnen feiern Autorinnen". (2017)

Ruth Kl├╝ger - Zerrei├čproben. Kommentierte Gedichte
Sie ringt mit und um Sprache, von der sie permanent umringt wird: Die Lyrikerin und Literaturwissenschaftlerin kommentiert und interpretiert ihre eigenen Verse ├╝ber Gespenster, die sie heimsuchen. (2014)

Das Weiterleben der Ruth Kl├╝ger. Ein Film von Renata Schmidtkunz
Renommierte Literaturwissenschaftlerin, gefeierte Autorin, Feministin, Mutter, Gro├čmutter, ├ťberlebende der Shoa. Die Dokumentation zeigt eine facettenreiche und beeindruckende Pers├Ânlichkeit beim Denken an verschiedenen Schaupl├Ątzen ihres Lebens und Wirkens." (2013)

Ruth Kl├╝ger - Was Frauen schreiben
Der weibliche Blick ÔÇô Ruth Kl├╝ger widmet sich den Werken von Frauen aus aller Welt und verschiedenen Epochen. Ihre Zusammenstellung gew├Ąhrt eine Sicht "aufs Leben durch anders geschliffene Gl├Ąser". (2010)

Interview mit Ruth Kl├╝ger
Ruth Kl├╝ger: J├╝din, Feministin, Mutter, Holocaust-├ťberlebende, emigrierte Wienerin, Wahl-Amerikanerin, Autorin und Literaturwissenschaftlerin hat in Deutschland und den USA als Germanistik Professorin gearbeitet. Im M├Ąrz dieses Jahres brachte sie die Aufsatzsammlung "Katastrophen. ├ťber deutsche Literatur" erneut heraus, wodurch den LeserInnen eine neue Lesart klassischer Texte erm├Âglicht wird. AVIVA-Berlin f├╝hrte mit der in Kalifornien lebenden Germanistin ein E-Mail Interview. (2009)

"Ruth Kl├╝ger ÔÇô Katastrophen"
Gro├čes Aufsehen erregte Ruth Kl├╝ger mit ihrem autobiografischen Roman "weiter leben. Eine Jugend", in dem sie ihre Kindheit im nationalsozialistischen Deutschland und in mehreren Konzentrationslagern schilderte. (2009)

Ruth Kl├╝ger - unterwegs verloren
Vor sechzehn Jahren hie├č es noch "weiter leben", als die mittlerweile emeritierte Literaturprofessorin den ersten Band ihrer Autobiographie schrieb. Heute geht es f├╝r sie um Menschen, die "unterwegs verloren" gegangen sind. Ruth Kl├╝ger: J├╝din, Feministin, Mutter, Holocaust-├ťberlebende, emigrierte Wienerin, anerkannte Amerikanerin und vor allem Liebhaberin der deutschen Literatur, hat den zweiten Band ihrer Lebensgeschichte ver├Âffentlicht. (2008)

Wirf deine Angst in die Luft - Die Poesie der Rose Ausl├Ąnder
Das H├Ârbuch, eine Symbiose aus Lyrik und Musik, gelesen von Alicia Fassel und mit Musik von Jan Rohlfing, wird erg├Ąnzt durch seltene Original-Aufnahmen Rose Ausl├Ąnders selbst. Aufgenommen wurden sie 1976 und 1977 in ihrem Refugium im Nelly-Sachs-Haus in D├╝sseldorf. Ein 20seitiges Booklet liefert in chronologischer Auflistung die Eckdaten zu der 1901 in Czernowitz geborenen j├╝dischen Poetin, f├╝r die "Schreiben Leben war, ├ťberleben".
(2018)

Literatur > Sachbuch Beitrag vom 11.03.2018 Angelina Boczek 





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