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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.11.2010

Wir sitzen im S├╝den - Ein Film von Martina Priessner
Evelyn Gaida

Integrationsdebatte andersherum: B├╝lent (30), Murat (39) und Fatos (43) sprechen ausgezeichnet Deutsch, sind ausgebildet und m├Âchten arbeiten. Nach Deutschland d├╝rfen sie jedoch nicht zur├╝ck.



Freiwillig hat in Priessners Dokumentation nur die Unternehmerin ├çigdem (33) der Bundesrepublik den R├╝cken gekehrt, um vorerst Projektleiterin in einem Callcenter zu werden. Alle vier "sitzen im S├╝den", wie es gegen├╝ber AnruferInnen gelegentlich hei├čt. Gemeint ist jedoch nicht S├╝ddeutschland - worauf Fatos┬┤ breiter Schwarzw├Ąlder Dialekt schlie├čen l├Ąsst - sondern Istanbul.

Wer bei Neckermann, Lufthansa oder Quelle.Contact anruft, wird freundlich von Sandra, Illona oder Ralf empfangen, nicht ahnend, dass sie/er eigentlich mit B├╝lent, Fatos und Murat spricht. Die Filmemacherin, Kuratorin und kulturelle Aktivistin Martina Priessner wirft in ihrem Film "Wir sitzen im S├╝den" einen Blick hinter eine Vielzahl von Kulissen: Die merkw├╝rdigen deutschen Callcenter-Parallelwelten in der T├╝rkei und die manchmal kuriosen ├ťberschneidungen der beiden Kulturen in den Lebensl├Ąufen ihrer MitarbeiterInnen ÔÇô teils heimatlose Deutsch-T├╝rkInnen, die dort "Asyl" suchen. Vor allem bringt der Film den ZuschauerInnen aber unkommentiert sehr verschiedene Menschen pers├Ânlich nahe, deren Biographien im eklatanten Widerspruch zu Abschiebungs- und MigrantInnenklischees stehen. Ihre Geschichten rufen Beklemmung hervor statt den Eindruck europ├Ąischer Bewegungsfreiheit.

Drinnen wird K├Ąsekuchen gegessen, zu Weihnachten Gl├╝hwein getrunken, tragen die Pappw├Âlkchen an der Decke animierende Aufschriften wie "Gerne", "Selbstverst├Ąndlich", "Das tut uns sehr leid" ÔÇô au├čerhalb des Callcenters flimmert die t├╝rkische Metropole in der Sonne. "Au├čen Toppitz, innen Geschmack", grinst Murat, als er den K├Ąsekuchen b├Ąckt. In Deutschland geboren, lebte er 15 Jahre lang in einem Vorort von Frankfurt am Main bis er "da rausgerissen" wurde. Seine Eltern schoben einen Urlaub vor und lie├čen ihn nicht zur├╝ckkehren. "Ich m├Âchte es einfach nicht aufgeben, ein Teil von mir geh├Ârt dorthin." Zudem d├╝rfe er sich in der T├╝rkei nicht offen zu seiner Homosexualit├Ąt bekennen und diese leben. "Im Hinterkopf hatte ich immer den festen Glauben daran, dass ich durch meinen fr├╝heren Aufenthalt und durch meine Geburt in Deutschland bestimmt irgendwelche Rechte h├Ątte." Die deutschen Beh├Ârden sehen es anders: Nach 25 Jahren hat er immer noch keinen Weg gefunden, dauerhaft zur├╝ckzukehren.

├çigdem, die einen deutschen Pass hat, gehen "deutsche Inseln" am Bosporus mittlerweile eher auf die Nerven. Sie ist hier auf der Suche nach Heimat, die f├╝r sie immer bei den gelben Taxis am Istanbuler Flughafen anfing, wenn sie zu Besuch kam. Hier m├Âchte sie alt werden, aber in Bezug auf eine R├╝ckkehr auch niemals nie sagen. Ganz anders sieht es bei Fatos aus: "Ich wollte ├╝berhaupt nicht in die T├╝rkei. Ich wusste ja nicht, dass es f├╝r immer ist." Ihre t├╝rkischen Eltern hatten sie mit ihrem ersten Freund gesehen und sie daraufhin postwendend in ihr Herkunftsland geschickt. Kaum war sie am Flughafen auf der anderen Seite der Absperrung, wurde ihr deutscher Pass als ung├╝ltig abgestempelt. "Ung├╝ltig", wiederholt sie noch immer fassungslos. Jahrzehnte, zwei Kinder und einen gewaltt├Ątigen Ehemann sp├Ąter nimmt sie endlose Beh├Ârdeng├Ąnge auf sich, um wenigstens ein Touristinnenvisum f├╝r Deutschland zu erhalten. Als es schlie├člich klappt, kommen ihr vor Freude die Tr├Ąnen. Aufgewachsen ist sie bei deutschen Pflegeeltern, wo sie bis zu ihrem 13. Lebensjahr wohnte. "In meinen Adern habe ich t├╝rkisches Blut, in meiner Seele habe ich Deutschland", sagt sie. Nur Hochdeutsch k├Ânne sie nicht ÔÇô "Ich komme aus dem Schwarzwald!"

B├╝lent aus Frankfurt am Main hat ein zwiesp├Ąltiges Verh├Ąltnis zu seinem Geburtsland, der BRD. Er hat dort viel durchgemacht, auch die Abschiebung war hart, die T├╝rkei kannte er zuvor nur aus dem Urlaub. "Der Flughafen steht da, aber du kannst nicht zur├╝ck." Nach dem Tod seines Vaters hatte er "keinen Anfang und kein Ende mehr gesehen", war in die Drogenszene abgerutscht. Die Art des h├Âflichen und einnehmenden Callcenter-Agenten, die Bedeutung der Farben von Bomberjacken in seiner fr├╝heren Frankfurter Gang "T├╝rkische Power" zu erkl├Ąren, ist r├╝hrend. Die Gang sei seine Familie gewesen, habe Geborgenheit gegeben. Damals trug er die t├╝rkische Flagge auf der Jacke, in Istanbul ├╝berkam ihn ein heimatliches Gef├╝hl beim Betreten des deutschen Callcenters: "Ich dachte, `du bist wieder da!┬┤ ÔÇŽ Hier kann man sich verstehen. Das war echt sch├Ân!" Er habe sich jedoch in der T├╝rkei eingelebt, es ginge ihm gut. ├ťber Deutschland sagt er r├╝ckblickend: "Obwohl ich dort geboren und aufgewachsen bin und alles drum und dran: Immer wieder wirst du als Ausl├Ąnder gesehen." Wohin er stets zur├╝ckkehre und "von wo ich eigentlich nie wegkam, das ist die Einsamkeit. Immer."

AVIVA-Tipp: Am Ende des Films nickt B├╝lent im Callcenter-Shuttlebus nach einem weiteren harten Arbeitstag ersch├Âpft ein. Um ihn herum verschmelzen die t├╝rkische und deutsche Sprache zu einem diffusen Summen. Ebenso f├╝hrt Priessners Film auf nachdr├╝ckliche und sehr ber├╝hrende Weise die vielgestaltige und komplexe Mehrstimmigkeit kultureller Identit├Ąt vor Augen, die sich weder automatisch nach biologischen Gesichtspunkten, noch b├╝rokratischen Mauern richtet, ihnen aber undifferenziert unterworfen wird.

Zur Regisseurin: Martina Priessner lebt und arbeitet als Filmemacherin, Kuratorin und kulturelle Aktivistin in Berlin. Nach einem Studium der Sozial- und Kulturwissenschaften an der Humboldt Universit├Ąt Berlin arbeitete sie ├╝ber zehn Jahre als Autorin f├╝r den H├Ârfunk. Von 1998 bis 2007 war sie als Kuratorin und Redakteurin f├╝r das Filmfestival T├╝rkei/Deutschland aktiv. Von 2008 bis 2010 arbeitete sie als Dramaturgin und Kuratorin am postmigrantischen Theater Ballhaus Naunynstra├če in Berlin. "Wir sitzen im S├╝den" ist ihr erster abendf├╝llender Dokumentarfilm.

Wir Sitzen Im S├╝den
Deutschland/T├╝rkei April 2010
Buch und Regie: Martina Priessner
Verleih: Pangeafilm
Laufl├Ąnge: 88 Minuten
Kinostart: 11. November 2010

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.wir-sitzen-im-sueden.org

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20 Jahre St├Ądtepartnerschaft BerlinÔÇôIstanbul. Konferenz Zivilgesellschaften am 19. Juni in Istanbul und am 6.ÔÇô9. Oktober 2009 in Berlin

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Kultur Beitrag vom 11.11.2010 Evelyn Gaida 





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