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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.01.2017

Gabriel Berger - Umgeben von Hass und Mitgef├╝hl
Beate Niemann

Gedanken zum Verstehen von Beate Niemann, die ihre Erinnerung und Auseinandersetzung mit ihrem Vater, dem Nazit├Ąter Bruno Sattler, Mitglied eines Sonderkommandos der EG B, dem "Vorkommando Moskau", anhand von Bergers Publikation verarbeitet.



Der Versuch, ein Wiederaufleben j├╝dischen Lebens in Polen zu wagen und kurze Zeit scheinbar erfolgreich zu sein, erscheint heute wie ein M├Ąrchen. Gabriel Berger schreibt und beschreibt das Zeitgeschehen in Polen in der Zeit von 1945 ÔÇô 1949 mit einem respekteinfl├Â├čenden Detailwissen, mit belegten und aufgef├╝hrten Daten und Fakten, an denen es nichts zu deuteln gibt. Das gilt auch f├╝r seine eindringlichen Beschreibungen einzelner Personen. Ihr Mut, ihre Vorstellungen eines Neubeginns j├╝dischen Lebens in einem Land, in dem die ersten j├╝dischen Ansiedlungen bereits im 11. Jahrhundert nachgewiesen sind, zu wagen, ihr Scheitern zu erfahren, macht mich (die Rezensentin, Anm. der Red.) traurig und w├╝tend zugleich.

Gabriel Berger zitiert zwei Meldungen der Einsatzgruppe B vom Juli 1941: "Polen in den neu besetzten Gebieten bei ┬┤Selbstreinigungsprozessen┬┤ einzusetzen" und "es hat sich gezeigt, dass der polnische Teil der Bev├Âlkerung die Durchf├╝hrung der Aktion der Sipo (Sicherheitspolizei) durch Hinweise auf russische, j├╝dische, aber auch auf polnische Bolschewisten unterst├╝tzt."

Ab September 1941 war mein Vater Bruno Sattler Mitglied eines Sonderkommandos der EG B, dem "Vorkommando Moskau". Die Mordaktionen dieses kleinen, aus sechs bis acht deutschen "Spezialisten" bestehenden Kommandos und ihren lokalen "Hilfswilligen" wurden in den 14-t├Ągigen Einsatzberichten gesondert ausgewiesen.

Zur Verdeutlichung der Dimension der Mordaktionen:

"Als Teil der k├Ąmpfenden Verwaltung zog Arthur Nebe im Sommer 1941 als Chef der EG B hinter der Heeresgruppe Mitte her. Innerhalb von vier Monaten ermordete seine EG mehr als 45.000 Menschen". Zitat nach Zimmermann, Rassenutopie und Genozid, S. 269 f.
Mit meinem Wissen ├╝ber die Massenmorde der Deutschen an Juden, Roma, sogenannten Partisanen, Kranken, unliebsamen Personen, "sog, lebensunwerten" Menschen, ganzer Dorfgemeinschaften, habe ich mir nicht vorstellen k├Ânnen, dass die wenigen j├╝dischen ├ťberlebenden den Versuch wagten, sich in Polen noch einmal anzusiedeln.

Das Buch zwingt durch seine Genauigkeit und Beweislast zu sorgf├Ąltigem Lesen, um die Geschichte verstehen zu k├Ânnen. F├╝r mich ist Gabriel Bergers Buch ein wichtiger Teil der Grundlagenforschung ├╝ber Polen nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Es erscheint in einer Zeit, in der in Polen die Uhren r├╝ckw├Ąrts gestellt werden. Die Leiterin des Polnischen Kulturinstituts Katarzyna Wielga-Skolimowska wird entlassen, weil sie "zu viele j├╝dische Themen und zu wenig stolze polnische" in ihrem Programm hat. Das im Bau befindliche Museum des Zweiten Weltkrieges in Danzig wird inhaltlich ver├Ąndert, Polen und seine polnischen B├╝rger und B├╝rgerinnen werden jetzt als Menschen ohne Fehl und Tadel dargestellt, sollen heroisiert werden. Das Museum soll das Leid der Polen zeigen, das j├╝dische Leid kommt nicht mehr vor.

Was machen wir nun mit unserem Wissen?

Das Buch f├Ąngt da an wo das Leben meines Vaters als Nazit├Ąter aufh├Ârt. Er floh am 9. Mai 1945 bei Linz ├╝ber die Grenze nach Deutschland, nicht mehr der SS-Sturmbannf├╝hrer sondern ein Mann in Zivil mit sechs verschiedenen Ausweispapieren. Es hat ihm nichts genutzt. Von 1947 bis zu seinem Tod 1972 war er in Gef├Ąngnissen der sowjetischen Macht inhaftiert, ab 1949 in DDR Gef├Ąngnissen. Er war einer der wenigen aus der dritten, vierten Reihe der M├Ârder, der tats├Ąchlich mit lebenslanger Haftstrafe f├╝r seine Verbrechen b├╝├čte.

In meinem neuen Buch "Ich lasse das Vergessen nicht zu", Lichtig Verlag, Berlin, 2017, beschreibe ich meinen Weg durch die Nachkriegsgeschichte Deutschlands bis heute und warum ich das Vergessen nicht zulassen kann. Auch Gabriel Bergers Buch ist ein Beweis daf├╝r, wie notwendig es ist, sich zu erinnern.

AVIVA-Tipp: Es ist eine l├Ąngst versp├Ątete Diskussion ├╝ber die l├Ąstige historische Wahrheit, die Gabriel Berger mit seinem Buch "Umgeben von Hass und Mitgef├╝hl" entzaubert. Der Heldenmythos der widerst├Ąndigen Polen, der seine j├╝dischen B├╝rger gesch├╝tzt hat, f├Ąllt mit jeder Seite des Buches auseinander.

Zum Autor: Gabriel Berger, geboren 1944 in Valence, Frankreich. Zwischen 1945 bis 1977 Aufenthalte in Belgne, Polen, DDR, BRD. 1981 -83 Philosophiestudium an der TU Berlin und journalistische T├Ątigkeit, sp├Ąter IT-Trainer Autor. 2015 Beitr├Ąge im Buch "Beidseits von Auschwitz"; Lichtig Verlag Berlin.
Mehr Infos unter: www.gabriel-berger.de

Gabriel Berger
Umgeben von Hass und Mitgef├╝hl

Lichtig-Verlag, Berlin, erschienen im September 2016
ISBN: 978-3-929905-36-6
200 Seiten
EUR 14,90
www.lichtig-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Nea Weissberg, J├╝rgen M├╝ller-Hohagen. Beidseits von Auschwitz Identit├Ąten in Deutschland nach 1945. Drei├čig Beitr├Ąge und Schlussgedanken von Halina Birenbaum
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Literatur > Sachbuch Beitrag vom 11.01.2017 AVIVA-Redaktion 





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