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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 17.01.2017

Kristine von Soden - Und drau├čen weht ein fremder Wind .... ├ťber die Meere ins Exil
Sharon Adler

Wie gelang den wenigen ├ťberlebenden 1933 bis 1941 die Flucht ins Ungewisse, was ging dem Verlust um Heimat, Familie, Sprache und Kultur voraus? Im Zentrum dieses Buches steht der verzweifelte Kampf j├╝discher Emigrantinnen um Visa und Affidavits f├╝r das von den Nazis erzwungene Exil. Anhand vonÔÇŽ



... Tageb├╝chern, Briefen, Gedichten sowie unver├Âffentlichten Bild- und Textdokumenten und literarischen Zeugnissen aus den im Deutschen Exilarchiv in Frankfurt am Main befindlichen Nachl├Ąssen j├╝discher Emigrantinnen zeichnet die Autorin die dramatischen Umst├Ąnde der individuellen Fluchtwege akribisch nach.

Viele der Emigrantinnen und Emigranten haben ihr Schicksal nach der Emigration, ihr Leben in der Fremde beschrieben. Ihre Sehnsucht und den Schmerz, die Traumatisierung des Erlittenen literarisch verarbeitet. Darunter Nelly Sachs, die im Alter von 49 Jahren mit ihrer alten Mutter 1940 mit viel Gl├╝ck aus Nazideutschland nach Schweden fliehen konnte, wo sie ihre "Kaj├╝te", ihren R├╝ckzugsort zum Schreiben fand. Sachs, die bis zur Flucht im eleganten Berliner Hansaviertel gelebt hatte, schrieb hier den gr├Â├čten und wichtigsten Teil ihres Werkes, f├╝r den sie 1966 mit dem Nobelpreis geehrt wurde.
Oder Mascha Kal├ęko, die nach ihrer Flucht in die USA, nach New York, Erlebtes in Dichtung wandelte. Ihre Gedichte und Epigramme erz├Ąhlen von der Entwurzelung. Sie, die f├╝r ihr 1933 erschienenes Werk "Das lyrische Stenogrammheft" in Deutschland gefeiert worden war, setzte sich im Exil in ihren Gedichten verst├Ąrkt mit dem Schicksal der Vertreibung, Heimatlosigkeit und Verlorenheit auseinander. Vor allem Kummer und Verzweiflung pr├Ągten diese Zeit, Verbitterung und das Lebensgef├╝hl, nicht zu leben, sondern nur zu ├╝berleben.
"Mein Heimweh hie├č Savignyplatz" (Mascha Kal├ęko)
Kristine von Soden erz├Ąhlt von der st├╝ckweisen Ausgrenzung Kal├ękos und davon, welchen Einfluss die Erlasse der Nazis auf deren Schreiben hatten. Ganz im Sinne Kal├ękos wird sie durch die Auswahl der Zitate zur beobachtenden Komplizin bei der Beschreibung der EmigrantInnen, 1935 an Deck der Roma auf dem Weg nach Pal├Ąstina.

Von Soden recherchierte l├Ąngst nicht nur die biographischen Daten, die Stationen der Flucht, sondern lie├č die verfolgten J├╝dinnen - Schriftstellerinnen, K├╝nstlerinnen, Schauspielerinnen, ├ärztinnen und Juristinnen - ihre Gedanken und Gef├╝hle, selbst zu Wort kommen:

"Es ist alles, aber auch alles, von der T├╝rklinke bis zur Verkehrsordnung anders, ganz anders als in Europa" (Lessie Sachs)

Der Titel des Buches "Und drau├čen weht ein fremder Wind ÔÇŽ" entstammt einem Gedicht aus "Tag- und Nachtgedichte", das die 1896 in Breslau geborene Lyrikerin und Schriftstellerin Lessie Sachs im amerikanischen Exil schrieb und das die Exilzeitung Aufbau am 1. Mai 1938 ver├Âffentlichte. Lessie Sachs sinnierte vor allem ├╝ber das "Alltagspraktische", ├╝ber die Unterschiede der amerikanischen Frauen zu den Europ├Ąerinnen oder die klimatischen Bedingungen, und gibt ihren Freundinnen in Deutschland vor allem den Rat "Fange neu an, ganz von vorn, ganz von vorn, fange Dein Leben ganz von vorne wieder an ÔÇô ist das leicht? - Es gibt kein Zur├╝ck...Zwischen Dir und der Heimat liegt der Atlantik (ÔÇŽ)."

In diesen wenigen Zeilen schwingt die ganze Verzweiflung, die Sehnsucht um das Verlorene mit, das Bewusstsein dar├╝ber, dass Heimat, Sprache und Kultur der Vergangenheit angeh├Ârt: "Alles, was ich in Europa war, was ich galt oder gewusst habe, gilt hier nichts. Gilt nicht ÔÇô Gilt nicht!"

Es sind die Zitate dieser inneren Zweigespr├Ąche, die der Leserin die Traumata nahebringen, die Entwurzelung im Exil und die Erfahrung von Verfolgung und Ausgrenzung sp├╝r- und erfahrbar werden lassen.

Doch nicht nur das Leben nach dem ├ťberleben, die mentale Obdachlosigkeit oder das Sprachproblem der LiteratInnen im Exil wird beschrieben, es ist vor allem der Aufbruch ins Ungewisse, die Kristine von Soden in den Fokus r├╝cken will: Die Fluchten ├╝ber die Meere von 1933 bis zum Ausreiseverbot 1941 ÔÇô "gelungene wie tragisch gescheiterte, legale wie illegale".

Die Abbildungen von Anzeigen der Umzugsunternehmen im Korrespondenzblatt "J├╝dische Auswanderung", Herbst 1937 und aus der Informationsbrosch├╝re "Alija", 1935 erz├Ąhlen die Geschichte weiter: "Zieh aus, zieh ein ÔÇô mit Silberstein. Umz├╝ge von allen Orten Deutschlands. Sammelverkehr via Triest und Hamburg."

Neben den biographischen Daten und Spuren, die sich bei vielen Emigrantinnen im Nichts verlieren, war es von Soden wichtig, die chaotisch verlaufenden Wege ins Exil selbst aufzuzeigen: wie lief die Beschaffung von P├Ąssen, Aus- und Einreisepapieren, Transitvisen, Schiffskarten, Affidavits ab, welche finanziellen Unterst├╝tzungen gab es, was wurde von den Einreisestaaten gefordert? Wie ging die Ausreise vonstatten, auf welchen Schiffen und von welchen H├Ąfen aus fuhren die Menschen ins Ungewisse? Sp├Ątestens ab 1940 gab es nur noch die Alternative zwischen Abreise oder Untergrund. Bleiben bedeutete Deportation und damit die Ermordung. Alle, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht deportiert waren und die, die geglaubt hatten, das "Ph├Ąnomen Hitler" w├╝rde vor├╝bergehen, versuchten nun den rettenden, den ├╝berst├╝rzten und letzten Ausweg, nicht wissend, ob und wo ihre Flucht gelingen oder enden w├╝rde.

Verschlossene T├╝ren

Die Gesetze der Nazis, die in k├╝rzester Abfolge immer neue Bestimmungen erlie├čen, machten den Ausweg ins rettende Ausland schwierig bis unm├Âglich. Die L├Ąnder, die bereit waren, Juden aufzunehmen, beschr├Ąnkten die Quote immer mehr oder verlangten Affidavits, die viele nicht erbringen konnten.

Alle Gespr├Ąche und Gedanken der verzweifelten Menschen drehten sich nur noch um T├╝ren, die sich nach und nach schlossen, Reiserouten, die sich st├Ąndig ├Ąnderten, weil mehr und mehr L├Ąnder ihre T├╝ren f├╝r die J├╝dinnen und Juden zumachten.

Die Lyrikerin, "K├Ânigin der Caf├ęs" und Avantgardistin Else Lasker-Sch├╝ler, die 1939 nach Israel emigriert war, hatte in ihrem letzten, 1943 in Jerusalem erschienen Gedichtband, "Mein blaues Klavier" durch die Widmung und das erste Gedicht des kleinen Bandes seine Hauptthematik erkennen lassen: "Prinz Jussufs" (wie Else Lasker-Sch├╝ler sich selbst nannte) Abschied von den Freundinnen.
Zuvor hatte das NS-Regime in Deutschland Lasker-Sch├╝lers Arbeiten als "sch├Ądliches und unerw├╝nschtes Schrifttum" verunglimpft und verboten. Der j├╝dischen Dichterin blieb nur mehr die Flucht von Berlin nach Z├╝rich. Als die 70-j├Ąhrige jedoch im M├Ąrz 1939 bei ihrer R├╝ckkehr von Pal├Ąstina nicht wieder in die Schweiz einreisen durfte - denn die Schweiz hatte den Aufenthalt des deutschen Fl├╝chtlings zuvor nur widerwillig toleriert - emigrierte Else Lasker-Sch├╝ler ganz ins "Hebr├Ąerland".

Aus der Ferne erlebte sie fassungslos die Verfolgung und Vernichtung der europ├Ąischen J├╝dinnen und Juden. Trauer, Schmerz, und Einsamkeit sprechen aus ihrer letzten Gedichtsammlung, die sie mit folgender Widmung versah: "Meinen unverge├člichen Freunden und Freundinnen in den St├Ądten Deutschlands - und denen, die wie ich vertrieben und nun zerstreut in der Welt, in Treue!"
An ihrem Grab am ├ľlberg sprach der Rabbiner Verse aus "Mein blaues Klavier": "Ich wei├č, da├č ich bald sterben mu├č / ... / Ich setze leise meinen Fu├č / Auf den Pfad zum ewigen Heime."

Eine Auswahl der portraitierten j├╝dischen Emigrantinnen

Gertrud Bing ÔÇô Margarete Edelheim ÔÇô Grete Fischer ÔÇô Anna Frank-Klein ÔÇô Mascha Kal├ęko ÔÇô Judith Kerr ÔÇô Ruth Klinger ÔÇô Else Lasker-Sch├╝ler ÔÇô Monika Mann ÔÇô Hilde Marx ÔÇô Hertha Nathorff ÔÇô Lilli Palmer ÔÇô Lessie Sachs ÔÇô Tisa von der Schulenburg ÔÇô Anna Seghers ÔÇô Gabriele Tergit ÔÇô Friderike Zweig

Trotz der F├╝lle von Informationen und vielf├Ąltigen Querverbindungen von Menschen und Orten, gelingt es der Autorin Kristine von Soden, die Leserin den Wegen der Exilantinnen folgen zu k├Ânnen, sie teilhaben zu lassen in ihrer Spurensuche, dessen temporeiche Sprache die Atemlosigkeit der verfolgten Emigrantinnen erfahrbar macht.

AVIVA-Tipp: Aus den vielfach nur mosaikartig vorhandenen Informationen und Bruchst├╝cken zerst├Ârter Leben und Existenzen setzte Kristine von Soden ein Bild zusammen, das deutlich macht, wie komplex die Vorbereitung und Durchf├╝hrung der Flucht ins rettende Ausland war. "Und drau├čen weht ein fremder Wind .... ├ťber die Meere ins Exil" liefert einen neuen Blick auf Leben und ├ťberleben der emigrierten j├╝dischen Frauen.
Ein Zeitzeugnis im besten Sinne des Wortes.

Zur Autorin: Kristine von Soden, Dr. phil., ist geb├╝rtige Hamburgerin und lebt in Wiesbaden. Als Featureautorin des NDR und DLF sowie als Dozentin an der Hamburger Universit├Ąt besch├Ąftigte sie sich viele Jahre mit den Biografien j├╝discher Wissenschaftlerinnen, Schriftstellerinnen und K├╝nstlerinnen in der Weimarer Republik. Seit ihrer Kindheit dem Meer sehr verbunden, schrieb sie mehrere feuilletonistische B├╝cher ├╝ber die Nordsee und die Ostsee ÔÇô wo die Weimarer Prominenz einst zur Sommerfrische weilte, zuletzt: Ahrenshoop: Balancieren auf der Meerschaumlinie (2015). Von Sommer bis Herbst ist die Autorin in Ahrenshoop mit literarischen Rundg├Ąngen unterwegs und betreibt dort ihre Ahrenshooper Schreibwerkstatt.
Mehr Infos unter: www.vonsoden.de

Kristine von Soden
Und drau├čen weht ein fremder Wind ....
├ťber die Meere ins Exil

AvivA Verlag, erschienen 2016
240 S., gebunden, zahlreiche Abbildungen
ISBN 978-3-932338-85-4
19,90 Euro
www.aviva-verlag.de

Die Exilsammlungen der Deutschen Nationalbibliothek sind online unter: www.dnb.de

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